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    Tatort: Schwarzer Afghane
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Tatort: Schwarzer Afghane
    Von Lars-Christian Daniels
    Leipzig spielt in der öffentlich-rechtlichen Krimireihe „Tatort" in etwa die gleiche Rolle wie der VfL Wolfsburg in der Fußball-Bundesliga: Den eigenen Ansprüchen weit hinterher hechelnd, reicht es auch aufgrund durchwachsener Drehbücher qualitativ selten fürs obere Drittel, für dauerhaften Abstiegskampf ist die MDR-Produktion aber zu solide aufgestellt. Zwar sieht sich Simone Thomalla aufgrund ihres überschaubaren Mienenspiels häufig heftiger Kritik ausgesetzt, doch Martin Wuttke („Inglourious Basterds") holt als mürrischer Bulle der alten Schule in der Regel die Kastanien aus dem Feuer. In „Schwarzer Afghane", dem 16. gemeinsamen Einsatz des Leipziger Ermittlerduos, ist das leider anders: Seltsam teilnahmslos wirkt Wuttke, der seine Halbglatze diesmal konsequent unter einer beigen Kappe verbirgt und irgendwie zu ahnen scheint, dass das verkorkste Drehbuch von Holger Jancke („Drei Stern Rot") dem 866. „Tatort" früh das Genick bricht. Dass mit Thomas Jahn („Knockin‘ on Heaven‘s Door") ein leinwanderprobter und routinierter Regisseur am Ruder sitzt, rettet da am Ende zu wenig.

    Flughafen Leipzig: Hauptkommissar Andreas Keppler (Martin Wuttke) kehrt braungebrannt aus einem Vietnam-Urlaub zurück und wird von seiner Kollegin und Ex-Frau Eva Saalfeld (Simone Thomalla) gleich zu einem Tatort gerufen: Der afghanische Student Arian Bakhtari (Kostja Ullmann) ist am hellichten Tag mitten auf einer Wiese verbrannt. Die Spur führt die beiden Kommissare, denen Kriminaltechniker Menzel (Maxim Mehmet) wie immer wertvolle Dienste leistet, zu einem Deutsch-Afghanischen Freundschaftsverein, dessen Halle in der Nähe des Leichenfundorts abgebrannt ist und offenbar als Haschischlager zweckentfremdet wurde. Der Tote arbeitete für den Vermieter der Halle, den Spediteur Norbert Müller (Sylvester Groth), wurde aber entlassen, nachdem er sich an einer Ladung, die über den Flughafen an deutsche Einrichtungen in Afghanistan transportiert werden sollte, zu schaffen machte. Hat Bakhtari die Halle angezündet, um sich an Müller zu rächen?

    Wie schwach der „Schwarze Afghane" dramaturgisch auf der Brust ist, zeigt sich vor allem im direkten Vergleich zur inhaltlich ähnlich gelagerten, hochspannenden „Tatort"-Folge „Der Weg ins Paradies", in der sich Ex-Kommissar Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) 2011 in eine islamistische Terrorzelle einschleuste und in letzter Sekunde einen Bombenanschlag in einem Hamburger Hotel verhinderte. Drehbuchautor Holger Jancke, der nach „Blutschrift" (2006) zum zweiten Mal das Skript zu einem Leipziger „Tatort" beisteuert, quetscht seine Geschichte in ein typisches Whodunit-Korsett, das sich hier als Belastung erweist: Eine gefühlte Ewigkeit reiht sich eine einfallsarme Verdächtigen-Befragung an die nächste, ohne dass die Spannungskurve auch nur einmal nach oben ausschlagen würde. Immerhin: Wer sich immer schon gefragt hat, welche chemischen Eigenschaften eigentlich weißem Phosphor zugeschrieben werden, kann sein Allgemeinwissen ein wenig aufpolieren, weil Eva Saalfeld in bester „American Pie"-Manier Erinnerungen ans Ferienlager zum Besten gibt.

    Wie zuletzt bei den Bremer („Puppenspieler") und Wiener („Zwischen den Fronten") „Tatort"-Kollegen ist der einleitende Leichenfund nur Aufhänger für ein größer angelegtes Verbrechen. Hier geht es schließlich um einen Anschlag mit amerikanischen Raketen, was die Handlung im Schlussdrittel dominiert. Der nötige Twist verpufft dabei ohne nennenswerten Überraschungseffekt. Zumindest klärt sich nach einer Stunde die Täterfrage, so dass „Schwarzer Afghane" beim solide inszenierten Showdown auf dem Leipziger Flughafengelände endlich ein bisschen auf Touren kommt. Das ungeschriebene „Tatort"-Gesetz, dass der prominenteste Nebendarsteller meist den Mörder mimt, bewahrheitet sich immerhin nicht: Sowohl Wuttkes „Inglourious Basterds"-Co-Star Sylvester Groth, der zuletzt im Bodensee-„Tatort" „Die schöne Mona ist tot" als eiskalter Mörder und Hobbykoch brillierte, als auch der charismatische Anatole Taubman („James Bond 007: Ein Quantum Trost") baden ihre Hände in Unschuld und scheiden früh als ernstzunehmende Verdächtige aus.

    Fazit: „Schwarzer Afghane" hat das Potential für einen spannenden Krimi-Thriller. Allerdings gelingt es den Machern nicht, das Whodunit-Konstrukt mit der eigentlichen Story um einen von langer Hand geplanten Racheakt in Einklang zu bringen. Auch der hollywooderprobte Cast und der erfahrene Regisseur hieven den biederen „Tatort" nicht mehr auf ein durchschnittliches Niveau.
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