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    Haus Tugendhat
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Haus Tugendhat
    Von Katharina Granzin
    Im tschechischen Brno steht eines der herausragenden Bauwerke der architektonischen Moderne: die Villa Tugendhat gebaut von Mies van der Rohe in den Jahren 1928-1930. Das  Haus gehört zum Weltkulturerbe der Unesco, doch der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich ist es erst seit 2012. Vorausgegangen sind Jahre unfruchtbarer Verhandlungen über die Restitution des Gebäudes an die Familie der eigentlichen Eigentümer, die das Haus einer Stiftung zur Denkmalpflege hatte übergeben wollen. Die Familie Tugendhat, zum deutsch-jüdischen Großbürgertum gehörig, wohnte selbst nur acht Jahre in ihrem Haus und musste nach dem „Anschluss“ der Tschechoslowakei an Hitlerdeutschland emigrieren. Eines der Kinder, der Philosoph Ernst Tugendhat (ebenfalls Jahrgang 1930), bekennt in dem Dokumentarfilm „Haus Tugendhat“, er sei mitunter ein bisschen eifersüchtig gewesen auf das Haus, habe er doch oft das Gefühl gehabt, man kenne ihn vor allem als früheren Bewohner der berühmten Villa Tugendhat und weniger als Philosophen. Regisseur Dieter Reifarth dreht diesen Aspekt um und nähert sich in seinem Dokumentarfilm dem Haus über seine Bewohner. Das führt allerdings dazu, dass er mit seinem inhaltlich unentschiedenen, zu langem und bisweilen redundantem Werk zu wenig erzählt.

    Reifarth porträtiert so eher weniger das Haus in seiner Funktion als kulturhistorisches Denkmal. Vielmehr ist „Haus Tugendhat“ eine Sammlung von Interviews und Geschichten der ehemaligen Bewohner und Nutzer. Nicht nur die Tugendhat-Kinder Ernst, Ruth und Daniela kommen mit ihren Familien ausführlich zu Wort, sondern auch andere Menschen, die zwischenzeitlich im Haus wohnten oder in den Jahrzehnten nach dem Krieg damit in Berührung kamen. Dieser Fokus auf das unbestimmt Menschliche ist eine inhaltlich nachvollziehbar, aber auch etwas befremdliche Entscheidung. Natürlich lebt ein Haus erst durch die Menschen, die es nutzen. Doch während Zeitzeugen in häufig redundanter Länge zu Wort kommen, werden durch diesen Ansatz architekturhistorische und ästhetische Aspekte daneben schmerzhaft knapp abgehandelt. So liefert etwa ein kurzes Statement des Architekturhistorikers Dieter Bartetzko einen wichtigen Hinweis auf den ästhetisch-historischen Kontext. Mit einem Le-Corbusier-Zitat spricht dieser die Hybris der damaligen Architekturstars an, die für sich in Anspruch nahmen, mit ihrem Bauen den „neuen Menschen“ zu schaffen. Ein inhaltlicher Kommentar, auf den Reifarth im weiteren Verlauf seines Films aber ebenso wenig eingeht wie auf die Person von Erbauer Mies van der Rohe und dessen ästhetisches Programm selbst – so als sei die Kenntnis beider Allgemeingut, das beim Zuschauer wohl vorausgesetzt werden könne.

    Vom eigentlichen Gegenstand des Films, der Villa Tugendhat, ist enttäuschend wenig zu sehen. Erst in den letzten fünf Minuten des mit zwei Stunden viel zu langen Films werden auch Ansichten anderer Räume als immer nur jene des großen, repräsentativen Salons mit seinen versenkbaren Glasscheiben gezeigt. Auch die spannende und offenbar zeitweise sehr verfahrene Geschichte darüber, wie die Familie Tugendhat vergeblich darauf gehofft hat, das Haus nach der „samtenen Revolution“ zurückzubekommen, bleibt trotz allen Redens letztlich nur sehr vordergründig diffus beleuchtet. Insgesamt enttäuscht Reifarths Film bei aller Materialfülle durch seine inhaltliche Unentschiedenheit. Ein legendäres Bauwerk wie das Haus Tugendhat bietet natürlich derart viel narratives Potenzial, dass es schwer ist, auf einen Haupt-Erzählstrang zu fokussieren. Umso wichtiger ist es, dass der Regisseur und sein Team bei der Konzeption und spätestens im Schneideraum klare Entscheidungen treffen und sich nicht scheuen, Material wegzulassen. Auch wenn es bei vielen modernen Dokumentarfilmern als antiquiert gilt, wäre zudem aufgrund der komplexen Thematik der Einsatz eines Off-Kommentars vielleicht sinnvoll gewesen.

    Fazit: „Haus Tugendhat“ ist ein dokumentarisches Porträt eines Hauses in den Erzählungen seiner Bewohner. Regisseur Dieter Reifarth geht weniger der architekturhistorischen Bedeutung des Hauses nach, sondern zeigt, welche Rolle es im Leben der unterschiedlichsten Menschen spielte, und verzettelt sich dabei in der Fülle seines Materials und verliert das eigentliche Haus selbst aus den Augen.

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