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    Silvi
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Silvi
    Von Sascha Westphal

    Von Anfang an drängen sich Erinnerungen an die Filme von John Cassavetes und an seinen Star Gena Rowlands auf. Nico Sommer verweist in „Silvi“, seinem ersten langen Spielfilm, zwar nie direkt auf Cassavetes’ mittlerweile schon legendäre Klassiker „Gesichter“ und „Eine Frau unter Einfluss“, aber ihr Geist ist in diesem beinahe schon dokumentarischen Porträt einer Frau auf der Suche allgegenwärtig. Gleich die erste Szene, ein lakonisches Protokoll des ebenso bitteren wie banalen Endes einer langjährigen Ehe, kann einem schier den Atem rauben. In diesen Momenten beschwört Sommer eine drückende, immer unerträglicher werdende Enge herauf, die eigentlich nur in einer Art Explosion enden kann. Doch diesen simplen Ausweg versagt sich der Debütregisseur und weckt damit umso größere Erwartungen. Diese Form emotionaler Ehrlichkeit, die schon an Brutalität grenzt, war charakteristisch für John Cassavetes’ Arbeiten. Ihr in einem deutschen Film zu begegnen, ist ein Versprechen, das in „Silvi“ allerdings nur in Teilen eingelöst wird.

    Für die 47-jährige Silvi (Lina Wendel) gab es immer nur einen einzigen Mann, Michael (Thorsten Merten), und den hat sie vor weit mehr als 20 Jahren geheiratet. In dieser Zeit kreiste nahezu das ganze Leben der Buchhändlerin um ihre Ehe und ihre Familie. In dem Moment, in dem Michael ihr verkündet, dass er es nicht mehr aushält in dieser Beziehung, dass er dem Trott des gemeinsamen Alltags entfliehen muss, bricht für Silvi alles zusammen. Sie verliert damit nicht nur ihren Partner, ihre ganze Welt versinkt im Nichts. Monate später wagt sie dann die ersten Schritte hinein in eine Zukunft, die ungewiss und unsicher, furchteinflößend und fragil ist. Eine Freundin rät ihr, neue Bekanntschaften zu machen, ihre Freiheit zu nutzen. Und genau das macht Silvi schließlich. Doch die Männer, denen sie begegnet, der Busfahrer Uwe (Harald Polzin), der Unternehmer Juan (Iván Gallardo) und der alleinerziehende Vater Thomas (Peter Trabner), sind letztlich nur mit sich und ihren eigenen Obsessionen beschäftigt.

    Wie John Cassavetes bleibt auch Nico Sommer immer ganz nah an seinen Protagonisten dran. Wenn sich wieder einmal eine von Silvis Bekanntschaften als Egoist oder Neurotiker, als gedankenloser Sadist oder als halsstarriger Masochist entpuppt, gibt es kein Entkommen aus dem Gefühl der Enttäuschung und des Verrats. Alexander du Prels („Swansong“) Kamera fängt jede kleinste Regung in Lina Wendels Gesicht ein. Der Blick, den Sommer und du Prel auf Silvi werfen, hat etwas Unerbittliches; und Lina Wendel lässt sich vorbehaltlos auf dieses Spiel mit filmischer Authentizität ein. Sie verzichtet auf jegliche Schutzmechanismen. Jeder Gedanke und jedes Gefühl liegt offen da in ihren Augen und ihren Gesichtszügen, ihrer Körperhaltung und ihren Bewegungen. Wie einst Gena Rowlands entblößt sie ihr Innerstes mit einer Selbstverständlichkeit, die schon schmerzlich ist. Ihre Schutzlosigkeit, aber auch ihre Stärke übt eine überwältigende Wirkung aus.

    Die extreme Nähe, die Nico Sommer immer wieder zu Silvi und ihrer Beziehungsodyssee sucht, erzeugt zugleich eine ungeheuere Offenheit. Die Szenen und Situationen, die Debütautorin Julia Stiebe in ihrem Drehbuch entworfen hat, werden durchlässig für Improvisationen und spontane Reaktionen. Die Erzählung wird zu einem Fluss, der seinen eigenen Rhythmus entwickelt. Nicht das Geschehen steht im Vordergrund, sondern die Gefühle, mit denen Silvi und die Männer um sie herum ringen. Nur sind die drei Liebhaber, denen die Buchhändlerin begegnet, längst nicht so vielschichtig angelegt wie sie. Jeder von ihnen ist auf seine Art ein Ausbeuter von Gefühlen und Sehnsüchten, jeder setzt sie unter Druck und denkt dabei nur an seine eigenen Bedürfnisse. Das ist durchaus konsequent, aber eben auch einseitig. Während sich die Frauen letztlich mit den Wunden des Lebens arrangieren und immer wieder von neuem beginnen können, scheinen die Männer Gefangene zu sein, dazu verdammt auf ewig um sich selbst zu kreisen.

    Fazit: Es ist nicht so, dass Nico Sommer und seine Drehbuchautorin Julia Stiebe die Männer, denen Silvi auf ihrem Weg in ein neues, selbstbestimmtes und unabhängiges Leben begegnet, bewusst denunzieren oder lächerlich machen. Doch ganz so kaputt müssten Silvis Männer einfach nicht sein. Sommer und Stiebe gehen immer einen letzten Schritt zu weit. Damit nehmen sie ihrem Film, dessen raue Intensität ungeheuer erfrischend wirkt und der tatsächlich den Vergleich mit den Arbeiten John Cassavetes’ nicht scheuen muss, schließlich etwas von seiner Wahrhaftigkeit.

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