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    Den Menschen so fern
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Den Menschen so fern
    Von Katharina Granzin
    Was macht einen Western aus? Auf diese Frage gibt es viele Antworten, aber auf (fast) jeden Fall gehören Pferde, schweigsame Männer sowie ein grundsätzlicher Konflikt zwischen Moral und Gewalt dazu. Außerdem eine staubige Landschaft und gern auch ein atmosphärischer Soundtrack. In David Oelhoffens „Den Menschen so fern“ finden sich nun alle diese Elemente vereint, aber seine Handlung ist nicht in Nordamerika angesiedelt, sondern in Nordafrika, weshalb ihm Genrepuristen das Etikett „Western“ verweigern würden - dabei hat das Algerien-Drama mit der uramerikanischen Erzählform auch die mythischen Untertöne gemein. Der französische Regisseur übersetzt die existenzphilosophische Fragestellung einer Kurzgeschichte von Albert Camus sehr souverän in einen hochästhetischen Genrefilm mit grandiosen Bildern, perfektem erzählerischen Timing und einem erlesenen von Viggo Mortensen angeführten Darstellerensemble.
     
    In den 1950er Jahren ist der Befreiungskrieg in Algerien in vollem Gange: Überall im Land haben sich bewaffnete Rebellen erhoben, die gegen die französische Kolonialmacht kämpfen. Sogar in dem entlegenen Dorf im Atlasgebirge, wo Daru (Viggo Mortensen) die Kinder der armen Bergbauern unterrichtet, wird der Konflikt spürbar und der Lehrer gerät unversehens zwischen die Fronten: Als Angestellter des französischen Staates muss Daru einen Verhafteten zur nächsten Stadt eskortieren. Er weigert sich zunächst, diesen Mann namens Mohamed (Reda Kateb), der aus Not getötet hat, der sicheren Todesstrafe auszuliefern, doch der Gefangene selbst will lieber von den Franzosen abgeurteilt werden als seine Familie dem ewigen Kreislauf der Blutrache auszusetzen. Auf dem beschwerlichen langen Fußmarsch durch das Gebirge werden die beiden Männer von Mohameds Blutfeinden verfolgt. Kaum haben sie die Verfolger abgeschüttelt, fallen sie in die Hände algerischer Rebellen. Als deren Versteck von einer französischen Einheit entdeckt wird, muss Daru als Geisel herhalten...


    In „Den Menschen so fern“ folgt wie in vielen Western ein Schicksalsschlag auf den nächsten. Der instabilen politischen Lage oder den fehlenden Strukturen entsprechen hier wie dort brüchige menschliche Beziehungen. Zwischen dem Ordnungshüter wider Willen und seinem Gefangenen entwickelt sich eine prekäre Freundschaft. Diese muss angesichts ihrer Situation allerdings flüchtig bleiben, ebenso flüchtig wie die Liebe zum anderen Geschlecht, die hier nur in einer kurzen Episode mit Angela Molina als Puffmutter vorkommt. Wie schon der sprechende Titel des Films andeutet geht es immer wieder um die letztlich vergebliche Suche nach Nähe, die den Menschen umtreibt. Am Ende aber bleibt doch jeder allein und muss den Weg gehen, der ihm bestimmt ist. Das ist purer Camus, wobei Oelhoffen überzeugend die Balance zwischen atmosphärischem Ideenkino und spannungsreichem Genrefilm hält. Und er erinnert uns indirekt daran, dass der Western ja durchaus auch ein existenzialistisches Genre ist.

    Nick Cave und Warren Ellis haben zu Oelhoffens konzentriertem Drehbuch eine kongenial minimalistische Musik geschaffen, die vom Verstreichen der Zeit zu erzählen scheint: ein differenziertes, zurückhaltend orchestriertes Pulsieren, kaum mehr als ein musikalisches Atmen, aus dem sich hier und da winzige Melodie-Fragmente erheben. Dazu zeigt uns Kameramann Guillaume Deffontaines („Camille Claudel, 1915“) in herrlich schönen, aber oft auch trostlosen Bildern, wie viele unterschiedliche Schattierungen von rötlichem Staub es doch gibt. Die Stimmung des Films ist eine der Ungewissheit und diese quält auch die Figuren: So entpuppt sich Mohamed, der als scheinbar naiver, des Französischen nicht mächtiger bäuerlicher Delinquent eingeführt wird, als junger Mann mit großem Ehrgefühl und voller existenzieller Sorgen. Dieses differenzierte Porträt ist nicht nur eine große Leistung des Darstellers Reda Kateb („Zero Dark Thirty“), sondern auch eine der zentralen Stärken des Drehbuchs. Getragen wird der Film aber von Viggo Mortensen („A History of Violence“), der als Daru eine zurückhaltende und zugleich ungemein intensive Darbietung zeigt – und wie nebenbei völlig überzeugend mehrere Sprachen fließend spricht, darunter Arabisch.
     
    Fazit: Stimmiges „Western“-Drama zwischen Genrekino und Existenzialphilosophie: Frei nach Albert Camus und mit einem überragenden Viggo Mortensen in der Hauptrolle erzählt David Oelhoffen eine Geschichte aus dem algerischen Befreiungskrieg.
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