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    Blackhat
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Blackhat
    Von Carsten Baumgardt

    Die gute Nachricht: Die Fans von Meisterregisseur Michael Mann können aufatmen, denn dessen längste Kinoschaffenspause seit der Periode 1986 („Blutmond“) bis 1992 („Der letzte Mohikaner“) ist beendet. Die schlechte Nachricht: Der energetische Cyber-Action-Thriller „Blackhat“ ist zwar dank Manns handwerklicher Perfektion ein guter Film, aber bleibt weit entfernt von seinen Über-Meisterwerken „Heat“ und „Insider“. Eher erinnert der neue Film an Manns Kinoversion von „Miami Vice“ – ein visuell exzellentes Werk, das erzählerisch aus dem Ruder lief. Auch und besonders für „Blackhat“ gilt: Was die Handelnden da auf der Leinwand tatsächlich treiben, ist nur leidlich nachvollziehbar, dafür sieht der Film super aus und bietet in den besten Momenten Michael-Mann-Action voller Energie und Eleganz!

    Hacker sabotieren die Computersysteme in einem chinesischen Atomkraftwerk und provozieren einen GAU. Die Regierung in Peking ist aufgeschreckt und beauftragt ihren Top-Experten für Cyber-Kriminalität, Chen Dawai (Leehom Wang), und dessen ähnlich versierte Schwester Chen Lien (Tang Wei), in die USA zu reisen und dort um Unterstützung zu bitten. Als an der Wall Street von den gleichen Tätern Börsenkurse manipuliert werden, ist das FBI unter Federführung von Special Agent Carol Barrett (Viola Davis) alarmiert. Der Code des Hackerprogramms ist eine Abwandlung eines Scripts, das Computergenie Nicholas Hathaway (Chris Hemsworth) vor vielen Jahren geschrieben hat. Dawai sorgt dafür, dass der Hacker, der eine 15-jährige Haftstrafe verbüßt, aus dem Knast kommt, wenn Hathaway als Gegenleistung hilft, die Cyber-Terroristen zu fassen. Pikant: Dawai und Hathaway waren einst an der MIT-Universität beste Freude und haben den Code zusammen geschrieben…

    Die Welt ist im Wandel! Nicht erst seit dem spektakulären Sony-Hack, der bei dem Major-Filmstudio so viel Dreck aufgewirbelt hat, dass man dort mit den Aufräumarbeiten noch einige Zeit beschäftigt sein wird. Früher waren Hacker seltsame, lichtscheue Gestalten, die aussahen wie Kevin Smith und in ungelüfteten Kellerzimmern zwischen Bergen von leeren Pizzaschachteln hockten. Heute sind sie auch mal schräge, komplett durchgepiercte Goth-Frauen (Noomi Rapace bzw. Rooney Mara als Lisbeth Salander aus „Verblendung“). Warum also nicht gleich den Sexiest Man Alive des Jahres 2014 vor die Tastatur klemmen? Das hat Michael Mann jedenfalls getan - zwar mit dem Nachteil, dass Chris „Thor“ Hemsworth („The Avengers“, „Rush“) als Super-Hacker ähnlich unglaubwürdig ist wie Elyas M’Barek in „Who Am I“, aber der kernig-sympathische Australier darf dafür ein gefühltes Dutzend Mal (mit spürbarer Ironie in Szene gesetzt) sein Hemd ausziehen und dem geneigten Publikum seinen perfekten Körper präsentieren.

    Der Hauptdarsteller ist nicht das Problem von „Blackhat“, vielmehr stolpert auch Michael Mann über eine altbekannte Schwierigkeit: Wenn Menschen vor dem Monitor sitzen und (meist unverständliche) Buchstaben- und Zahlenkolonnen eintippen, ist das erst einmal stinklangweilig. Deswegen werden diese Sequenzen gern mit allerlei Spielereien aufgepeppt. Baran bo Odar hatte im schon angesprochenen „Who Am I“ die geniale Idee, dem Internet in einem dunklen U-Bahn-Wagon eine konkrete Gestalt zu verleihen. Michael Mann geht eher den klassischen Weg. Er lässt seine Kamera so oft durch das Computerinnere, durch Kabelschächte und Schaltstellen rasen bis wirklich alle verstanden haben, was gemeint ist. Sonst fällt ihm zum Thema nicht viel ein und so fasst er sich in den folgenden Computerszenen kurz. Was die Hacker und Hacker-Jäger an ihren blinkenden Bildschirmen dabei im Detail veranstalten, lässt sich bestenfalls erahnen.

    Da die Arbeit von Hackern und IT-Spezialisten visuell nicht allzu viel hergibt, macht Michael Mann aus seinem Thriller kurzerhand eine globale Schnitzeljagd mit Stationen in den USA, China, Hongkong und Malaysia. Die kriminelle Bedrohung hat hochmoderne Ausprägungen und ist im Kern durchaus realistisch, erinnert aber in ihren exzentrischen Einzelheiten und wahnwitzigen Dimensionen auch an die schurkischen Pläne diverser Bond-Bösewichte. In diesem Zusammenhang ist es dann vollkommen selbstverständlich, dass aus dem Technikfreak Hathaway auf halber Strecke auch noch ein waschechter Actionheld wird und dass sich der coole Kriminelle, der bei der Vereitelung eines gigantischen Verbrechens helfen soll („The Rock“ lässt grüßen), als wahre Allzweckwaffe entpuppt: All das inszeniert Michael Mann mit leichtem Augenzwinkern. Und wenn Hathaway und Freundin plötzlich im Nirgendwo einer malaysischen Steinwüste irgendwelchen Spuren nachjagen und aus dürftigen Hinweisen in bester „Sherlock Holmes“-Manier weitreichende Schlüsse ziehen, dann muss man das einfach so hinnehmen, um an „Blackhat“ seinen Spaß zu haben.

    Ästhetisch ist „Blackhat“ der erwartete Hochgenuss. Michael Mann filmt erstmals komplett digital (selbst für seinen „Nachtfilm“ „Collateral“ drehte er einige Aufnahmen auf analogem 35-mm-Film), das gibt dem Thriller zusätzliche Dynamik und eine brillante Bildschärfe. Seine berühmten blaustichigen Präzisionseinstellungen und rasanten (Hand-)Kamerafahrten, bei denen man trotzdem stets die Übersicht behält, sind dabei weiterhin unverwechselbar und das mitreißende Sounddesign der krachenden Schießereien gemahnt teilweise an die monumentale Straßenschlacht aus „Heat“. In den Action-Szenen ist der Chicagoer Altmeister ganz in seinem Element und bei den Shoot-Outs in der zweiten Filmhälfte verbinden sich wie in seinen besten Zeiten inszenatorische Virtuosität und intensiv-emotionales Drama. Da wirkt dann auch die obligatorische Liebesgeschichte zwischen Hathaway und Lien gar nicht mehr aufgesetzt und wird zum Herzstück der Erzählung. Chris Hemsworth und Tang Wei („Gefahr und Begierde“), aber auch  Popstar Leehom Wang überzeugen als Sympathieträger und werden als sich nicht um Ideologien scherendes Trio zu Helden: Sie weisen den Weg für eine gelungene chinesisch-amerikanische Zusammenarbeit und machen die Geheimdienste dabei zu ihren Erfüllungsgehilfen.

    Fazit: Dieser Film könnte mehr für die Verbesserung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen leisten als US-Präsident Obama in seiner gesamten Amtszeit, auch wenn Michael Manns visuell brillanter Cyber-Thriller optisch weit mehr zu bieten hat als inhaltlich.

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