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    My Old Lady
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    My Old Lady
    Von Thomas Vorwerk
    Die „Rente viagère“ ist eine eigentümliche Besonderheit des französischen Miet- und Immobilienrechts. Hierbei ersteht man eine Immobilie, in der eine bestimmte Person (meist der Verkäufer oder einer seiner Familienangehörigen) auf Lebenszeit wohnen bleiben darf. Diese Person bekommt zusätzlich vom Käufer eine monatliche Vergütung, die einer Pension gleichkommt. Je nach Lebenslänge des Begünstigten entwickelt sich diese „Immobilienleibrente“ dann zu einem sonst schwer zu realisierenden Gnadenbrot - oder die Immobilie erweist sich im Nachhinein als spektakulär günstig. Israel Horovitz, Autor von 40 Broadway-Stücken und auch von so manchem Filmdrehbuch (wie etwa dem zum Studentenrevolten-Klassiker „Blutige Erdbeeren“ von 1970) hat diese sehr spezielle Regelung zum Aufhänger seines späten Spielfilmdebüts als Regisseur gemacht und liefert mit „My Old Lady“ eine vor allem zu Beginn starke Paris-Komödie ab, die im späteren Verlauf allerdings allzu konventionell und dann auch noch unnötig kompliziert gerät.

    Mathias Gold (Kevin Kline), der seinen für einen Amerikaner ungewöhnlichen Vornamen gern durch ein simples „Jim“ ersetzt, hat sich gerade ausreichend Geld für einen Interkontinentalflug zusammengestottert, um das vielversprechende Erbe seines Vaters anzutreten: ein Haus in bester Pariser Wohngegend. Doch der erste Optimismus weicht Ernüchterung, als Mathias vor Ort feststellt, was sich hinter der Erbschaft verbirgt: Im Haus leben die 92-jährige Mathilde (Maggie Smith) und ihre streitlustige Tochter Chloé (Kristin Scott Thomas), die alte Dame genießt dort ein Wohnrecht auf Lebenszeit, außerdem soll Mathias ihr monatlich 2400 Euro Leibrente zahlen, was ihm schon bei der ersten Rate nur durch die heimliche Veräußerung einiger Möbel gelingt. Während der abgebrannte Hausbesitzer sich nun mit möglichen Käufern und dem Pariser Makler Lefebvre (Dominique Pinon) trifft, kämpfen die Parteien mit harten Bandagen um das Nutzungsrecht – trotzdem stellen Mathias und Chloé fest, dass sie sich eigentlich ganz gern haben. Das wiederum könnte allerdings auch mit der früheren „Übereinkunft“ zwischen Mathilde und Mathias' Vater zusammenhängen...


    Trotz einer umständlich eingefädelten Komplikation, die über dem eigentümlichen Liebespaar des Films irgendwann die Gefahr schweben lässt, dass die beiden  Halbgeschwister sein könnten, folgt Regisseur Israel Horovitz im Kern einer der Standardprämissen der romantischen Komödie: Ein Paar, das sich zunächst spinnefeind ist, wird durch äußere Umstände „aneinandergekettet“ und erkennt erst ganz allmählich, dass man sich eigentlich ganz gut mit der dauerhaften Nähe arrangieren kann. Gerade in der Screwball-Comedy des goldenen Hollywood-Zeitalters der 30er und 40er Jahre hat man diese Grundkonstellation wieder und wieder variiert und perfektioniert. Horovitz‘ generationenumspannende Geschichte um das Erbe eines Hauses, zu dessen Besonderheiten eine offensichtlich nicht abschließbare Toilette gehört (die beiden unfreiwilligen Turteltauben stolpern jeweils zur unangebrachten Zeit in die Intimsphäre des anderen - wie vermeintlich pikant und angestrengt witzig!), ist von der erzählerischen Eleganz der besten Klassiker wie etwa „Es geschah in einer Nacht“ allerdings weit entfernt. Die obligatorische Romanze kommt hier etwas unvermittelt und wenn dann nebenbei noch die Verwandtschaftsfrage geklärt werden muss, gerät der Film in ein deutliches dramaturgisches Ungleichgewicht.

    Die sich gut ergänzenden Hauptdarsteller sorgen vor allem in den ersten zwei Filmdritteln dennoch für reichlich Schwung und spielen beherzt über einige Holprigkeiten in der Erzählung hinweg. Während Dame Maggie Smith („Downton Abbey“) sich vornehm zurückhält und dabei Klasse zeigt, präsentiert sich Kristin Scott Thomas („Der englische Patient“) von ihrer aufbrausenden Seite – die abschätzigen und schnippischen Töne beherrscht sie wie kaum jemand anderes. Oscar-Preisträger Kevin Kline („Ein Fisch namens Wanda“) radebricht sich dazu auf amüsante Weise durch ein fremdes Umfeld, fotografiert mit seinem guthabenfreien Handy herum und macht schließlich das, wofür man Paris zumindest im Kino kennt: Er schnappt sich eine gute Flasche Rotwein und entspannt trotz seiner misslichen finanziellen Lage. Überhaupt wird die ursprünglich als Kammerspiel konzipierte Story in der Filmfassung zu einer Liebeserklärung an die französische Hauptstadt mit Spaziergängen an der Seine, viel Akkordeonmusik und ein paar ortsansässigen Nebendarstellern wie Dominique Pinon („Delicatessen“) oder Noémie Lvovsky („Camille - Verliebt nochmal“).

    Fazit: Drei tolle Schauspieler im malerischen Paris, dazu ein kniffliger Rechtsstreit: „My Old Lady“ ist vor allem zu Beginn launige Unterhaltung.
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