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    Collide
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Collide
    Von Carsten Baumgardt
    Was würde bei der wahnwitzigen Idee herauskommen, die deutsche Action-TV-Serie „Alarm für Cobra 11“ mit einem Hollywood-B-Movie zu kreuzen? Es bedarf schon einer blühenden Fantasie, sich ein solches Werk vorzustellen, doch nun gibt es unverhofftes Anschauungsmaterial: In Eran Creevys ebenso rasantem wie krudem Action-Thriller „Collide“ wird der Spiel- und Drehort Nordrhein-Westfalen in Szene gesetzt, als sei er die offizielle Vertretung des Wilden Westens an Rhein und Ruhr – einschließlich eines Waffenrechts wie im finstersten Texas. Und garniert wird dieses unwahrscheinliche Spektakel nicht nur mit durchaus spektakulärer Auto-Akrobatik der einheimischen Stunt-Cowboys von Action Concept („Alarm für Cobra 11“, „Der Clown“), sondern auch mit denkwürdigen Schauspielritten der oscargekrönten Ikonen Anthony Hopkins und Ben Kingsley. Das Ergebnis ist angemessen kurios und erwartungsgemäß unausgegoren, der Betrachter schwankt ständig zwischen ungläubigem Kopfschütteln und fröhlichem Feixen.

    In seinem Heimatland USA hat der Autodieb Casey (Nicholas Hoult) verbrannte Erde hinterlassen, nun versteckt er sich in Köln, wo er für den türkischen Zuhälter und Drogenhändler Geran (Ben Kingsley) kleinere Gesetzesverstöße erledigt. Um die Barkeeperin Juliette (Felicity Jones) für sich zu gewinnen, gibt der verliebte Casey seine Gangsterkarriere auf, aber die guten Vorsätze muss er bald wieder über den Haufen werfen, denn seine neue Freundin ist lebensgefährlich erkrankt und benötigt eine Nierentransplantation. Ohne Krankenversicherung hat die Amerikanerin in Deutschland keine Chance und in den USA kostet die Operation 250.000 Dollar, also steigt Casey wieder bei Geran ein: Gemeinsam mit seinem Kompagnon Rainer (Erdal Yildiz) soll er den heimischen Drogenpaten Hagen Kahl (Anthony Hopkins) um Kokain im Wert von fünf Millionen Euro erleichtern. Doch der Überfall läuft nicht so glatt wie erhofft ...


    Dass „Collide“ überhaupt gedreht wurde, ist erstaunlich. Dass er nun auch noch tatsächlich das Licht der großen Leinwände erblickt, grenzt an ein kleines Wunder. Aber nach der Pleite der Produktionsfirma Relativity Media sicherte sich Open Road den Film aus der Konkursmasse und bringt ihn nun doch noch ins Kino. Von der „Verspätung“ (die Dreharbeiten fanden bereits im Mai 2014 statt) profitiert die britisch-deutsche Co-Produktion sogar in gewisser Weise, denn die Starpower der für ein B-Movie absolut beeindruckenden Besetzung ist noch gewachsen: Ex-Kinder- und mittlerweile Jungstar Nicholas Hoult („About A Boy“, „Mad Max: Fury Road“) würde die Rolle des Tagediebs mit Herz heute womöglich nicht mehr annehmen und auch das Mitwirken der inzwischen oscarnomierten Felicity Jones („Die Entdeckung der Unendlichkeit“, „Rogue One: A Star Wars Story“), die hier in „Osteuropa-Blond“ antritt, wäre alles andere als gewiss. Die Chemie zwischen ihnen stimmt jedenfalls und sie zeigen in einer unglaubwürdigen Geschichte halbwegs glaubwürdige Darbietungen.

    Anthony Hopkins („Das Schweigen der Lämmer“) und Ben Kingsley („Lucky Number Slevin“) wiederum sind in ihrem Karriereherbst an einem Punkt angekommen, wo sie vieles mit ihrer Präsenz veredeln, was sie früher nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätten. Gleichzeitig profitieren sie dabei von einer gewissen Narrenfreiheit. Das lässt sich besonders gut anhand der Figur des Hagen Kahl bestaunen, der  notdürftig zum Deutsch-Engländer erklärt wird. Anthony Hopkins gibt den Drogenpaten ohne sichtbare Anstrengung als arroganten Unterweltherrscher, der durchaus gern das große Wort führt. Das ist aber kein Vergleich zum inbrünstigen Overacting von Ben Kingsley (von „Gandhi“ keine Spur), dessen grandioser Zuhälter-Style Sonderapplaus verdient. Dieser durch und durch extravagante Auftritt ist die pure Ironie, was bei anderen aus der Spur gelaufenen Elementen keineswegs so eindeutig ist, dafür nimmt Regisseur Eran Creevy („Welcome To The Punch“) seinen wüsten, überaus holprigen und mit wilden Verfolgungsjagden durchsetzten Plot zu ernst.

    Es ist eine eigentümliche und faszinierende Konstellation: eine amerikanische Genre-Story, finanziert mit europäischem Geld und gedreht in Deutschland. Dabei müssen Köln und Umgebung nicht etwa US-Schauplätze doubeln, sondern sie werden sozusagen im Original verwendet – aber ohne dass sich von den Machern irgendjemand auch nur im Geringsten mit den lokalen Eigenheiten auszukennen scheint. Das reicht von schlampig recherchierten, zum Schmunzeln anregenden Details (ein Amerikaner preist die Fußballer des 1. FC Köln vollen Ernstes als Überkönner und kommende Deutsche Meister) bis zur bizarren Wildwest-Szenerie mitten in Nordrhein-Westfalen. Der (unfreiwillig) komische Höhepunkt ist erreicht, wenn Joachim Król („Der bewegte Mann“) als Pick-Up-fahrender Bauer mit Schrotflinte unter dem Arm in eine Tankstelle schlurft, als sei das im Rheinland das Normalste der Welt. Und dann mischt der Unbeteiligte kurzerhand den Showdown zwischen guten und bösen Gangstern auf: ein Brüller!

    Fazit: Eran Creevys B-Movie „Collide“ ist ein solide inszeniertes, inhaltlich vogelwildes Action-Thriller-Kuriosum für Freunde des gewollt oder auch ungewollt Absurden.

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