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    I Origins - Im Auge des Ursprungs
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    I Origins - Im Auge des Ursprungs
    Von Carsten Baumgardt
    Mit dem cleveren Science-Fiction-Kammerspiel „Another Earth“ hat Regisseur Mike Cahill ein bemerkenswert originelles Kinodebüt gegeben und nebenbei seiner Studienkollegin und Hauptdarstellerin Brit Marling, mit der er den Film entwickelt hatte, zum Durchbruch als Indie-Darling verholfen. Das Kunststück, mit einem Mini- Budget von 100.000 Dollar einen durchaus visionären Zukunftsfilm zu drehen, wiederholt Cahill mit dem Sci-Fi-Drama „I Origins – Im Auge des Ursprungs“ und begibt sich erneut in die Schnittstelle zwischen Wissenschafts- und Liebesfilm. Manchmal verrennt sich der Regisseur dabei ein wenig und verlässt sich zu sehr auf sein überstrapaziertes Leitmotiv. Immer wieder geht es um menschliche Augenpaare und damit auch um die Bedeutung des Sehens. Selbst der Originaltitel hat einen entsprechenden Doppelsinn, denn „I“ (ich) klingt schließlich genau wie „eye“ (Auge). Das wirkt zuweilen aufgesetzt, aber insgesamt fasziniert Cahill mit seiner atmosphärisch dichten und mit mystischer Stimmung aufgeladenen filmischen Ausgestaltung von philosophischen Fragen.

    Der New Yorker Molekularbiologe Dr. Ian Gray (Michael Pitt) ist besessen von seiner Forschungsarbeit – besonders das menschliche Auge hat es ihm angetan. Permanent fotografiert er Augenpaare und hat sich ein gigantisches Archiv aufgebaut. Gemeinsam mit seiner neuen Laborpartnerin Karen (Brit Marling) will er mit einem Experiment an Würmern das Wissen über die Evolution des Sehens auf den Kopf stellen. So nüchtern und steril es in Ians Berufswelt zugeht, so aufregend und romantisch-wild entwickelt sich unterdessen sein Liebesleben. Auf einer Maskeraden-Party trifft er auf eine faszinierende junge Frau (Astrid Bergès-Frisbey) und hat auf der Toilette Sex mit ihr. Die Begegnung beeindruckt Ian so sehr, dass er der Fremden nachspürt und ihren Namen ermittelt – sie ist ein Model namens Sofi. Sie treffen sich wieder, verlieben sich ineinander und wollen wenig später heiraten, während Karen bei dem gemeinsamen Forschungsprojekt mit Ian eine bahnbrechende Entdeckung macht…


    Wer böse sein will, könnte behaupten, in seinem zweiten Spielfilm bleibt sich Jungfilmer Mike Cahill so sklavisch selbst treu, dass er die Grenze von der Originalität zum Selbstzitat immer wieder überschreitet – schließlich verwendet er für Erzählung und Inszenierung dieselben Zutaten und Parameter wie schon in „Another Earth“. Auf der anderen Seite hat sich der in der Yale-Stadt New Haven geborene Amerikaner bereits jetzt eine unverkennbare Handschrift angeeignet – etwas, das viele Regisseure während ihrer gesamten Laufbahn nicht schaffen. Zu diesem individuellen Stil gesellt sich bei Cahill eine erstaunliche thematische Kontinuität. Er beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft, mit der Suche nach Gott, mit der Frage nach der Existenz von Wiedergeburt und ewigem Leben. Den philosophisch-wissenschaftlichen Diskurs kombiniert er mit einer romantisch-mysteriösen Liebesgeschichte: Große Emotionen und tiefe Gedanken treffen hier in wirkungsvollem Kontrast auf eine kühl-düstere Bildsprache, die eine ganz eigene Schönheit entfaltet. Kameramann Markus Förderer („Hell“, „Finsterworld“) vollbringt grandiose Arbeit, einige seiner Einstellungen sind faszinierend wie Gemälde, auch das Produktionsdesign ist trotz des geringen Budgets exzellent.  

    Das Unbekannte und Fremde ist hier nicht nur als Idee, sondern auch als Empfindung jederzeit präsent, der Zuschauer sucht auch zeitlich nach Orientierung: Ist das die Gegenwart, die Vergangenheit oder doch Science-Fiction? Ein flüchtiger Blick auf ein datiertes Dokument gibt ein wenig Aufschluss – das stammt vom 11. November 2006. An jenem Tag ist der erste Teil der Erzählung angesiedelt, dann folgt ein krasser Bruch, aber was genau am Ende dieses Abschnitts passiert, sei an dieser Stelle nicht verraten. Soviel ist klar: Das überraschende Ereignis versetzt dem Betrachter einen völlig unerwarteten K.o.-Treffer - der vielleicht aufwühlendste Kinoaugenblick 2014. Der wirkt gerade im Kontrast zu Cahills ruhiger, fast schon behäbiger Erzählweise wie ein Donnerschlag und markiert zugleich eine Zäsur, denn der Handlungsfaden wird erst acht Jahre später wiederaufgenommen. Im folgenden Abschnitt agieren die Figuren dann unter veränderten Voraussetzungen – sie begeben sich auf eine manische Suche, die sie um den halben Globus von den USA bis nach Indien führt. Nun ist der Film emotionaler und weniger kühl, zugleich verschiebt sich die Perspektive auf die behandelten Wissenschaftsthemen und man ist als Zuschauer buchstäblich geneigt, das Unmögliche für möglich zu halten.

    Mike Cahill scheint die Obsession seiner Hauptfigur für Augen zu teilen und wenn er bestimmte ähnliche Einstellungen ständig wiederholt, dann schießt er doch ein wenig über das Ziel hinaus. Wenn der Regisseur allerdings zwischen einem eher theoretischen Science-Fiction-Ansatz und der in ein emotional explosives Finale mündenden Liebesgeschichte hin und her springt, zwischendurch noch ein wenig von einem Verschwörungsthriller hinzugibt und seinen Film schließlich als spirituellen Trip enden lässt, dann ist das durchaus spannend, nur gelegentlich franst die Erzählung regelrecht aus und der Fokus geht verloren. Da werden dann die drei Hauptdarsteller Michael Pitt („Die Träumer“, „Funny Bones“), Astrid Bergès-Frisbey („Pirates Of The Caribbean: Fremde Gezeiten“) und Brit Marling („The East“) zu Rettungsankern. Pitt macht den kühl analytisch denkenden Agnostiker Dr. Ian Gray zum nahbaren Menschen, der seine Fassade immer mehr aufgibt und sich schließlich schutzlos einer Welt ausliefert, die er bisher immer verleugnet hat. Dazu stimmt die Chemie zwischen ihm und Bergès-Frisbey: Sie sind ein äußerst ungewöhnliches Paar, dem man seine Verliebtheit abnimmt. Marling wiederum agiert zunächst eher passiv, bringt dann jedoch immer mehr Nuancen zum Vorschein. Nett ist zudem der Cameo-Auftritt von „Lost“-Star William Mapother, der neben der damals unbekannten Marling die Hauptrolle in Cahills Erstling „Another Earth“ innehatte.

    Fazit: Indie-Regisseur Mike Cahill knüpft mit seinem ambitionierten Zweitwerk „I Orignis“ fast nahtlos an sein starkes Debüt „Another Earth“ an und bringt ein im besten Sinne irritierendes, mystisch-romantisches Science-Fiction-Drama mit philosophischen Untertönen auf die Leinwand.
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