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Avengers 3: Infinity War
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Avengers 3: Infinity War
Von
Mit „Avengers: Infinity War“ kommt das große Marvel-Universum nach zehn Jahren und bislang 18 Filmen an einen Wendepunkt und es scheint, dass lange keinem Werk mehr so entgegengefiebert wurde wie diesem. Durch das Marketing und geschickte öffentliche (Nicht-)Äußerungen wurden die gigantischen Erwartungen noch befeuert. Damit so wenig wie möglich rauskommt, bekamen selbst die Darsteller den Film nicht vorab zu sehen und die Regisseure Joe und Anthony Russo rieten zuletzt sogar den Fans, das Internet komplett zu meiden. Die zuweilen an Hysterie grenzende Aufregung ging so weit, dass es bereits als Spoiler betrachtet wurde, wenn man nur erwähnte, dass der Film mit einer schockierenden Stärkedemonstration des Protagonisten beginnt – aber auch diese vage Information wurde von den Machern natürlich bewusst gestreut, um den Hype anzufachen. Als Spoiler galt bei einigen Fans plötzlich nicht mehr nur die Frage, wer stirbt, sondern bereits die Andeutung, dass es überhaupt irgendeinen der Helden erwischen könnte.

Daher müssen wir hier warnen: Im Rahmen der nachfolgenden Kritik wird, wo es für die Besprechung nötig ist, konkret auf den Inhalt eingegangen und unter anderem die Frage beantwortet, ob Helden sterben. Wer rein gar nichts mehr erfahren will, sollte daher nach diesem Absatz das Lesen abbrechen und erst nach der Filmansicht zurückkehren. Vorher können wir ihm aber noch mitgeben, dass die Regisseure mit „Avengers: Infinity War“ genau den epischen Comic-Blockbuster abgeliefert haben, auf den das MCU seit zehn Jahren zugesteuert ist. Sie spannen geschickt einen großen Erzählbogen über alle bisherigen Filme. Ihre volle Wirkung wird die daraus resultierende Geschichte aber nur für die Zuschauer entwickeln, die mit all den vielen bereits in den Vorgängerfilmen etablierten Figuren mitfiebern können.

Der Titan Thanos (Josh Brolin) will die Hälfte der Bevölkerung jedes einzelnen Planeten auslöschen. Um dies zu erreichen, ist er hinter den Infinity-Steinen her, denn wer alle sechs dieser Artefakte besitzt, dem verleihen sie eine gottgleiche Allmacht. Dann reicht ihm ein einziges Fingerschnipsen, um Milliarden von Lebewesen im ganzen Universum zu töten. Da sich einzelne Steine auch auf der Erde befinden, schickt er seine „Kinder“, riesige Krieger, die sich die Black Order nennen, auf unseren Planeten, während er selbst im All die übrigen Steine einsammeln will. Doch längst haben einige Avengers und andere Helden von seinen Plänen erfahren und versuchen, ihn aufzuhalten. Doch haben Iron Man (Robert Downey Jr.), Steve Rogers (Chris Evans), Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) oder Thor (Chris Hemsworth) überhaupt eine Chance gegen das mächtige Wesen?


Die Frage, wie die vielen Helden jemals Thanos besiegen können, steht im Zentrum von „Avengers: Infinity War“. Produzent und Marvel-Mastermind Kevin Feige verriet früh, dass man nach fünf Minuten verstehen werde, wie mächtig Thanos sei. Jeder – uns eingeschlossen – leitete daraus ab, dass er früh eine bekannte Figur töten würde. So sitzt man schon am Anfang auf der Stuhlkante und es wird tatsächlich sofort verdeutlicht, dass dies der bislang mit weitem Abstand gefährlichste Gegner für unsere Helden ist. Aber wie das genau gemacht wird, ist durchaus unerwartet und atemberaubend. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie die Macher von Marvel und die nach den Captain-America-Filmen „Winter Soldier“ und „Civil War“ zum dritten Mal auf dem MCU-Regiestuhl sitzenden Russo-Brüder Erwartungen aufgebaut haben, die oft erfüllt, ebenso oft jedoch auch geschickt unterlaufen werden. Dies trägt ungemein zur hohen Spannung von „Avengers: Infinity War“ bei.

Bei Comic-Verfilmungen muss man eigentlich selten um die Protagonisten bangen, denn am Ende überleben sie sowieso. Um hier gleich den großen Elefanten im Raum anzusprechen: In „Avengers: Infinity War“ sterben Helden und nicht nur deswegen sind die Ereignisse unberechenbar. Für jede Figur könnte das nächste Treffen mit Thanos oder den Mitgliedern seiner Black Order der letzte Auftritt sein. Die auch hier wieder sehr ausufernden und teilweise auch überladenen CGI-Schlachten bekommen so eine ganz andere Dynamik als gewohnt. Es ist eben kein Neuaufguss des „Civil War“-Finales, in dem die eigentlich Guten sich mit zwar reichlich Schaum vor dem Mund, aber auch ein wenig angezogener Handbremse untereinander kloppen. In „Infinity War“ geht es wirklich um Leben und Tod.

Dieses Bangen um jede einzelne Figur funktioniert vor allem, weil sie uns seit vielen Jahren begleiten. Hier ist nicht der Platz für die große Charakterausgestaltung, die Russos vertrauen darauf, dass der Zuschauer die Spleens und Ticks seiner Lieblinge aus den Vorgängern kennt. Die Befürchtung, dass „Infinity War“ mit seinem riesigen Helden-Tableau überfrachtet sein könnte, erweist sich indes als unnötig. Vielmehr gelingt es den Russos ausgesprochen gut, die Abenteuer der verschiedenen Helden und die daraus resultierenden Handlungsstränge parallel zu erzählen. Die Frage „Was macht der eigentlich jetzt gerade nochmal?“ wird sicher dem ein oder anderen Zuschauer hin und wieder durch den Kopf spuken, doch meist kommt genau in dem Moment die Antwort. Und die daraus resultierenden Sprünge quer durch das Universum reißen einen nie aus dem Geschehen heraus, sondern sorgen für zusätzliche Dynamik.

Dass die zahlreichen Helden, Bösewichte, Nebenfiguren und Überraschungsauftritte fast alle gut bis hervorragend zur Geltung kommen, ist auch ein Verdienst der Darsteller, die in zum Teil ungewöhnlichen Konstellationen bestens miteinander harmonieren. So ist Topstar Robert Downey Jr. als Tony Stark alias Iron Man mal wieder voll in seinem Element, zeigt als einer der emotionalen Anker des Films aber auch neue Seiten. Und auch seine Kollegen nutzen den Freiraum, den es trotz der vielen Actionszenen immer wieder gibt, zu schauspielerisch starken Momenten. Vor allem Chris Hemsworth als ramponierter Donnergott sowie „Scarlet Witch“ Elizabeth Olsen und Paul Bettany als Vision geben den emotionalen Momenten des Films eine spürbar tragische Dimension, die hier ungemein wichtig ist, denn wie gesagt: In „Infinity War“ sind die Einsätze so hoch wie noch nie.

Da „Avengers: Infinity War“ aber natürlich auch ein spaßiges Spektakel sein soll, mussten Joe und Anthony Russo einen besonders schwierigen Spagat zwischen Tragik und Komik vollführen. Erscheint es angemessen, wenn eine Figur, die gerade einen schmerzlichen Verlust erlitten hat, unmittelbar danach einen witzigen Spruch abgibt? Oft bewegen sich die Russos dabei hart an der Grenze, doch am Ende passt die Balance, auch weil hier selbst die schrägsten Figuren und die ungewöhnlichsten Paarungen immer etwas im Rahmen der Geschichte Selbstverständliches an sich haben.

Der köstlich-überspitzte Ego-Clash beim Treffen von Iron Man und Doctor Strange oder das Zusammenspiel von Thor und den Guardians wirken nicht wie erzwungene Stimmungswechsel, sondern stehen ganz in der MCU-Tradition der Figuren. Gerade im ersten Drittel erweist sich zudem der Running Gag mit Bruce Banners Unkenntnis über die Geschehnisse auf der Erde in den vergangenen Jahren als gelungene Auflockerung (die ganz nebenbei genutzt wird, um ein paar Informationen auch für das Publikum noch einmal aufzufrischen).

Wie es die Macher vorher angekündigt haben, ist aber Thanos das wirkliche Zentrum des Films. Trotz einer illustrierenden Rückblende und einiger emotional angelegter Momente, ist die Figur allerdings nicht wirklich ausgearbeitet. Man muss als Zuschauer trotz vager Erklärungen letztlich einfach hinnehmen, dass dieser verrückte Titan die Hälfte der Bewohner jedes Planeten ausrotten will. Aber es hilft ungemein, dass Josh Brolin vor allem durch seine tiefe Stimme (in der Originalfassung) eine gnadenlose Überlegenheit und Arroganz ausstrahlt. Er besitzt die gefährliche Autorität eines echten Schurken und so ist er eben der böseste Badass-Gegner, den man sich nur vorstellen kann. Es mag vielleicht 14 Millionen und 605 Wege geben, gegen ihn zu kämpfen, aber nahezu keinen, ihn dabei auch zu besiegen.

Da Thanos wie sehr viele Figuren in „Avengers: Infinity War“ aus dem Computer kommt, ist Brolins Minenspiel eingeschränkt. In den Großaufnahmen kommen wir dem Schauspieler hinter dem Titan und damit dessen Seelenleben trotzdem recht nahe. Die Computereffekte in den großen Massenszenen können da wie schon bei einigen vorherigen Marvel-Produktionen nicht ganz mithalten. Es ist deutlich zu erkennen, wo das Hauptaugenmerk der Künstler lag und welche Elemente etwas vernachlässigt wurden. Gerade bei der großen Schlacht von Wakanda ist dies hin und wieder ein Problem, zumal bei dieser riesigen Actionsequenz mit diversen Helden, Hunderten afrikanischen Kriegern und einer schier unendlichen Zahl außerirdischer Kanonenfutter-Wesen bisweilen die Übersichtlichkeit auf der Strecke bleibt und es nicht immer gelingt, die verschiedenen Aspekte dieses Kampfes überzeugend in Einklang zu bringen.

ACHTUNG SPOILER: Wir müssen über das Ende reden!

Für die Bewertung von „Avengers: Infinity War“ spielt es nicht nur eine Rolle, ob der Zuschauer mit den Helden vertraut ist und deshalb besser mit ihnen mitfiebern kann, sondern auch die Einordnung des Endes ist von entscheidender Bedeutung. Daher müssen wir hier ausnahmsweise etwas genauer auf den Schluss eingehen, um zu verdeutlichen, warum wir uns am Ende für 4 Sterne entschieden haben. Wir bemühen uns, so unbestimmt wie möglich zu bleiben, raten aber allen Lesern, die den Film noch nicht gesehen haben, von hier direkt zum Fazit zu springen, also die folgenden zwei Absätze zu ignorieren und erst nach dem Film zu lesen.

Letzte SPOILER-Warnung!!!

„Avengers: Infinity War“ ist kein Film, der für sich alleine steht. Das liegt einerseits daran, dass Vorwissen aus früheren Filmen nicht nur sehr hilfreich, sondern auch nötig ist. Andererseits und vor allem bricht der „Infinity War“ gleichsam mittendrin ab und wird erst im April 2019 fortgesetzt. Schon um den Titel dieser Fortführung wird erneut ein riesiges Geheimnis gemacht. Dass „Avengers 4“ womöglich – wie auch mal ursprünglich angekündigt und nun mit einem simplen Strich angedeutet – wieder „Infinity War Part II“ heißen könnte, illustriert das Dilemma: Denn der dritte „Avengers“-Film ist am Ende des Tages nur ein „Part I“, nur eine noch unvollendete Hälfte.

Wie die Geschichte fortgeschrieben wird, hat so in diesem Fall eine direkte Auswirkung auf die Einschätzung der auf einer sehr düsteren Note endenden ersten Hälfte. Sollte ihr wuchtig-niederschmetterndes Finale mit einem Fingerschnipsen wieder ungeschehen gemacht werden, würde das auch „Avengers: Infinity War“ im Nachhinein entwerten. Aufgrund der klug gesetzten Andeutungen, die es hier zum Ende hin gibt und die eine auf den ersten Blick katastrophale Entscheidung eines gewissen Magiers in einem anderen Licht erscheinen lassen, vertrauen wir momentan darauf, dass Kevin Feige, die Russo-Brüder und ihre Autoren im nächsten Film überzeugend an dieses vorläufige Ende anknüpfen. Andernfalls müssten wir mit dem angesprochenen gewissen Magier noch ein Hühnchen rupfen. Für eine tiefergehende Diskussion dazu verweisen wir übrigens auf unseren Extra-Artikel zum Ende.

SPOILER-ENDE!

Fazit: „Avengers: Infinity War“ ist ein Spektakel für alle Fans der Marvel-Helden und als logische Fortschreibung der 18 vorherigen Filme richtig stark – aber er kann nur bedingt für sich alleine stehen.
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