Mein Konto
    The Good Lie - Der Preis der Freiheit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    The Good Lie - Der Preis der Freiheit
    Von Christoph Petersen

    Der 1983 im Sudan ausgebrochene Bürgerkrieg hat mehr als 20.000 Jungen zu Waisen gemacht. In seinem Drama „The Good Lie“ erzählt der Kanadier Philippe Falardeau („Monsieur Lazhar“) nun die Geschichte von dreien dieser Lost Boys of Sudan, die nach einem 1.000 Meilen langen Fluchtmarsch und 13 Jahren in einem Flüchtlingscamp schließlich die Chance auf ein neues Leben in Kansas City erhalten, in den USA aber erst einmal auf ganz neue Herausforderungen stoßen. Gerade beim Casting hat der Regisseur dabei viel Wert auf Authentizität gelegt, so war mit dem Hip-Hop-Star Emmanuel Jal einer seiner drei Hauptdarsteller früher selbst Kindersoldat (in dem Dokumentarfilm „War Child“ von 2008 wird seine erste Rückkehr in den Sudan als Erwachsener geschildert). Aber abgesehen von dieser Konsequenz bei der Besetzung gehen die Macher leider sehr viele Kompromisse ein - als wollten sie das Publikum mit ihrem Anliegen (zu Beginn des Abspanns gibt es einen Hinweis auf die Homepage eines extra eingerichteten Hilfsfonds) bloß nicht verschrecken.

    Die unangebrachte Zurückhaltung fängt schon bei den Rückblenden in die Kindheit der Jungen an: Natürlich geschehen im Bürgerkrieg auch hier schreckliche Dinge, aber diese werden so vorsichtig angedeutet und in solch schöne sonnendurchflutete Bilder verpackt, dass sie beim Publikum kaum Wirkungstreffer landen. Natürlich klingt das jetzt superzynisch, aber wenn man ihm die Flüchtlingsstrombilder des kürzlich von Wim Wenders in „Das Salz der Erde“ porträtierten Fotografen Juliano Ribeiro Salgado gegenüberstellt, dann mutet der Gewaltmarsch der Jungen in „The Good Lie“ im Vergleich eher wie ein harmloser Sonntagsspaziergang an. Nach dem Fotografie-Projekt war Salgado damals seelisch so am Ende, dass er bis heute nur noch Naturbilder aufnehmen kann. Nach „The Good Lie“ fühlt sich das Publikum hingegen eher besser als vorher. Ähnliches gilt auch für die Gewalt der nordsudanesischen Soldaten – einen blutloseren Krieg haben wir selten gesehen.

    Nach der Ankunft des Flüchtlingstrios (Arnold Oceng, Ger Duany, Emmanuel Jal) in den USA entwickelt sich „The Good Lie“ dann erst mal zu einer typischen Fisch-auf-dem-Trockenen-Geschichte. Allerdings sind die Pointen dabei entweder betont niedlich (die Frage, ob denn sicher keine Löwen in der Nähe seien) oder moralinsauer (einer der jungen Männer kündigt seinen Job, weil er es nicht verantworten kann, abgelaufenes Essen wegzuschmeißen). Die zunehmende Verzweiflung der Entwurzelten, die nicht nur mit der ungewohnten Umgebung klarkommen müssen, sondern auch feststellen, dass ihre bisher gelebten Werte von Familie und Zusammenhalt plötzlich nichts mehr wert zu sein scheinen, ist da jedenfalls nur nebenbei ein Thema. Erst in der zweiten Hälfte, wenn die drei Protagonisten eine Schwester (Kuoth Weil) aus Boston nach Kansas und einen totgeglaubten Bruder (Femi Oguns) aus dem Sudan nach Amerika holen wollen und dabei in die Mühlen der US-Bürokratie geraten, ist „The Good Lie“ tatsächlich berührend: Denn die Schilderung des Behörden-Irrsinns mag zwar trockener sein als der amüsante Versuch, bei McDonald’s erstmals mit einem Strohhalm eine Cola zu trinken, aber sie wirkt auch ehrlicher und ist deshalb näher an dem Film, den wie zu diesem Stoff lieber die ganze Zeit gesehen hätten.

    Fazit: Ein gut gemeinter und gerade in der zweiten Hälfte auch berührender Film mit einem ehrenwerten Anliegen, wobei die Macher allerdings viel zu sehr darauf bedacht sind, ihrem Publikum nicht zu viel zuzumuten.

    PS zum Filmposter: Auch wenn es mit der Qualität des Flüchtlingsdramas direkt nichts zu tun hat, weckt das US-Marketing Erinnerungen an die Kontroverse um das italienische Poster zu „12 Years a Slave“, auf dem Brad Pitt groß ins Zentrum gerückt wurde: Denn während unten im Bild die drei schwarze Jungen nur klein zu sehen sind, prangt in der oberen Hälfte des „The Good Lie“-Posters groß das Konterfei von Reese Witherspoon. Die Oscar-Preisträgerin (für „Walk the Line“) zeigt zwar eine überzeugende Leistung, verkörpert aber letztlich doch wieder nur die Rolle des „weißen Retters“. Dabei hätten wir gerade bei einem Projekt wie diesem gehofft, dass sich die im Film gesetzten Schwerpunkte auch in der Außendarstellung widerspiegeln.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top