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    (K)ein besonderes Bedürfnis
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    (K)ein besonderes Bedürfnis
    Von Gregor Torinus

    In unserer heutigen komplett durchsexualisierten Gesellschaft ist es nur noch schwer vorstellbar, dass es einmal eine Zeit gab, in der man über Dinge wie Sex nur hinter vorgehaltener Hand sprechen konnte. Heute fällt eher der auf, der nichts zum Thema zu sagen hat. Wer bereits um die 30 und noch immer Jungfrau ist, der gilt als Außenseiter, fast als Freak oder - wie Wolfram Huke in seiner gleichnamigen filmischen Selbstbespiegelung halbironisch festgestellt hat - als ein „Love Alien“.  Während Huke noch nie eine Freundin hatte, ohne dass dafür ein klarer Grund ersichtlich wäre, geht es dem 29-jährigen Italiener Enea Gabino in der Dokumentation „(K)ein besonderes Bedürfnis“ von Regisseur Carlo Zoratti ganz anders: Bei ihm gibt es eine sehr konkrete Erklärung dafür, dass er keinen Draht zum anderen Geschlecht bekommt: Enea ist Autist.

    Der Regisseur Carlo und sein Kumpel Alex kennen Enea bereits seit 16 Jahren, hatten ihren Freund jedoch zwischenzeitlich aus den Augen verloren. Bei einem Besuch in ihrem Heimatort treffen sie Enea nach langer Zeit wieder und stellen fest, dass er noch immer der alte Spaßvogel ist. Doch zugleich ist aus Enea inzwischen ein richtiger Mann geworden, der sehr darunter leidet, dass er noch nie eine Freundin gehabt hat. Er spricht zwar viele Frauen an, findet jedoch nicht den richtigen Zugang und wirkt meist aufdringlich. Aber selbst unter Verzicht auf jede Romantik ist es nicht so einfach, Enea zu seinem ersten Mal zu verhelfen, denn in Italien sind Behinderte – zu denen auch Autisten gerechnet werden – rechtlich mit Kindern gleichgestellt. Wer mit ihnen Sex hat, begeht deshalb offiziell sogar eine Straftat. Aus diesen Gründen begeben sich Carlo, Alex und Enea in einem Kleinbus auf eine Reise gen Norden. Ihr Weg führt sie zuerst in ein Bordell nach Graz und schließlich zum Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter im kleinen Örtchen Trebel in Norddeutschland.

    Wer anders ist als die anderen, der wird schnell ausgegrenzt. Heute entscheiden meist Ärzte darüber, was dabei noch als „normal“ gelten darf und was bereits „krank“ ist. Die Liste an Befindlichkeitsstörungen, die als krankhaft bezeichnet werden, wächst ständig. Autismus wird so auch in seinen leichteren Formen (wie dem Asperger Syndrom, das etwa bei dem Mathematik- und Sprachgenie Daniel Tammet diagnostiziert wurde) zu den „schweren Entwicklungsstörungen“ gezählt. Doch inzwischen gibt es eine „Autistic Pride“-Bewegung, die für eine tatsächlich pluralistische Gesellschaft eintritt. Die Anhänger dieser Initiative meinen, dass Autismus keine Krankheit sei, sondern schlicht eine besondere Form der Andersartigkeit. Sie meinen, ein Autist habe neben speziellen Problemen auch besondere Stärken. Autisten sind meist sehr ehrlich und direkt. Sie haben jedoch größte Probleme mit unverbindlichem Smalltalk und verstehen tendenziell alles Gesagte ganz wörtlich.

    Regisseur Carlo Zoratti nähert sich seinem durchaus heiklen Thema auf einfühlsame Weise, die weder kalt-analytisch, noch unangemessen sentimental ausfällt. Stattdessen ist „(K)ein besonderes Bedürfnis“ ein sehr warmherziger Film, der nebenbei auch ein Porträt der Freundschaft zwischen Carlo, Alex und Enea ist. Den beiden anderen liegt es denkbar fern, auf Enea hinabzublicken oder diesen als „armen Behinderten“ zu betrachten. Sie sehen in ihrem ungewöhnlichen Freund eine eigenständige und selbstverständlich vollwertige Persönlichkeit, die einfach ein paar sehr besondere Schwierigkeiten hat. Und Enea entpuppt sich dann auch schnell als ganz klarer Sympathieträger. Als er sich anfangs immer recht ungeschickt Frauen zu nähern sucht, ruft man ihm innerlich Warnungen zu, wie dem Helden im Film, der nicht sieht, dass er auf einen offenen Kanaldeckel zugeht. Enea fällt es sehr schwer, seine Bedürfnisse und seine Gefühle in Worte zu fassen. Aber wenn es ihm mit der Hilfe geduldiger Zuhörer dann doch gelingt, staunt man über seine große Offenheit. Am Ende ist nicht nur Enea ein großes Stück weitergekommen, sondern auch Carlo und Alex konnten etwas sehr Wichtiges von ihrem Freund lernen. Ein sehr schöner Film.

    Fazit: "(K)ein besonderes Bedürfnis" ist ein sehr sensibler Film über ein ebenso sensibles Thema, in dem mögliche Peinlichkeiten gekonnt umschifft werden. Ein bewegendes Kinoerlebnis.

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