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    Der diskrete Charme der Bourgeoisie
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Der diskrete Charme der Bourgeoisie
    Von Gregor Torinus
    Die surreale Gesellschaftssatire „Der diskrete Charme der Bourgeoisie" von 1972 war für den spanischen Regisseur Luis Buñuel ein später Triumph. Der Film erhielt 1973 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film, war der größte Kassenerfolg im über 30 Filme zählenden Werk des Filmemachers und ist klar zu den Höhepunkten seines Spätwerks zu rechnen, das überwiegend in Frankreich entstand. Dort hatte Buñuel bereits 1929 zusammen mit Surrealismus-Papst Salvador Dalí den berüchtigten surrealen Kurzfilm „Ein andalusischer Hund" und ein Jahr darauf den damals ebenfalls skandalumwitterten Film „Das goldene Zeitalter" gedreht. Die folgenden dreißig Jahre lebte und arbeitete Buñuel überwiegend in Mexiko. Dort war er gezwungen, kostengünstige und eher kommerzielle Filme zu drehen. Buñuel gelang es jedoch auch dann noch, seinen speziellen Stil einfließen zu lassen. Erst bei seinen ab den 60ern in Frankreich entstandenen Filmen genoss er wieder uneingeschränkte künstlerische Freiheit – was er mit „Der diskrete Charme der Bourgeoisie" eindrucksvoll demonstrierte. Und zwar, indem er den anarchischen surrealen Geist des Frühwerks mit dem „diskreten Charme" einer mit dem Alter erworbenen großen Gelassenheit verknüpfte.

    In „Der diskrete Charme" erzählt Buñuel die Geschichte einer Gruppe von sechs Angehörigen der Bourgeoisie – zwei französische Ehepaare, eine junge Frau und der Botschafter (Fernando Rey) der fiktiven Bananenrepublik Miranda –, die sich zum Abendessen verabreden. Aufgrund einer sich in ihrer Absurdität immer weiter steigernden Folge von Zwischenfällen und Missverständnissen kommen sie nie dazu, dieses Essen tatsächlich einmal bis zum Ende zu bringen. Zugleich verschwimmen immer mehr die Grenzen zwischen Traum und Realität, zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zwischen Leben und Tod...

    Wie bei allen späten Filmen von Luis Buñuel entstand auch das Drehbuch zu „Der diskrete Charme der Bourgeoisie" aus einer Zusammenarbeit des spanischen Regisseurs mit dem französischen Schriftsteller Jean-Claude Carrière. Klassische Erzählmuster verwarfen sie dabei gleich, stattdessen wollten sie einen Film schaffen, der aus einer Folge von sich ständig wiederholenden und in der Wiederholung variierenden Ereignissen besteht. Als sie mit der Eröffnungsszene für ihr Experiment nicht weiterkamen und ihrem Produzenten Serge Silberman ihr Dilemma schilderten, erzählte ihnen dieser seinerseits eine kuriose Anekdote: Silberman hatte sich mit Freunden zum Abendessen verabredet, dabei jedoch vergessen, dass er bereits verabredet war – bis die ursprünglich angedachten Gäste zur Verwunderung seiner Frau vor der Haustür aufkreuzten. Dieses reale Ereignis inspirierte die erste Szene von „Der diskrete Charme der Bourgeoisie". Darauf aufbauend ersonnen Buñuel und Carrìere immer surrealer werdende Hindernisse für das Zustandekommen dieses Abendessens. Dabei war es den beiden laut Carrìere besonders wichtig, „die dünne Linie zu treffen, die das Unwahrscheinliche von dem Unmöglichen trennt".

    Bereits das Drehbuch zu Buñuels erstem Film „Ein andalusischer Hund" war eine Ko-Produktion. Die Grundidee: Die abwechselnd von Buñuel und Dalí geschriebenen Szenen durften in keinem klaren Sinnzusammenhang mit den jeweils vorangegangenen stehen. Entsprechend anarchisch und brachial fiel das Ergebnis aus. Im Vergleich dazu gingen Buñuel und Carrière bei „Der diskrete Charme der Bourgeoisie" wesentlich planvoller und subtiler vor. Vorerst kaum merklich und ganz langsam entführen sie ihr Publikum in eine surreale Welt, die jedoch jederzeit noch als die unsere zu erkennen bleibt. Zugleich zeigt der Film immer mehr Träume und Visionen in der Form, dass z.B. ein fremder Soldat ungefragt von der Erscheinung seiner verstorbenen Mutter in seiner Kindheit erzählt. Auf diese Art wird eine erinnerte Vision mit einem unwahrscheinlichen, wohl aber möglichen realen Ereignis verknüpft – und das Gesamtgeschehen ins Traumhafte verschoben. Diese Durchdringungen von Traum- und Alltagsrealität nehmen im Verlauf der Handlung zu und münden darin, dass auch das „reale" Geschehen eine überraschende Wendung erfährt.

    Nicht nur strukturell sondern auch inhaltlich nehmen Chaos und Verwirrung hier ständig zu. Ein Essen fällt aus, weil die bourgeoisen Gastgeber lieber spontan Sex haben. Ein Priester will unbedingt als Gärtner arbeiten. Ein Botschafter ist zugleich der Drahtzieher eines internationalen Drogenrings. Eine ganze Armeekompanie marschiert spontan in ein Bürgerhaus ein, um sich dort bewirten zu lassen. Als sie wieder zur Front zurück müssen, lassen sie vorher trotzdem noch einen Soldaten einen seiner Träume erzählen. Die ganze Ansammlung vermeintlich respektabler Bürger, Würdenträger und Machthaber entpuppt sich nach und nach als ein vollkommen degenerierter Haufen von Chaoten. Im Gegensatz zu einem explizit politischen Filmemacher wie etwa Jean-Luc Godard baut Buñuel bei aller unverhohlenen Kritik an den Macht- und Würdenträgern jedoch kein eindeutiges Feindbild auf. Zwar verabscheute der Freidenker zeitlebens alle konservativen gesellschaftlichen Kräfte. Doch darüber hinaus sah Buñuel das gesamte Leben als ebenso absurd wie amüsant an, und brachte große Sympathie für die Schrullen seiner Mitmenschen auf.

    Fazit: Buñuel erhebt nicht den Zeigefinger, sondern lacht mit seinen Protagonisten, deren „diskreter Charme" ihn über alle Maßen amüsiert. Zugleich führt er die Leere ihrer Alltagsrituale und den Stillstand ihrer Leben vor – Leben, die so flüchtig wie ein Schauspiel oder ein Traum sind und dabei unaufhaltsam dem Nichts oder dem Tode entgegenfließen. Und wer weiß? Vielleicht sind Buñuels Figuren ja bereits lange verstorben, ohne dies überhaupt bemerkt zu haben.
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