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    Winterschlaf
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Winterschlaf
    Von Michael Meyns
    Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan mit der Goldenen Palme ausgezeichnet werden würde: Für seinen vorigen Film „Es war einmal in Anatolien“ hatte er in Cannes den Großen Preis der Jury erhalten, für „Drei Affen“ den Regie-Preis, für frühere Werke zig andere Auszeichnungen. 2014 also folgte endlich der Hauptpreis für „Winterschlaf“, ein 196 Minuten langes Epos, in dem kaum etwas passiert und doch unendlich viel erzählt wird. Stilistisch weniger streng als in früheren Filme schildert Ceylan den langsamen Verfall der Ehe zwischen einem ehemaligen Schauspieler und seiner jüngeren Frau, die in der Einsamkeit des anatolischen Kappadokiens ein Hotel betreiben und durch äußere Umstände zu zersetzenden Diskussionen gezwungen werden, an deren Ende sie ihr bisheriges Leben und ihre scheinbar festen Ansichten komplett in Frage stellen.

    Ein kleines Dorf in Kappadokien, im Herzen der Türkei. Hier ist der Ex-Schauspieler Aydin (Haluk Bilginer) geboren worden, hierhin ist er nach dem Tod der Eltern zurückgekehrt und hier betreibt er nun mit seiner geschiedenen Schwester Necla (Demet Akbag) ein kleines Hotel. Die meiste Arbeit, auch die Verhandlungen mit den Mietern der zahlreichen Häuser, die Aydin zusätzlich besitzt, führt der Hausmeister Hidayet (Ayberk Pekcan). Der ehemalige Mime kümmert sich nicht um solche profanen Dinge, sondern verfasst kultur- und gesellschaftskritische Kommentare für eine Lokalzeitung und plant ein Buch über die Geschichte des türkischen Theaters. Seine deutlich jüngere Frau Nihal (Melisa Sözen) versucht sich derweil in humanitärer Mission und fördert lokale Schulen. Unerwartete Probleme mit einem Mieter bringen das wohltarierte Gleichgewicht der Beziehungen durcheinander und bringen Gewissheiten ins Wanken.


    Nuri Bilge Ceylan ist ein Moralist. In all seinen Filmen seziert er menschliches Verhalten, kreiert extreme Situationen, aus denen es keinen einfachen Ausweg gibt und stellt auf diese Weise scheinbar unumstößliche moralische Normen in Frage. In seinen früheren Filmen ging dies mit einer etwas machohaften Sicht auf Geschlechterrollen einher: Die Frauenfiguren wurden stets von Männern dominiert, deren oft selbstgerechte Attitüde vom Regisseur nicht in Frage gestellt wurden. Vielmehr hat Ceylan diese Rollen (etwa in „Climates“) häufig selbst gespielt. Nun ist auch „Winterschlaf“ dezidiert aus männlicher Sicht gefilmt und es dominiert ein männlicher Blick. So wird die ohnehin schon überaus attraktive Hauptdarstellerin Melisa Sözen auch noch in betont weiches Licht getaucht, was sie noch verführerischer macht. Doch anders als in den älteren Werken des Filmemachers ist der Protagonist diesmal eine durch und durch ambivalente Figur.

    Anfangs wirkt dieser Aydin noch wie ein weltoffener Intellektueller, der gern mit seinen Gästen aus aller Welt plaudert, in dessen Arbeitszimmer Plakate (von Camus bis Shakespeare) von seiner Bildung zeugen, und der in seinen Kommentaren für eine Lokalzeitung den kulturellen Verfall einer zunehmend oberflächlichen, haltungslosen Welt beklagt. Seine Frau, die sich für lokale Schulprojekte einsetzt und in ihrer Hilfsarbeit stets ein bisschen gönnerhaft erscheint, wird von Aydin kritisiert. Er stellt ihr Leben und ihr Verhalten fortwährend in Frage. Aber die Figuren sind hier keinesfalls einseitig gezeichnet, Ceylan fällt kein dezidiertes Urteil, sondern deckt Widersprüche auf. Mal wirkt Aydin wie ein weiser älterer Herr, dann wieder wie ein bornierter Gutsbesitzer, der sich in geistigen Sphären fernab des Durchschnittsbürgers bewegt und manchmal eben auch wie ein selbstgerechter Besserwisser.

    Der Regisseur fächert ein ganzes Spektrum moralischer Haltungen auf, wobei alle als auf ihre Weise nachvollziehbar erscheinen. Er gibt dem Zuschauer nicht vor, was er denken soll, weder spielt er seine Figuren gegeneinander aus, noch   reduziert er sie zu archetypischen Repräsentanten dieser oder jener Ansicht. Die sehr offene Erzählstruktur fast ohne äußere Handlung macht „Winterschlaf“ zu einem faszinierenden, zuweilen nicht leicht greifbaren Film, der große Aufmerksamkeit erfordert. Im Gegenzug wird der Betrachter mit einer meisterlichen Charakterstudie belohnt, einer reifen Reflexion über die Natur des Menschen, über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, von Ober- und Unterschicht, von Bildungsbürgertum und Arbeiterklasse sowie nicht zuletzt von Mann und Frau.

    Fazit: Nuri Bilge Ceylans erzählt in  „Winterschlaf“ in ausgedehnten, ausgefeilten Dialogpassagen vom langsamen Verfall einer Ehe. Die in Cannes hochverdient mit der Goldenen Palme ausgezeichnete epische Charakterstudie ist zuweilen anstrengend, aber dafür höchst inspirierend.
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