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    Nymph()maniac 2
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Nymph()maniac 2
    Von Carsten Baumgardt
    Das Marketing zum Zweiteiler „Nymph()maniac“ ist schlicht genial. Direkt nach Lars von Triers kerniger Ansage in Cannes 2011, einen „echten Pornofilm“ zu drehen, begannen die Spekulationen, wie weit das dänische Regie-Enfant-terrible denn nun wirklich gehen würde. Die erste Antwort darauf gab bereits „Nymph()maniac 1“, nämlich ziemlich weit. Es gab jede Menge, zum Teil auch explizite Sexszenen, aber dennoch ist das überzeugende Psychogramm einer Nymphomanin eben kein Porno-Drama oder Sex-Epos, sondern ein provokanter Arthouse-Film in purster von Trier’scher Prägung. Dazu gehört auch der ausgeprägte Sinn des Filmemachers für Publicity und so setzt er dem Marketing-Budenzauber am Ende des ersten Teil seines radikalen Psycho-Dramas die Krone auf: Dort gibt er dem Zuschauer zur kongenial eingesetzten Rammstein-Dröhnung („Führe mich“) eine Vorschau auf „Nymph()maniac 2“ – und die ist so effektiv geschnitten, dass man glaubt, der erste Film sei nur ein harmloses Aufwärmprogramm für einen wahren Höllenritt der Extravaganz in der Fortsetzung. Doch weit gefehlt! Der geniale Teaser erweist sich vielmehr als die letzte Nebelkerze in von Triers Spiel mit unseren Erwartungen, denn in „Nymph()maniac 2“ gibt es eben auch keine noch nie dagewesenen skandalösen Exzesse, sondern der Filmemacher taucht nur noch tiefer in die Abgründe seiner sexbesessenen Hauptfigur ein und erzählt so schmerzhaft wie akribisch von ihrem Niedergang.  

    Joe (Charlotte Gainsbourg) erzählt dem alternden Junggesellen Seligman (Stellan Skarsgard) weiterhin ihre Lebensgeschichte. Der zweite Teil beginnt genau da (mitten im fünften der insgesamt acht Kapitel), wo „Nymph()maniac 1“ endete: Joe (hier noch: Stacy Martin) verödet in der Beziehung zu Jerome (Shia LaBeouf) und ist plötzlich unfähig, Lust beim Sex zu empfinden. Sie entschließt sich zu einer radikalen Maßnahme und sucht einen Spezialisten auf: den Masochisten K (Jamie Bell). Sie liefert sich dem gestrengen Mann mit der Gerte bei ihren Besuchen komplett aus und versucht, über den Schmerz wieder zur Lust zu finden. Gleichzeitig vernachlässigt sie in gefährlicher Selbstbezogenheit ihr Baby und eine Katastrophe bahnt sich an. In ihren Gesprächen mit Seligman wird indes das Geheimnis um dessen mysteriöses Leben gelüftet: Der Mann ist asexuell und hatte noch nie Sex, was ihm eine ganz besondere Perspektive auf Joes ausschweifende Darstellung verschafft…


    Egal wie man es dreht und wendet: Lars von Triers „Nymph()maniac“ ist EIN Werk, ob nun zweigeteilt (in insgesamt vier- oder fünfeinhalbstündiger Fassung) und über Monate zerstückelt aufgeführt oder nicht. Die Aufteilung ist aus Produzentensicht allerdings durchaus nachvollziehbar und man muss attestieren, dass die Zäsur ideal platziert wurde: „I can’t feel anything!“, verzweifelt Joe mitten im Akt und von Trier serviert uns damit einen genialen Cliffhanger zwischen Teil 1 und 2. Dieser Punkt erweist sich schließlich auch als der Anfang vom Ende für die Protagonistin: Von dem schmerzhaften Verlust der Lustfähigkeit getrieben springt Joe kopfüber in die Abwärtsspirale und lässt sich beim Versuch, wieder in die Spur zu finden, mehr als nur einen Klaps auf den Hintern geben. Ab dem 6. Kapitel übernimmt die erfahrene Schauspiel-Extremistin Charlotte Gainsbourg (aufs Ärgste leidgeprüft in „Antichrist“) die Rolle komplett von der überzeugenden Debütantin Stacy Martin und führt Joe in die düstersten Winkel ihrer Persönlichkeit und verdeutlicht, worin der Selbsthass, der bereits in Teil 1 in den Gesprächen mit Seligman angedeutet wurde, seinen Ursprung hat. Die ebenso souveräne wie großartige Gainsbourg muss dabei trotz einiger Nacktszenen nicht ganz so viel Körpereinsatz zeigen wie ihre unbedarftere Kollegin Martin und darf sich ebenfalls auf versierte Porno-Darsteller verlassen, die einspringen, wenn der Sex zu explizit wird.  

    Lars von Trier setzt in „Nyph()maniac 2“ unbeirrt den im ersten Teil eingeschlagenen Weg fort. Anders als es der Zusammenschnitt am Ende von  Teil 1 suggeriert, schlägt er inszenatorisch keine härtere Gangart an, aber dafür bringt er seine Erzählung thematisch konsequent an ihr bitteres Ende und vollendet zugleich seine „Depressions-Trilogie“, die er mit „Antichrist“ begann und mit „Melancholia“ weiterführte. Das Tabu, das er dabei in den Mittelpunkt rückt, hat letztlich nichts mit der Art der Sex-und Gewalt-Darstellung selbst zu tun, sondern vielmehr mit der Wahl der Hauptfigur und der Erzählperspektive: Eine Mutter, die kaum Empathie für ihr Baby empfindet, es im Stich lässt, um sich ihre bizarren sexuellen Fantasien zu erfüllen, treibt die Emotionen auf die Barrikaden. Es wirkt fast so, als wolle Lars von Trier die Vorwürfe der Frauenfeindlichkeit, die seine Gegner ihm angesichts von „Antichrist“ entgegenhielten, auf seine eigene Art kontern, denn „Nymph()maniac“ ist vor allem anderen und bei aller Eigenwilligkeit ein sensibles Frauenporträt. Von Trier verurteilt seine Protagonistin keineswegs, sondern widmet sich ohne Auslassungen ihrem fragilen Seelenzustand. Und auch durch elegante inszenatorische Kniffe wie die konfrontativen Split-Screen-Aufnahmen oder der Einsatz von sakraler klassischer Musik, die zuweilen im krassen Kontrast zu Joes maßlosen Sex-Orgien stehen, gibt er diesem Porträt einfühlsam weitere Konturen.

    Von Trier öffnet dem Publikum wie immer einen weiten Assoziationsraum, hier bindet er etwa Brehms Tierleben ein, um die Triebhaftigkeit der menschlichen Natur zu bebildern. Diesem Befund hält der Regisseur über Joes Konterpart Seligman (charismatisch gespielt von Stellan Skarsgard) die Kultur als Antwort entgegen und damit das Prinzip der zivilisatorischen Zügelung der animalischen Instinkte im Menschen. Der Regisseur zeigt einmal mehr Gefallen an solchen Widersprüchen und so lässt er auch (wie bereits in Teil 1) diesmal wieder gelegentlich ein wenig schelmischen Humor durchschimmern, der die schwere Kost einen Tick verdaulicher macht. So etwa in einer denkwürdigen Sequenz, in der Charlotte Gainsbourg sich auf einen flotten Dreier mit zwei Schwarzen von der Straße einlässt. Die Szene endet im Gekichere, weil sich die beiden Herren trotz bereits erigiertem Penis nicht über die Reihenfolge und die Örtlichkeiten der Penetration einigen können. Dazu entpuppen sich die beiden Jungs als rechte Labertaschen und unterlaufen damit kolossal Joes Absichten, die nach ihren Erfahrungen mit ihrem Ex Jerome endlich einmal nicht reden oder gar diskutieren müssen will. Diese amüsante Episode ist eine willkommene Abwechslung inmitten des sonst vorwiegend ernsten Geschehens, bei dem in  theaterhaften Kulissen und Dialogen, zwischen Philosophie und Pornografie, zwischen Fliegenfischen und Fibonacci, das Seelenleben einer getriebenen Frau seziert wird.

    Fazit: Die „Revolution“ (ein Porno-Spielfilm!) bleibt aus, aber Lars von Trier hat seinem bestaunenswerten Oeuvre ein weiteres hochinteressantes Kapitel hinzugefügt: die sperrige, theaterhafte, kühne, radikale und epische Charakterstudie „Nymph()maniac“.  

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