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    Spider-Man: Far From Home
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Spider-Man: Far From Home

    Keine Atempause nach "Avengers 4"!

    Von Christoph Petersen

    Achtung: Diese Kritik enthält Spoiler zu „Avengers 4: Endgame“

    Was soll jetzt noch kommen? Das ist eine Frage, die man sich in Bezug auf das Marvel Cinematic Universe (MCU) immer wieder stellt. 2015 hat sie etwa „Ant-Man“ nach der Zerstörungsorgie „Avengers 2: Age Of Ultron“ angenehm augenzwinkernd mit einem auf Kreativität statt Bombast setzenden Spielzeugeisenbahn-Finale beantwortet. Aber noch nie war die Herausforderung so groß wie nun bei Jon Watts' „Spider-Man: Far From Home“! Schließlich hat „Avengers 4: Endgame“ das MCU nach 22 (!) nicht nur gerade erst zu einem zutiefst berührenden, sondern vor allem auch höchst befriedigenden Abschluss geführt. Aber statt einer angebrachten Verschnaufpause gibt es nun nur läppische zehn Wochen (!) später direkt Nachschub. Das macht aus Marvel-Sicht natürlich Sinn, schließlich will man die Zuschauer sofort daran erinnern, dass mit dem MCU eben doch noch lange nicht Schluss ist. Zugleich fühlt es sich aus Sicht vieler Fans aber auch einfach falsch oder gar pietätlos an, nach dem Tod von Tony Stark direkt zum business as usual zurückzukehren.

    Trotzdem gelingt es Jon Watts gleich in einer der ersten Szenen ganz hervorragend, die Folgen des Blip (= die fünfjährige Abwesenheit der von Thanos‘ Weggeschnippsten) von einem das ganze Universum erschütternden Ereignis auf eine menschliche Ebene herunterzubrechen. In einem an YouTube-Formate erinnernden Schulfernsehen-Clip wird mit viel Humor, aber trotzdem nicht verharmlosend der aktuelle Stand referiert – schließlich führt die Rückkehr der Verwehten nicht nur zu emotionalen Herausforderungen, sondern auch zu ganz praktischen Problemen: So dürften zum Beispiel viele verwaiste Wohnungen längst neu vermietet sein. Anschließend entpuppt sich der neue „Spider-Man“ zunächst als Schulausflug-Komödie mit romantischen Einsprengseln – herzlich, charmant, oft wirklich komisch. Aber gerade, wenn man sich denkt, dass das nach dem Bombast von „Avengers 4“ doch jetzt genau die richtige Gangart ist, um das MCU langsam wieder neu in Schwung zu bringen, schaltet „Far From Home“ gleich ein paar Gänge hoch. So haut einen die ebenso kreative wie überraschende und temporeiche zweite Hälfte zu diesem Zeitpunkt einigermaßen unerwartet doch noch aus den Socken.

    Ob MJ schon ahnt, dass sie da gerade ihren Klassenkameraden Peter im Arm hält?

    Peter Parker alias Spider-Man (Tom Holland) will sich nach seinem ungeplanten Ausflug in den Weltraum, seiner fünfjährigen Auslöschung, dem finalen Sieg über Thanos und dem Tod seines Mentors Tony Stark erst einmal um seine privaten Probleme kümmern. Vor allem aber möchte er seiner Mitschülerin Michelle Jones (Zendaya) bei einer anstehenden Schulreise durch Europa auf dem Eiffelturm seine Liebe gestehen. Als Happy Hogan (Jon Favreau) ihn davon unterrichtet, dass Nick Fury (Samuel L. Jackson) ihn unbedingt sprechen will, lässt Peter den S.H.I.E.L.D.-Boss deshalb auch gnadenlos abblitzen. Aber so einfach lässt sich ein Nick Fury natürlich nicht kaltstellen – stattdessen leitet er den Europatrip der Schüler so um, dass Peter immer zur rechten Zeit am rechten Ort ist, um dem offenbar aus einem Paralleluniversum stammendem Quentin Beck alias Mysterio (perfekt besetzt: Jake Gyllenhaal) dabei zu helfen, gegen eine elementare Bedrohung zu kämpfen, die von Becks inzwischen zerstörter Erde zu unserer herübergeschwappt ist …

    Das MCU ist ja bekannt dafür, immer mal wieder die verschiedensten Genres aufzugreifen – vom klassischen Kriegsfilm („The First Avenger“) über einen 70er-Jahre-Politthriller („The Return Of The First Avenger“) bis hin zu postmodernem Sci-Fi-Klamauk („Thor 3“). Und jetzt ist eben das ur-amerikanische Genre der Highschool-Komödie an der Reihe – nur dass der Lümmel aus der ersten Bank hier eben zugleich mit der schweren Last der Verantwortung ringt, ob er nun um seine große Liebe kämpfen oder doch besser (schon wieder) den Planeten retten sollte. Das fühlt sich natürlich längst nicht so welterschütternd an wie manch früherer MCU-Film, funktioniert aber trotzdem erstaunlich gut. Das liegt vor allem an a) der herausragenden Chemie zwischen Tom Holland und Zendaya sowie b) den umwerfend komischen Co-Stars von Jacob Batalon und Angourie Rice als unwahrscheinliche Turteltäubchen bis Martin Starr und J.B. Smoove als überforderte Pädagogen.

    Aus einem guten Film wird ein herausragender

    Zu den immer wieder im Sekundentakt zündenden Pointen kommen ein paar ikonische Schauplätze vom Markusplatz in Venedig bis zu einer Berghütte in den österreichischen Alpen, gewürzt mit einer Handvoll grundsolider Actionsequenzen, in denen Spider-Man (in Europa undercover als Night Monkey) und Mysterio gemeinsam gegen Wassermonster und Feuerungeheuer kämpfen. Kann man alles absolut so machen. Sagen wir mal: Gute 3,5 FILMSTARTS-Sterne und etwas, über das sich nach dem „Endgame“-Paukenschlag wohl niemand nachdrücklich beschweren würde. Ein charmanter MCU-Spaß für zwischendurch, ein Superheld auf romantischer Mission; ein bisschen was fürs Herz mit der Action, die in einem Comic-Blockbuster eben einfach nicht fehlen darf. Ein guter, aber längst nicht an der Spitze mitspielender MCU-Film. Aber Pustekuchen!

    Denn nach einem „Twist“, von dem ab der ersten Minute jeder weiß, dass er kommt, den wir an dieser Stelle aber natürlich trotzdem nicht verraten werden, feuert „Far From Home“ plötzlich aus allen Zylindern. Zwar fällt das Lüften des Plans noch etwas ausführlich aus (er ist aber auch wirklich kompliziert), doch dann folgt auch sofort eine echte Überraschung auf die nächste. Die (alptraumartigen) Actionsequenzen inklusive einem gleichermaßen kreativen wie epischen Finale an der Londoner Tower Bridge stellen nicht nur alles in der ersten Hälfte Dagewesene locker in den Schatten, sondern zählen sogar zu den bisher stärksten Set-Pieces des gesamten MCU. Gab es zuvor doch die eine oder andere kleine Länge, gerade wenn man auf die romantische Liaison zwischen Peter und MJ nicht hundertprozentig einsteigt, bleibt einem ab hier überhaupt keine Zeit mehr zum Luftholen. Uns fällt jetzt zumindest kein zweiter Marvel-Blockbuster ein, der sich über seine Laufzeit hinweg derart krass gesteigert hat.

    In der zweiten Hälfte dreht Spider-Man alias Night Monkey noch mal richtig auf!

    Und dann gleich noch die nächste positive Überraschung: Auch mit seinen zwei Abspannsequenzen setzt „Spider-Man: Far From Home“ einen völlig neuen Standard: Wo normalerweise der nächste MCU-Film angeteasert oder noch ein netter kleiner Gag nachgeschoben wird, nutzen die Marvel-Masterminds die zwei kurzen Extraszenen dieses Mal, um alles gerade Gesehene in Frage zu stellen und im selben Moment das „Spider-Man“-Universum in seinen Grundfesten zu erschüttern. Vor „Far From Home“ mag man sich mehr Zeit gewünscht haben, um sich erst einmal angemessen von den Auswirkungen von „Avengers 4: Endgame“ zu erholen. Nach den Abspannszenen kann man es hingegen kaum noch abwarten, endlich MCU-„Spider-Man 3“ auf der großen Leinwand zu sehen. Dass man darauf jetzt volle zwei Jahre warten soll, ist eine wahre Horrorvorstellung.

    Fazit: Auf eine charmant-unterhaltsame erste folgt in „Spider-Man: Far From Home“ eine mit hochtourigen Überraschungen und kreativen Einfällen bis zum Rand vollgestopfte zweite Hälfte. So fühlt sich selbst der 23. MCU-Blockbuster absolut frisch an.

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