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Die Entdeckung der Unendlichkeit
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Die Entdeckung der Unendlichkeit
Von Carsten Baumgardt
Selbst Menschen, die mit Wissenschaft im Allgemeinen oder Physik im Besonderen nichts am Hut haben, werden wissen, wer Stephen Hawking ist, denn der geniale Physiker ist auch eine Ikone der Popkultur. Sein populärwissenschaftlicher Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ verkaufte sich weltweit mehr als zehn Millionen Mal, aber die wegen seiner ALS-Erkrankung seit Jahrzehnten an den Rollstuhl gefesselte Geistesgröße ist auch auf mehreren Pink-Floyd-Alben zu hören, hat Gastauftritte in TV-Serien wie „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“, „Die Simpsons“ oder „The Big Bang Theory“ absolviert und vieles mehr. Wer aber wissen will, was für ein Mensch hinter der Wissenschaftsikone steckt, ist mit James Marshs „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ gut bedient und wird dazu auch noch bestens unterhalten. Dem Regisseur gelingt das Kunststück, aus dem Hawking-Biopic trotz des im Grunde deprimierenden Krankheitsthemas charmantes Wohlfühlkino zu machen: Hier wird die gesamte Brandbreite der Emotionen abgedeckt und dem Ganzen ein hoffnungsvoll-optimistischer Dreh gegeben. Dazu spielen die beiden Hauptdarsteller Eddie Redmayne und Felicity Jones furios auf und lassen mit ihren preiswürdigen Darbietungen die zuweilen arg konventionelle Erzählweise vergessen.

Cambridge, 1963: Der 21-jährige Physiker Stephen Hawking (Eddie Redmayne) ist seinen Kommilitonen an der ehrenwerten Universität meilenweit überlegen. Sein Professor Dennis Sciama (David Thewlis) erkennt Hawkings Genie und fördert es. Obwohl ein wenig schüchtern und verkopft, läuft auch das gesellschaftliche Leben nicht an dem Brillenträger vorbei: Hawking verliebt sich unsterblich in die Romanistikstudentin Jane Wilde (Felicity Jones) und die beiden werden ein Paar. Doch bald steht die große Liebe auf dem Prüfstand, denn die Ärzte stellen fest, dass Hawking unter der Nervenkrankheit ALS leidet und prognostizieren dem jungen Mann nur noch zwei weitere Jahre Lebenszeit. Jane wendet sich jedoch entgegen Hawkings Forderung nicht von ihm ab – im Gegenteil, sie heiraten 1965 und bekommen ein Kind. Während der körperliche Verfall des Physikers durch das Versagen der Muskeln rasend fortschreitet, kämpfen Stephen und Jane unermüdlich weiter. Trotz seiner immer stärker eingeschränkten Mobilität promoviert Hawking bald, seine geistigen Fähigkeiten sind von der Krankheit nicht betroffen.


Den körperlichen Ist-Zustand von Stephen Hawking hat wohl jeder vor Augen. Der legendäre britische Physiker ist bewegungsunfähig und kann mittlerweile nur noch über den Augenkontakt kommunizieren. Regisseur James Marsh („Man On Wire“, „Shadow Dancer“) widmet sich allerdings der Frühphase von Hawkings wissenschaftlicher Laufbahn und beginnt seine Erzählung im Jahr 1963, sodass das Publikum den brillanten Wissenschaftler auch vor seiner folgenschweren Erkrankung erleben kann. Insgesamt vermeidet Marsh bei seiner Verfilmung der Memoiren von Stephen Hawkings erster Frau Jane die Schwere anderer Krankheitsdramen wie etwa „Das Meer in mir“ oder „Schmetterling und Taucherglocke“ und setzt auf Zugänglichkeit. So macht er die Forschungen Hawkings zum Ursprung des Universums ganz im Sinne des populären Physikers durch Vereinfachung und Zuspitzung auch für Laien nachvollziehbar. Es geht in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ letztlich auch nur am Rande um das Wesen der Zeit, denn im Kern ist der Film ein charmantes romantisches Drama, das im Ton einer leichten Liebeskomödie beginnt und sich später zu einer pikanten Dreiecksgeschichte mit dem Witwer Jonathan Hellyer Jones (Charlie Cox) entwickelt, was interessante moralische Fragen provoziert. So macht Marsh aus einer ganz speziellen Geschichte eine universelle – denn trotz aller schwierigen Umstände kämpfen Stephen und Jane um die Liebe.       

Das Schicksal Hawkings lässt niemanden unberührt – Regisseur James Marsh weiß das und aktiviert das Mitgefühl der Zuschauer. Er verschafft dem jungen Wissenschaftler, der schon zu einer Zeit, als es diesen Begriff noch gar nicht gab, ein Nerd war, alle Sympathien: Zu sehen, wie sein Körper nach kleineren Defekten mehr und mehr zerfällt, ist schockierend, aber der Lebensmut und die Weisheit, mit denen sich Hawking seinem schweren Schicksal stellt, sind eine wahre Inspiration – das vermittelt Marsh, ohne dass der Film dabei jemals belehrend oder beschönigend wirkt. Was Inhalt und Erzählstruktur angeht, folgen der Regisseur und sein Drehbuchautor Anthony McCarten („Death Of A Superhero“) indes dem starren Schema der allermeisten biografischen Spielfilme und haken entscheidende Lebensereignisse ab. Bezeichnend für diese Herangehensweise ist die Deutlichkeit, mit der Hawkings erste kleine motorische Ausfälle dokumentiert werden, das Publikum wird förmlich mit der Nase darauf gestoßen. Hawkings Leben erscheint hier über die drei Jahrzehnte bis in die 90er als eine Folge schicksalhaft zusammenhängender Schlüsselmomente, was im Ganzen betrachtet sehr gezwungen wirkt. Allerdings sind viele der einzelnen Szenen gerade durch die Unausweichlichkeit der Entwicklung so berührend.

Die fehlende erzählerische Risikobereitschaft machen die beiden fantastischen Hauptdarsteller ohnehin mühelos wett. Eddie Redmayne („Les Miserables“, „My Week With Marilyn“) nutzt die Chance seines Lebens und geht ganz in seiner anspruchsvollen Rolle auf. Mit Akribie und Disziplin zeichnet er den physischen Verfall nach, die schiefe Kopfstellung, die gekrümmte Hand, auch die nach und nach verblassende Sprachfähigkeit – all diese körperlichen Herausforderungen meistert Redmayne perfekt, aber das Herzstück seines Porträts ist die feinfühlige Darstellung eines ungebrochenen Geistes: Hawkings Selbstironie und sein feiner Humor werden zur Waffe gegen die erniedrigenden Einschränkungen eines fremdbestimmten Lebens. Redmaynes beeindruckende Tour de Force konnte man angesichts der Rolle vielleicht nicht zwangsläufig erwarten, aber doch erhoffen. Daneben ist die herausragende Leistung von Felicity Jones („The Amazing Spider-Man 2“) eher überraschend, denn sie steht als Frau an Hawkings Seite eben nicht im Schatten des Kollegen, sondern erweist sich als ebenbürtige Partnerin. Jane hat sich zu Beginn der Beziehung für den bedingungslosen Kampf entschieden und Jones bringt uns die unglaubliche Willenskraft der zierlichen Frau pointiert und nuanciert nahe, ohne die Mühen und Schwierigkeiten herunterzuspielen, die das Leben mit Stephen Hawking mit sich bringt.

Fazit: James Marshs emotional-charmantes Biopic-Drama „Die Entdeckung der Unendlichkeit” ist das Gegenteil von einer staubtrockenen Geschichtsstunde. Das Leben des brillanten Physikers Stephen Hawking und dessen Liebe zu seiner ersten Frau werden zu einer berührenden Kino-Reise.
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Kommentare

  • DPPremier ..
    von mir 5*.
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