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Ein Hologramm für den König
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Ein Hologramm für den König
Von Carsten Baumgardt
Das Schlagwort Globalisierung steht mittlerweile schon seit über 30 Jahren im Zentrum vieler öffentlicher Debatten. Im Laufe dieser Zeit haben sich die dabei diskutierten wirtschaftlichen, politischen, technischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Fragestellungen zwar spürbar verändert, doch die unter dem Oberbegriff zusammengefassten weltumspannenden Veränderungen in allen Lebensbereichen beschäftigen uns natürlich nach wie vor. Auch der amerikanische Bestsellerautor Dave Eggers („The Circle“) erzählt in seinen Büchern immer wieder von den Folgen und Auswüchsen der Globalisierung, etwa in dem Roman „Ein Hologramm für den König“ von 2012, den Tom Tykwer („Cloud Atlas“, „Das Parfum“) nun in einer internationalen Co-Produktion verfilmt hat: Die Tragikomödie über einen hochkarätigen Zeitenwendeverlierer auf geschäftlicher Mission in der arabischen Welt erweist sich in der Lesart des deutschen Regisseurs als witziger, gescheiter und wunderbar atmosphärischer Selbstfindungstrip zwischen Culture Clash und Völkerverständigung.

US-Manager Alan Clay (Tom Hanks) hat schon bessere Zeiten gesehen: Seine Ehe ist gescheitert, seine Tochter Rachel (Megan Maczko) studiert weit entfernt und um seine Karriere steht es ebenfalls schlecht. Doch der Mittfünfziger bekommt eine letzte Chance: In Saudi-Arabien soll er für seine Firma eine hochmoderne, holografische Telekommunikationsanlage an den König persönlich verkaufen. Doch den Regenten kriegt er nicht zu fassen: Täglich kutschiert sein einheimischer Fahrer Yousef (Alexander Black) Clay in die Wüste, wo eine neue Metropole aus dem Sand gestampft werden soll, doch dort werden der amerikanische Gast und sein Team immer wieder vertröstet und hingehalten. Trotzdem gibt Clay nicht auf. Er knüpft Kontakt zu der dänischen Geschäftsfrau Hanne (Sidse Babett Knudsen) und lässt sich von der Ärztin Zahra (Sarita Choudhury) behandeln, die ein furchterregend aussehendes Ekzem auf seinem Rücken operativ entfernen will. Die Zeit vergeht. Clay freundet sich nicht nur mit dem Alkohol an, sondern lernt auch viel über sich selbst und beginnt, sich für Zahra zu interessieren und einen neuen Blick auf die Welt zu gewinnen.


Tom Tykwer eröffnet „Ein Hologramm für den König“ mit den Talking Heads und ihrem Klassiker „Once In A Lifetime“: „You may find yourself without a beautiful house, without a beautiful wife. And you may ask yourself: Well …how did I get there?” Genau das ist die Ausgangslage für Alan Clay. Er steht vor den Scherben seines Lebens und will mit einem letzten Befreiungsschlag den Superdeal in Saudi-Arabien eintüten, um alles wieder zum Besseren zu wenden. Erst nach und nach bekommt der zunächst nur mit sich selbst und seinen eigenen Problemen beschäftigte Amerikaner dabei einen Blick für die Besonderheiten seines Gastlandes, das ihm anfangs extrem fremd vorkommt, und genauso allmählich findet der Film gleichsam zu seinem eigentlichen Thema. Clay erkundet die Kultur einer Nation zwischen Staatsreligion und Hochtechnologie, zwischen gesellschaftlichem Stillstand und wirtschaftlichem Aufbruch, zwischen Tradition und Moderne. Sein eigentlicher Auftrag gerät für den nun offenen und neugierigen Besucher aus dem Westen zunehmend in den Hintergrund, in der neuen Umgebung nimmt er die Neuordnung seines Lebens in Angriff.

Doch „Ein Hologramm für den König“ ist nicht nur die Geschichte einer individuellen Sinnsuche, sondern auf einer zweiten Ebene auch ein Film über Amerika: Bei der Begegnung mit der arabischen Kultur erscheint die von Clay repräsentierte US-Gesellschaft und -Wirtschaft nicht unbedingt in einem schmeichelhaften Licht. Doch Tom Tykwer geht es nicht um eine Abrechnung, er lässt die etwas dick aufgetragene Prämisse bald hinter sich und nimmt die Eigenheiten der hier zusammenprallenden Welten mit verständnisvoller Milde und augenzwinkernder Leichtigkeit in den Blick: Die Kulturen sind so unterschiedlich, dass alleine die bloße Begegnung zwischen ihnen schon etwas Absurdes an sich hat. Dazu zaubert sein Stammkameramann Frank Griebe („Lola rennt“) stimmungsvolle, mit einem dezenten Hauch Exotik versehene Bilder der orientalischen Schauplätze auf die Leinwand. Damit treffen sie genau den richtigen Ton. Der Film ist amüsant und trotzdem ernst genug, dass auch die schwierigeren Themen glaubwürdig zur Geltung kommen. So erscheint es etwa mehr als ambivalent, wenn es manchmal alleine finanzielle Interessen zu sein scheinen, die den Austausch in Gang halten.

Es gibt kaum einen Schauspieler, der die Balance zwischen komödiantischer Lockerheit und seriöser Charakterzeichnung so sicher hält wie Tom Hanks („Bridge Of Spies“). Daher ist Alan Clay, dieser angeschlagene Manager der alten Schule, eine Paraderolle für den zweifachen Oscarpreisträger. Hanks verleiht dem Mann in der Krise eine berührende latente Traurigkeit, aber auch lakonischen Humor: So wird aus dem typischen amerikanischen Jedermann in seiner Darstellung einmal mehr ein ganz unverwechselbarer Sympathieträger. An seiner Seite sorgt Alexander Black mit flotten Sprüchen für Schwung, während Sidse Babett Knudsen („Nach der Hochzeit“) als Business-Angestellte des Königs die Verbindung zwischen westlicher und arabischer Sicht gelingt. Sarita Choudhury („Die Tribute von Panem - Mockingjay“) wiederum repräsentiert nicht nur die moderne arabische Frau, sondern ist als Tom Hanks‘ neue Liebe auch der Schlüssel zur Erkenntnis auf seinem Selbstfindungstrip. Der damit verbundene Schlenker ins Romantische, der hier größeren Raum einnimmt als in Dave Eggers‘ Roman, wirkt trotz der guten Schauspieler allerdings doch etwas zu stark idealisiert.

Fazit: Tom Tykwer wirft in seiner atmosphärischen Tragikomödie „Ein Hologramm für den König“ einen vergnüglichen und doch ernsthaften Blick auf die Kapriolen der Globalisierung.
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Kommentare

  • cincinnati
    Leute, Leute....also MIT dem BUCH in der Hand an die Filmkritik zu gehen, finde ich einigermaßen unangebracht. Wer, wie wir, den Film OHNE diese HINTERGRUNDINFOS gesehen hat, fragte sich nach ca. 30 Minuten "wohin will der Film?" und nach 98 Minuten reibt man sich verwundert die Augen über eine solche Anhäufung von Plattitüden und Nebensächlichkeiten. Es wird nämlich mit keinem Wort die Bankenkrise erwähnt, die Ehe ist scheinbar zerstritten (angeblich aber nicht hoffnungslos), der Job bei den Saudis wird kaum näher beschrieben (wie auch die Ehe-, Job- und Finanzprobleme der Hauptfigur) und warum sich die kecke arabische Ärztin, während Ihre einheimische Scheidung läuft, in Nullkommanichts auf Tom Hanks stürzt, hat sich uns ebenfalls nicht ganz erschlossen. Das der dänische Geschäftskontakt ebenfalls sofort mit ihm in die Federn will, macht die Handlung nicht glaubwürdiger. Ansonsten werden Ehefrau und Scheidung gar nicht mehr erwähnt, das Geschäft machen ominöse (weil unsichtbare) Chinesen und Alan Clark fällt (ebenfalls ominös) ein neuer Job in den Schoß, damit er in der neuen Heimat und bei der neuen Frau bleiben kann.Alles in allem scheint dieser Film eine bunt zusammengeschnittene Stoffsammlung eines eigentlich deutlich tiefergehenden Buches zu sein, für dessen Verfilmung nicht genügend Zeit, Geld oder eben beides zur Verfügung stand - schade! Was die Kritik hier, meine ich, sehr richtig bemerkt ist, dass Tom Hanks (wie gewohnt) sehr ausbalanciert und überzeugend spielt. Allerdings könnte dieser Mann auch glaubwürdig "ein Stopschild spielen" und doch gelingt es ihm hier nicht, einen Film ohne Handlung zu retten.
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