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    Self/Less - Der Fremde in mir
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Self/Less - Der Fremde in mir
    Von Andreas Staben
    1966 drehte John Frankenheimer den Science-Fiction-Thriller „Der Mann, der zweimal lebte“ mit Rock Hudson. An der Kinokasse hatte die düstere Geschichte über einen Bankmanager, der mit seinem Leben unzufrieden ist und sich von einer geheimnisvollen Organisation mit radikalen Methoden eine neue Identität verschaffen lässt, keinen großen Erfolg, aber im Laufe der Jahrzehnte wurde der bis zum kompromisslosen Ende düstere Film zu einem Geheimtipp. Es ist sehr gut möglich, dass auch das spanische Brüderpaar Àlex und David Pastor („Carriers“) zu den Fans des Klassikers gehört, denn vor allem die Grundidee seines Drehbuchs zu „Self/Less – Der Fremde in mir“ erinnert deutlich an „Der Mann, der zweimal lebte“.  Davon abgesehen könnte Tarsem Singhs zeitgemäß-schicker Hochglanz-Thriller mit seinen üppigen Action-Einlagen und seiner optimistischen Schlusswendung allerdings kaum in einem stärkeren Kontrast zu Frankenheimers bitterem 60er-Jahre-Albtraum in Schwarz-Weiß stehen. Was „Self/Less“ im Vergleich zu diesem Vorbild und anderen ähnlichen Filmen an thematischer Prägnanz und dramatischer Durchschlagskraft fehlt, versucht der „Krieg der Götter“-Regisseur mit Tempo, Dynamik, Starpower und Schauwerten wettzumachen - und ist dabei leidlich erfolgreich.
     
    Der New Yorker Immobilien-Tycoon Damian Hale (Ben Kingsley) ist ein reicher und mächtiger Mann, doch gegen seine tödliche Krankheit kann alles Geld der Welt nichts ausrichten. Das glaubt er jedenfalls, bis er von der streng geheimen Dienstleistung des britischen Wissenschaftlers Albright (Matthew Goode) erfährt. Der hat ein Verfahren namens „Shedding“ entwickelt und verspricht seiner finanzkräftigen Kundschaft nichts weniger als die Unsterblichkeit: Das Bewusstsein samt der Erinnerungen des Auftraggebers werden in einen gesunden jungen Körper übertragen, dazu gibt es alles, was man für ein neues Leben braucht. Damian unterwirft sich der Prozedur und beginnt unter dem Namen Edward (von nun an: Ryan Reynolds) ein Playboy-Dasein in New Orleans.  Doch als der neue Damian zunehmend von Albträumen und Kopfschmerzen geplagt wird, ist ihm klar, dass Albright ihn angelogen hat…


    Trotz des etwas prätentiösen Titels ist „Self/Less“ so etwas wie Science Fiction light. Das potenziell komplexe und tiefschürfende Thema des Traums von der Unsterblichkeit sowie die ebenso an grundlegende philosophische Fragen rührende Erfahrung des Körper- und Identitätstausches verbleiben hier im Stadium durchaus reizvoller, aber nie wirklich vertiefter Gedankenspiele. Sie werden mit gerade genug Sorgfalt und Stimmigkeit entwickelt, dass man die Prämisse akzeptieren und sich auf eine kurzweilige Hetzjagd einlassen kann, bei der sich die Dinge meist buchstäblich an der Oberfläche abspielen. Zuerst wird der angestaubte vergoldete Luxus von Damians New Yorker Milliardärsdasein schlicht durch ein sorgloses Lotterleben im hippen New Orleans ersetzt – und Ben Kingsley („Gandhi“) sieht mit einem Mal aus wie Ryan Reynolds („Deadpool“): Mit einem solchen neuen Körper lässt sich schließlich auch beim Basketball und im Bett glänzen. Dummerweise steckt in Reynolds‘ Damian-Wiedergeburt allerdings auch noch jemand ganz anderes, zu dem andererseits – was wiederum überaus praktisch ist – auch die Leistungsfähigkeit eines Elitesoldaten gehört. So wird aus „Self/Less“ durch zwei kleine Drehs an den Erzählschrauben ein Actionfilm und der Star ist in seinem Element. Besonders gelungen ist Reynolds' handfester Einsatz bei der Verteidigung eines abgelegenen Wohnhauses samt Frau und Kind, während die große Autoverfolgungsjagd solides Sommerkinoniveau erreicht.

    Ryan Reynolds sorgt als eine Art heldenhaft zupackender Jedermann für die Erdung der hochtrabenden Ideen und ihrer Irrläufer, gleichzeitig bringt er den emotionalen Konflikt ausreichend glaubhaft zum Ausdruck und spielt unbekümmert über problematische Details hinweg (so lässt sich dem vermeintlich hochgeheimen Projekt mit einer simplen Google-Recherche verblüffend nahekommen und auch mit seinem finalen Täuschungsmanöver hat Damian ziemlich viel Glück). Wer sich an solchen Ungereimtheiten nicht allzu sehr stört und eben keinen zweiten „Der Mann, der zweimal lebte“ und auch keinen neuen „Looper“ erwartet (man bekommt eher so etwas wie „Ohne Limit“), der kann sich an Matthew Goodes („The Imitation Game“) distinguiert-manieristischer Darbietung des dünkelhaft-diabolischen Wissenschaftlers freuen und an der willkommenen Ernsthaftigkeit von Victor Garber („Alias“) in einer wichtigen Nebenrolle. Und auch wenn „Self/Less“ von den beunruhigenden Visionen eines „The Cell“, der überbordenden Phantasie von „The Fall“ und dem visuellen Einfallsreichtum von „Spieglein, Spieglein“ insgesamt weit entfernt ist, bietet Tarsem Singh zumindest in einer Szene eine Ahnung davon, was dieser Film auch hätte sein können: Als er uns beiläufig ein von der Außenwelt und von sich selbst abgeschottetes Kind präsentiert, blitzt die ganze Tragik und Widersprüchlichkeit all der Sehnsüchte und Eitelkeiten auf, um die es hier eigentlich geht.  

    Fazit: Kurzweiliger und thematisch reizvoller, aber oberflächlich erzählter Science-Fiction-Thriller.
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