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    Tatort: Borowski und das Meer
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Tatort: Borowski und das Meer
    Von Lars-Christian Daniels
    Gastauftritte von Prominenten haben im „Tatort“ gewissermaßen Tradition: In den vergangenen Jahrzehnten durften sich in der Krimireihe unter anderem „DSDS“-Juror Dieter Bohlen im Duisburger „Tatort: Moltke“, Ex-Bundestrainer Berti Vogts im Hamburger „Tatort: Habgier“ oder Schlagersänger Roland Kaiser im Münsteraner „Tatort: Summ, Summ, Summ“ vor der Kamera versuchen. Auch im Kieler „Tatort: Borowski und das Meer“ gibt es wieder ein bekanntes Gesicht zu entdecken: Bestseller-Autor Frank Schätzing („Der Schwarm“) mimt im Öko-Krimi von Sabine Derflinger, die kürzlich für ihren Wiener „Tatort: Angezählt“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, einen namenlosen Meeresspezialisten und hilft den Kommissaren mit einigen Expertentipps auf die Sprünge. Schätzings bemühter Auftritt, der deutlich länger ausfällt als der von Bohlen oder Vogts, bleibt am Ende aber nur Randnotiz in einem überraschend durchschnittlichen und spannungsarmen Kieler „Tatort“, der im Vergleich zu den zuletzt oft überragenden Krimis aus der Fördestadt nicht mithalten kann.

    Die Firma Marex hat sich auf Rohstoffabbau in der Tiefsee spezialisiert: Das kanadische Unternehmen mit Zweigstelle in Kiel ist Marktführer bei der Förderung seltener Erden, deren Metalle in fast jedem Handy oder Computer verbaut werden. Bei einer abendlichen Firmenfeier auf einem Schiff fällt in der Dunkelheit plötzlich ein Schuss: Jemand hat vom Ufer aus auf den erfolgreichen Marex-Juristen Jens Adam (Andreas Patton) gezielt, der tödlich getroffen über Bord fällt. Seine Leiche verschwindet in den Fluten und taucht nicht wieder auf. Hat der Anschlag etwas mit dem angeblichen Badeunfall des neuseeländischen Umweltschützers Chester Rooney zu tun, der am anderen Ende der Welt energisch gegen Marex‘ Ausbeutung der Meere protestierte? Die Hauptkommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) fühlen Firmenchefin Sylvana Vegener (Karoline Eichhorn) auf den Zahn, die etwas zu verbergen scheint. Auch Adams Ehefrau Marte (Nicolette Krebitz) bringt ein Tatmotiv mit: Das Opfer hatte eine Affäre mit der Meeresforscherin Dr. Amali Saunders (Florence Kasumba), die die profitgierigen Marex-Methoden ebenfalls kritisch sieht…


    „Borowski in der Unterwelt“ hieß 2005 ein Kieler „Tatort“, in dem sich der Hauptkommissar in der Kanalisation wagemutig auf die Suche nach einem Serienmörder begab. Daran angelehnt wäre auch „Borowski in der Unterwasserwelt“ für seinen 23. Einsatz an der Ostsee ein treffender Titel gewesen: Allen Klaustrophobie-Attacken zum Trotz taucht der kauzige Ermittler diesmal in einer engen Taucherkugel hinab auf den Grund des Meeres und entdeckt dort nach einer Dreiviertelstunde den entscheidenden Hinweis auf den Tathergang. Der damit verbundene Twist dürfte das krimierprobte Publikum allerdings kaum noch überraschen: Drehbuchautor Christian Jeltsch, der zum zehnten Mal das Skript zu einem „Tatort“ beisteuert, platziert bereits in der Einleitung des Krimis unübersehbare Hinweise auf Borowskis späteren Unterwasserfund. Und spätestens als der lange vergeblich gesuchte Torso mit einem durch eine Schiffsschraube bis zur Unkenntlichkeit entstellten Gesicht angespült wird, dürfte auch dem letzten Zuschauer klar sein, warum Jurist Adam auf der Firmenfeier zum ersten Mal seit Jahren ohne Vollbart erschienen ist und seine schicken schwarzen Lederschuhe vor Betreten des Schiffs gegen denkbar unpassende Gummistiefel eingetauscht hat.

    Abgesehen von dieser frühen Vorhersehbarkeit birgt die Geschichte – für Kieler Verhältnisse ungewöhnlich – noch weitere Schwächen: Sarah Brandt muss seltsame Dialogzeilen aufsagen („Der Täter müsste zwischen 1,70 und 1,75 Metern gewesen sein – wenn er sich nicht hingekniet hat.“) und wirkt bei den Ermittlungen häufig wie ein Fremdkörper – außer fleißiger Tablet-Wischerei und einem Videoflirt mit einem Kollegen der neuseeländischen Polizei hat die Kommissarin diesmal wenig Hilfreiches beizutragen. Der abwesende Kriminalrat Roland Schladitz (Thomas Kügel), der sich zuletzt im herausragenden Kieler „Tatort: Borowski und der Engel“ versehentlich in den Fuß schoss, fehlt als sympathische Stimmungskanone schmerzlich, so dass in „Borowski und das Meer“ auch die großen Lacher ausbleiben. Einzig der Kieler Hauptkommissar holt mit gewohnt knackigen Vernehmungen der Tatverdächtigen die Kohlen aus dem Feuer, wenngleich man auch ihn schon ein wenig engagierter erlebt hat. Wirklich spannend wird es ohnehin nur, wenn der skrupellose Marex-Sicherheitschef Fred Pollack (Aleksandar Tesla) ins Geschehen eingreift: Dass der Profikiller mit der Heinrich-Himmler-Frisur meterweit daneben schießt, nachdem er in Seelenruhe auf den Kommissar angelegt hat, mag man ihm mit Rücksicht auf das Nervenkostüm des Sonntagabendpublikums nachsehen.

    Dass „Borowski und das Meer“ nur selten an Fahrt aufnimmt, liegt aber auch daran, dass die Epilepsie-Erkrankung von Sarah Brandt so ausführlich thematisiert wird wie in keinem anderen Fall: Borowski, der als Einziger um das Handicap seiner Kollegin weiß, erkundigt sich permanent und ohne sichtbaren Anlass nach ihrem Wohlbefinden – als die beiden dann aber nach einer Verfolgungsjagd in eine Notsituation geraten, gibt er plötzlich den Ahnungslosen („Was ist denn mit Ihnen?“). Immerhin: Borowskis Klaustrophobie generiert den einen oder anderen neckischen Spruch („Ich nenn sie jetzt nur noch Trophobie. Klaus Trophobie!“), während sich Brandt Kritik an ihrer kläglichen Darbietung des Kinderkanons „Froh zu sein bedarf es wenig“ gefallen lassen muss. Und der Cameo-Auftritt von Frank Schätzing, der sich nicht namentlich vorstellt und stattdessen selbstironisch auf seine Romanerfolge verweist („Kenn ich Sie?“ – „Nur wenn sie Krimis mögen!“), gerät zumindest nicht so peinlich wie beispielsweise der von Joachim Löw, Oliver Bierhoff und Theo Zwanziger im desaströsen Ludwigshafener „Tatort: Im Abseits“ zum Auftakt der Frauen-Fußball-WM 2011. Dennoch: Gerade den Fadenkreuzkrimi aus Kiel hat man in den letzten Jahren schon um Längen stärker gesehen, so dass „Borowski und das Meer“ trotz einiger guter Momente eine kleine Enttäuschung ist.

    Fazit: Sabine Derflingers „Borowski und das Meer“ ist ein solide inszenierter, aber selten spannender Öko-Krimi, der im Vergleich zu den Kieler „Tatort“-Folgen der jüngeren Vergangenheit etwas abfällt.

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