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    Die Spiegel-Affäre
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die Spiegel-Affäre
    Von Lars-Christian Daniels
    Selbst im modernen Europa ist die Pressefreiheit noch immer keine Selbstverständlichkeit: Zuletzt sorgte 2013 die Affäre um die britische Zeitung „The Guardian“, die bei der Veröffentlichung von brisanten Edward-Snowden-Dokumenten von der Cameron-Regierung in die Schranken gewiesen wurde, für Aufregung. In Deutschland ereignete sich vor gut fünfzig Jahren ein besonders aufsehenerregender Fall, der die Menschen sogar auf die Straße brachte und hierzulande bis heute als Meilenstein für die Stärkung der Pressefreiheit gilt: Regisseur Roland Suso Richter („Der Tunnel“, „Dschungelkind“) zeichnet in der ARD-Produktion „Die Spiegel-Affäre“ nach, wie sich die Redakteure des Nachrichtenmagazins Anfang der 60er Jahre gegen die Störfeuer von Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß und der schwarz-gelben Adenauer-Regierung behaupteten, als diese vom Blatt mit brisanten Veröffentlichungen zu einem NATO-Manöver und der mangelnden Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr angegriffen wurde. Trotz einiger historischer Ungenauigkeiten überzeugt „Die Spiegel-Affäre“, der am 2. Mai 2014 auf arte und am 7. Mai in der ARD seine TV-Premiere feiert, als spannender und stark besetzter Politthriller, der als flammendes Plädoyer für die Pressefreiheit verstanden werden darf.

    1962: Während der Kuba-Krise führt das atomare Wettrüsten der USA und der Sowjetunion die Welt an den Rand eines Atomkriegs. Ein Erstschlag der Russen würde wahrscheinlich das Zentrum Europas treffen: die Bundesrepublik Deutschland. Vor dem Hintergrund dieses politischen Ausnahmezustands fechten zwei einflussreiche Machtmenschen eine erbitterte Fehde aus: Franz-Josef Strauß (Francis Fulton-Smith), Verteidigungsminister in der Regierung von Konrad Adenauer (Otto Mellies), und Journalist Rudolf Augstein (Sebastian Rudolph), Herausgeber und Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Während Strauß die Bundeswehr zur Atommacht ausbauen und den Dritten Weltkrieg durch ein „Gleichgewicht des Schreckens“ verhindern will, ist Augstein davon überzeugt, dass ein Wettrüsten früher oder später unweigerlich in eine Katastrophe führen muss. Er versucht, den versierten Politiker mit allen ihm zur Verfügung stehenden publizistischen Mitteln in die Enge zu treiben...


    Der Spiegel ist die Gestapo von heute“, ereifert sich der bajuwarische Machtmensch Strauß, als er zum ersten Mal öffentlich von Augstein angegriffen wird. Drehbuchautor Johannes Betz, der bei der Arbeit am Skript von Gabriela Sperl und Stefan Aust unterstützt wurde und schon 2001 beim vielbeachteten TV-Zweiteiler „Der Tunnel“ mit Regisseur Roland Suso Richter zusammenarbeitete, spitzt den historischen Stoff gezielt auf das Mann-gegen-Mann-Duell der beiden Alphatiere zu. Zum Sympathieträger stilisiert Betz keinen von beiden: Augstein skizziert er als selbstherrlichen Zyniker, der seine Ehefrau auf dem eigenen Büroschreibtisch betrügt, den aufbrausenden Weizenbiertrinker Strauß hingegen entlarvt er als machthungrigen Instinktpolitiker, für den nur er selbst als Nachfolger für Bundeskanzler Adenauer in Frage kommt. Ähnlich wie in Ron Howards Hollywood-Produktion „Frost/Nixon“ oder ähnlich gelagerten Politthrillern ergibt sich die Spannung in „Die Spiegel-Affäre“ in erster Linie aus der erbitterten Fehde zweier Männer, die mit einer zunächst harmlos anmutenden, alkoholschwangeren Männerrunde in Augsteins Haus beginnt und in der Durchsuchung und Versiegelung der Spiegel-Redaktionsräume im Hamburger Pressehaus und der vorübergehenden Inhaftierung des Chefredakteurs gipfelt.

    Aus dramaturgischer Sicht ist diese konsequente Zuspitzung auf die Privatfehde ein Volltreffer, aus dokumentarischer Sicht allerdings fragwürdig: Augstein-Tochter Franziska, heute selbst erfolgreiche Journalistin, monierte im Vorfeld der Erstausstrahlung in der Süddeutschen Zeitung, ihr Vater habe Kampagnen viel lieber „aus der Deckung heraus“ und keineswegs eine Privatfehde geführt. Auch sonst biegen die Filmemacher einiges zugunsten der Unterhaltung zurecht: Die Schlüsselszene mit den belastenden Unterlagen in Augsteins Safe wird verfälscht dargestellt, der Hamburger Dialekt des Chefredakteurs ist frei erfunden und auch im Hinblick auf Augsteins Kollegen Conrad Ahlers (David Rott), Leo Brawand (Max Hopp), Hans Detlev Becker (Johann von Bülow) und Claus Jacobi (Franz Dinda) muss der Zuschauer mit unpräzisen Darstellungen leben. Glaubt man Augsteins Tochter, war der Umgangston in den Redaktionsräumen auch deutlich weniger kumpelhaft als im Film – was freilich weniger stört als die falsch dargestellten Motive des kriegsversehrten Oberst Alfred Martin (Henning Baum), der die NATO-Pläne „Fallex 62“ in Wahrheit keineswegs aus Frust über eine ausbleibende Beförderung an die Spiegel-Redaktion weiterreichte. Da es sich nicht um einen Dokumentarfilm handelt, ist das alles nicht sonderlich tragisch – das regelmäßig eingeflochtene historische Bild- und Tonmaterial (beispielsweise zur Revolution von Fidel Castro oder zum Lockheed-Skandal) suggeriert aber durchaus, das alles so stattgefunden hat.

    Der Unterhaltung tun die geschichtlichen Ungenauigkeiten keinen Abbruch: Allein die starken Auftritte der Hauptdarsteller Sebastian Rudolph („Stalingrad“) und Francis Fulton-Smith („Familie Dr. Kleist“) sind das Einschalten wert, und auch der gewohnt charismatische Otto Mellies („Halt auf freier Strecke“) als Bundeskanzler Konrad Adenauer („Wer sagt das?“ – „Ich sage das!“) und der finster dreinblickende Gerald Alexander Held („Sophie Scholl – Die letzten Tage“) als später von der RAF ermordeter Generalbundesanwalt Siegfried Buback setzen schauspielerische Duftmarken. Ein wenig blass bleibt Nora von Waldstätten („Oktober November“) als Augstein-Geliebte Maria Carlsson, was aber vor allem am Drehbuch liegt, das ihr weniger Raum zur Entfaltung einräumt als den anderen und schauspielerisch kaum etwas abverlangt. Dass „Die Spiegel-Affäre“ unter dem Strich überzeugt, liegt auch an der angenehm differenzierten Darstellung journalistischer Arbeit: Früh wird deutlich, dass der Spiegel wie alle Printmedien am Tropf der Verkaufszahlen hängt und die Redakteure allen Idealen zum Trotz zusehen müssen, dass sie ihre Geschichten auflagenstark unters Volk bekommen. Daher ist auch der öffentliche Angriff auf Franz-Josef Strauß und die angestrebte Verhinderung seiner Kanzlerkandidatur nicht ausschließlich politisch motiviert.

    Fazit: Roland Suso Richters TV-Film „Die Spiegel-Affäre“ ist ein stark besetzter und spannender Politthriller, bei dem kleinere historische Ungenauigkeiten in Kauf genommen werden müssen.

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