Mein Konto
    Tatort: Unvergessen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Tatort: Unvergessen
    Von Lars-Christian Daniels

    Die alkoholkranke Major Bibi Fellner (Adele Neuhauser) sorgte im Wiener „Tatort“  der vergangenen Jahre gehörig für Betrieb: Ein ums andere Mal musste ihr BKA-Partner, der geplagte Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), die Kastanien aus dem Feuer holen, weil die umtriebige Kollegin mit ihren zwielichtigen Kiezfreunden mal wieder einen über den Durst getrunken oder auf ausufernden Karaoke-Partys ihr Zeitgefühl verloren hatte. Seit der Folge „Zwischen den Fronten“ reißt sich die sympathische Ermittlerin aber am Riemen: Alkohol und Partys scheinen neuerdings tabu, Eisner kann sich auf seine Partnerin verlassen. Im Nachfolger „Unvergessen“, mit dem Regisseur und Drehbuchautor Sascha Bigler („Meine Schwester“) sein „Tatort“-Debüt feiert, ist das auch bitter nötig: Eisner wird einleitend lebensgefährlich verletzt, kann sich in der Folge nicht mehr an den auf ihn verübten Mordanschlag erinnern und steht äußerst wacklig auf den Beinen. Dieses ungewohnte Handlungskonstrukt ist nur eine von vielen Stärken einer absolut überzeugenden Wiener „Tatort“-Folge, die nicht nur spannend, sondern zugleich hochemotional, authentisch, humorvoll, überragend gespielt und erstklassig inszeniert  ist.

    Eine Landstraße in Kärnten, mitten in der Nacht: Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) kann gerade noch telefonisch Unterstützung anfordern, bevor der Kontakt zu den Kollegen plötzlich abbricht. Kurze Zeit später wird der Ermittler in einem Steinbruch reglos am Steuer seines Wagens aufgefunden – schwer verletzt durch einen Schuss in den Kopf. Als Eisner nach einer Not-OP im Krankenhaus aufwacht, kann er sich an nichts mehr erinnern: Teile des Projektils befinden sich noch immer in seinem Kopf, er leidet an einer retrograden Amnesie und Halluzinationen. Nach seiner Entlassung sucht er zunächst im Büro nach Hinweisen auf seinen folgenschweren Wochenendtrip, findet aber nichts Verwertbares. Auch Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Tochter Claudia (Tanja Raunig) können seinem Kurzzeitgedächtnis nicht auf die Sprünge helfen. Also quartiert sich der angeschlagene Ermittler entgegen der Anweisung seines Vorgesetzten Ernst Rauter (Hubert Kramar) in einem Hotel in Bad Eisenkappel ein – fest entschlossen, die Vorfälle der Nacht am Ort des Geschehens zu rekonstruieren...

    Moritz Eisner musste im Laufe seiner vierzehn „Tatort“-Dienstjahre gesundheitlich schon einiges wegstecken: Im vergangenen Jahr brach er sich in „Falsch verpackt“ die Nase und wurde in „Kein Entkommen“ das Opfer einer grassierenden Grippewelle, 2011 musste er in „Lohn der Arbeit“ sogar mit einem Gipsbein ermitteln. Diesmal setzen die Macher des Wiener Krimis noch einen drauf: Der einleitende Anschlag, der den Zuschauer ohne Vorwarnung um das Leben eines langjährigen „Tatort“-Helden zittern lässt, beschert ihm nicht nur eine markante Narbe über dem linken Ohr, ein entstelltes Auge und permanentes Nasenbluten, sondern auch Wortfindungsstörungen und düstere Flashbacks. Im Laufe der neunzig Krimiminuten ergeben diese einzelnen Puzzleteile – prominente Hollywood-Vorbilder wie Christopher Nolans „Memento“ oder die „Hangover“-Reihe lassen grüßen – ein immer klareres Gesamtbild, so dass der Zuschauer fleißig miträtseln darf, wie es zu dem fast tödlichen Anschlag kam. Dass die klassische Auftaktleiche fehlt und erst nach einer halben Stunde die erste Tote gefunden wird, stört dabei nicht im Geringsten.

    Im Gegenteil: Gerade der Bruch mit den klassischen Erzählkonventionen macht „Unvergessen“ so stark. Wer den „Tatort“ erst gegen 21 Uhr einschaltet, könnte glatt meinen, er habe den falschen Knopf auf der Fernbedienung gedrückt und versehentlich eine historische Dokumentation eines Nachrichtensenders erwischt: Regisseur und Drehbuchautor Sascha Bigler nimmt sich tatsächlich die Zeit, zweieinhalb Minuten Bildmaterial und Augenzeugenberichte eines SS-Massakers der letzten Weltkriegstage in seinen Krimi zu integrieren. Das ist in Länge und Form zwar zunächst irritierend, bringt in der Folge aber entscheidend Licht ins Dunkel und wird gekonnt mit dem Kriminalfall verwoben. Darüber hinaus gibt Bigler mit knackigen Split-Screen-Einstellungen und Parallelmontagen, nahtlos eingeflochtenen surrealen Momenten und plötzlichen Zeitsprüngen eine Kostprobe seines inszenatorischen Könnens, ohne dabei den Blick fürs Wesentliche zu verlieren und die ausgefallene Form über den Inhalt zu setzen. Diese feinen Unterschiede sind es, die den 874. „Tatort“ zu einem der stärkeren Vertreter der Reihe machen.

    Die Nebendarsteller sind durch die Bank überzeugend und auch Adele Neuhauser („3faltig“) und Harald Krassnitzer („Gier“) lassen mit starken schauspielerischen Leistungen aufhorchen. Krassnitzer wird in der Rolle als labiles Opfer extrem gefordert und läuft vor allem in den lautstarken Streitgesprächen mit den Dorfbewohnern zu großer Form auf. „Ich hab’s nicht an der Leber, ich hab’s am Kopf!“, faucht der Wiener Chefinspektor seine Kollegin, die ihm den Schnaps verbieten will, einleitend an, und muss bei der emotional aufgeladenen Konfrontation mit dem einflussreichen Steinbruchbesitzer Franz Wiegele (Jürgen Maurer, „Das Wunder von Kärnten“) gar vor einer handfesten Schlägerei zurückgehalten werden. Keine Frage: Die Liaison mit der Journalistin Maja Jancic-Herzog (Bojana Golenac), die den Schlüssel zur Auflösung liefert, macht die Ermittlungen für Eisner noch stärker zur persönlich motivierten Angelegenheit als ohnehin schon und bringt ordentlich Leben in die Gefühlswelt des alleinerziehenden Vaters, dessen sonst oft anstrengende Tochter Tanja diesmal nur in den ersten Krimiminuten zu sehen ist.

    Fazit: Mit „Ausgelöscht“, „Kein Entkommen“ und „Falsch verpackt“ kamen in den vergangenen Monaten gleich eine ganze Reihe starker „Tatort“-Folgen aus der österreichischen Hauptstadt – „Unvergessen“ ist die nächste. Sascha Bigler liefert ein in jeder Hinsicht überzeugendes „Tatort“-Debüt und damit ein hochkarätiges Bewerbungsschreiben für weitere Folgen ab.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top