Ummah - Unter Freunden
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Ummah - Unter Freunden

2,5


Von Petra Wille

Berlin-Neukölln, ein Bezirk zu dem es zahlreiche Assoziationen gibt: Deutsche mit Migrationshintergrund prägen dort das Bild, der Bezirk gilt als sozial schwierig, und man denkt bei dem Namen auch schnell an die „Kopftuchmädchen“ von Sarrazin oder den polemischen Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky und seine Ansichten zur Integrationspolitik. Alles Klischees? Ist Berlin-Neukölln wirklich ein verlorener Bezirk, vielleicht sogar ein Hort islamistischer Terroristen? Ganz bewusst siedelt Cüneyt Kaya sein Regiedebüt „Ummah – Unter Freunden“ hier an. Er will mehr zeigen als Taliban, Kopftuchzwang und Jugendgewalt und nach eigenen Worten „eine realistische, kritische und auch humorvolle Perspektive“ gegenüber der muslimischen Kultur in Deutschland einnehmen. In vielen Szenen gelingt ihm das sogar gut, einige Male traut er sich aber zu wenig und auch seine Rahmengeschichte weist deutliche Schwächen auf.

Daniel (Frederick Lau) will ein neues Leben anfangen. Als Ermittler des Verfassungsschutzes hat er einen Auftrag spektakulär vergeigt und möchte nur noch raus aus dem „Job“. Seine Vorgesetzten bringen ihn mit ein paar Hundert Euro im Berliner Bezirk Neukölln unter, mitten in der türkisch-arabischen Community. Beim Kauf eines Fernsehers lernt er Abbas (Kida Khodr Ramadan) und Jamal (Burak Yigit) kennen, die ihm helfen das vermeintlich kaputte Gerät zum Laufen zu bringen. Man freundet sich an und unternimmt viel gemeinsam, bis Daniel schließlich sogar in Abbas' Laden arbeitet. Daniel lernt, wie Muslime leben, warum eine Flasche Sekt zu einer Hochzeit eine schlechte Idee ist und wie seine neuen Freunde bloß ihres Aussehens wegen von der Polizei diskriminiert werden. Schließlich taucht allerdings der Verfassungsschutz wieder in Daniels Leben auf: Sein ehemaliger Vorgesetzter (Robert Schupp) verlangt von ihm, seinen Freunden etwas anzuhängen, um eine Erfolgsmeldung bringen zu können. Daniel weigert sich nicht nur, sondern packt in einer Fernsehshow über den Verfassungsschutz aus.

Regisseur Cüneyt Kaya hat sich viel vorgenommen: Er will die titelgebende „Ummah“, die muslimische Gemeinschaft, realistisch zeigen, ohne dabei Vorurteile zu reproduzieren. Er selbst stammt aus einer türkischen Familie, entschied sich aufgrund der libanesischen Herkunft des Darstellers Kida Khodr Ramadan aber dazu, seinen Film in einer arabischen Umgebung spielen zu lassen. Er zeigt gläubige, strenge Muslime, aber auch gemäßigte und arbeitet die Unterschiede in einer Szene schlicht und nachvollziehbar heraus: Daniels dumme Idee, zu einer arabischen Hochzeit eine Flasche Sekt mitzubringen, wird von den einen als kleine Fauxpas eines Unwissenden betrachten, während es für andere ein Tabubruch ist, der Daniel nachhaltig disqualifiziert

Die bedeutendste Figur ist dabei Abbas: Er hat Verständnis für menschliche Schwächen und weiß, dass jeder eine Vergangenheit und eine Geschichte hat. Anfangs wohl schlicht aus Mitleid mit dem unbeholfenen und verschlossenen Daniel, drängt er dem Deutschen seine Freundschaft geradezu auf. Diese Szenen wirken überzeugend, flüssig und authentisch. Auf der anderen Seite sorgt Daniels Hintergrundgeschichte für etwas kritisches Stirnrunzeln: Kann man einfach so aussteigen, wenn man zuvor im Auftrag des Verfassungsschutzes Menschen liquidiert hat? Ist ein ehemaliger verdeckter Ermittler so naiv, sich darüber zu wundern, dass er überwacht wird und die ehemaligen Kollegen einen Schlüssel zu seiner heruntergekommenen Aussteiger-Wohnung haben? Dass ausgerechnet ein angedeuteter Korruptionsfall dem Verfassungsschutz so große Sorgen bereitet, wirkt dann endgültig oberflächlich konstruiert.

Während Hauptdarsteller Frederick Lau („Sein letztes Rennen“, „Die Welle“) etwas zu oft den immer gleichen konstant gequälten Gesichtsausdruck aufsetzt, tragen die Leistungen der anderen Darsteller entscheidend dazu bei, die arabische Gemeinschaft differenziert widerzuspiegeln. Besonders Kida Khodr Ramadan („Knallhart“) als herzlicher Abbas und Burak Yigit („Bis aufs Blut“) als impulsiver Jamal stechen heraus. Dank ihnen ist Cüneyt Kaya ein authentisches Bild muslimischen Lebens in Berlin gelungen, ein erfreulich anderer Blick auf ein Thema, das meist allzu einseitig geschildert wird – auch wenn eine Szene ein schales Gefühl hinterlässt: Da will die Polizei Daniel mitnehmen, doch seine neuen Freunde und eine anwachsende Menschenmenge verteidigen ihn, bis die Polizisten den Rückzug antreten. Dies mag authentisch sein, allerdings wird in dieser Szene der Widerstandsakt als Freundschaftsdienst unnötig gepriesen.

Fazit: Vor allem die Darstellung der muslimischen Gemeinschaft ist in „Ummah – Unter Freunden“ dank der überzeugenden Schauspieler und ihrer differenzierten Figuren gelungen. Diese überzeugenden Ansätze und lebensnahe Momente können jedoch nicht über die oft dünne und teilweise sogar unglaubwürdige Story hinwegtäuschen.

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