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    Gott verhüte!
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Gott verhüte!
    Von Gregor Torinus
    Denkt man an Komödien aus dem Balkan, fallen einem höchstwahrscheinlich zuerst die skurrilen Filme von Emir Kusturica („Schwarze Katze, weißer Kater“) ein. Das ist kein Wunder, schließlich hat es der verrückte Bosnier sogar bis nach Hollywood geschafft, wo er bereits 19993 „Arizona Dream“ mit Stars wie Johnny Depp, Faye Dunaway, Lili Taylor und Vincent Gallo gedreht hat. Der kroatische Regisseur Vinko Bresan ist dahingegen noch wenig bekannt, obwohl viele seiner Filme bereits Auszeichnungen auf Filmfestivals erhielten. Seine Tragikomödie „Gott verhüte!“ wirkt auf den ersten Blick fast wie ein Anti-Kusturica. Statt des wilden Treibens verrückter, lebenslustiger Zigeuner, zeigt er einen traurigen katholischen Priester in Dalmatien. Doch dieser Priester hat eine verrückte Idee, die dafür sorgt, dass auf seiner kleinen Insel sehr bald der - im wahrsten Sinne des Wortes - nackte Wahnsinn ausbricht...

    Der junge Geistliche Fabian (Krešimir Mikić) tritt auf einer kleinen dalmatinischen Insel die Nachfolge des alten Dorfpfarrers an. Letzterer war sehr beliebt; sang im Chor, spielte Boule und Fußball in der Seniorenmannschaft. Doch Fabian kann weder singen, noch ist er besonders sportlich. So findet er nur schwer Zugang zu seiner Gemeinde und leidet auch persönlich unter seiner geringen Popularität. Der Wendepunkt kommt, als eines Tages der Kioskbesitzer Petar (Nikša Butijer) Fabian beichtet, dass er sich für die niedrige Geburtenrate auf der Insel verantwortlich fühlt. Als der einzige Kondomhändler der Insel, weiß Petar genau, wie viele Gemeindemitglieder nicht ihrer Vermehrungspflicht nachkommen, sondern Sex nur zum persönlichen Vergnügen betreiben. In diesem Augenblick erkennt Fabian seine persönliche Mission: Ab sofort werden alle Kondomspitzen vor dem Verkauf mit Nadeln durchstochen. Als nächstes wird mit dem Apotheker der zweite große „Kinder-Mörder“ der Insel dazu gebracht, dass ab sofort statt Antibabypillen nur noch Vitaminpillen verkauft werden. - Neun Monate später tragen diese Maßnahmen unübersehbare Früchte. Viele Dorfbewohner sehen sich plötzlich mit den Folgen unerwünschter Schwangerschaften konfrontiert. Zugleich erlangt die Insel den Ruf eines Fruchtbarkeitsparadieses. Aus der ganzen Welt reisen kinderlose Paare hierher, um in dem vermeintlich Fruchtbarkeit bringenden, eiskalten Meerwasser zu baden...


    Vinko Bresans Film „Gott verhüte!“ ist über den Großteil seiner Laufzeit eine schwarze Komödie mit einer starken Tendenz zum reinen Klamauk. So hat Petars für Pater Fabian lebensverändernde Beichte für ein anderes Gemeindemitglied einen eher gegenteiligen Effekt: Nachdem Petar sich erst vordrängelt und seine Beichte anschließend kein Ende nehmen will, stirbt der alte Mann, der eigentlich vor ihm dran gewesen wäre, ohne noch einmal beichten zu können. Diese Art von Humor ist kennzeichnend für den gesamten Film. Er funktioniert gut, da Regisseur Bresan die Dinge mit einer trockenen Beiläufigkeit schildert, welche die Skurrilität der Ereignisse betont. Hinzu kommt das Umfeld des kleinen, konservativen und abgeschiedenen Dorfes, das wie aus der Zeit gefallen wirkt. Vor diesem fast archaischen Hintergrund unter der prallen dalmatinischen Sonne nimmt die immer unwahrscheinlicher werdende Entwicklung der Dinge zunehmend surreale Züge mit einem Hang zur Groteske an.

    Schreiend komisch ist es, wenn der recht schlicht gestrickte Kioskbesitzer Petar den ziemlich steifen und verstockten Pfarrer Fabian darüber aufklärt, wer im Dorf wie viele und welche Art von Kondomen kauft. Es zeigt sich, dass Petar über das Liebesleben der Inselbewohner besser informiert ist als jeder Arzt. Bei den meisten seiner Kunden weiß er ziemlich genau, wer es mit wem hat und wer dabei betrogen wird und wer auf genoppte Gummis steht und wer der einzige ist, der ein Präservativ in Übergröße kauft. Wie echte Kriminalisten pinnen Fabian und Petar die komplexen Liebesbeziehungen der verschiedenen Gemeindemitglieder an eine Wand, um zu sehen, wo akuter Handlungsbedarf bestehen könnte und wer wahrscheinlich eine Leiche, aber kein Baby im Keller hat. Noch grotesker wird es, als das durchtriebene Duo mit dem Apotheker Marin (Dražen Kuhn) zum Trio ergänzt wird. Marin ist ein eingeschworener Serbenhasser und ein fanatischer Rassist. Erst, als man ihm klargemacht hat, dass der zu erwartende Kindersegen voraussichtlich vorrangig die einheimischen katholischen Kroaten betreffen wird, willigt er ein sich der guten Sache anzuschließen.

    So schlummern unter der Oberfläche des grotesken Juxes ätzende Spitzen auf die Katholische Kirche und auf den weiterhin desolaten Zustand der Vielvölkergemeinschaft in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens. Mit fortschreitender Handlung schwappt immer mehr verborgener Unrat an die sonnige Oberfläche und lässt „Gott verhüte!“ von einer Komödie in eine Tragödie kippen. Leider ist diese Wende jedoch zu seicht und zu unentschlossen, um wirklich zu überzeugen. Erst die Endpointe zeigt, was hier noch möglich gewesen wäre. Gute Unterhaltung bietet Vinko Bresans Komödie jedoch auch so.

    Fazit: „Gott verhüte!“ zeigt anhand höchst skurriler Vorgänge auf einer kleinen Insel in Dalmatien auf unterhaltsame Weise, welch wüste Blüten ein streng aufgefasster Katholizismus treiben kann. Nur das letzte Drittel des Films, in welchem das Geschehen von einer grotesken Komödie in eine recht seichte Tragödie kippt, kann das vorherige Niveau nicht ganz halten.
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