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Tulpenfieber
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Tulpenfieber
Von
Wenn der Frühling kommt, dann schick ich dir Tulpen aus Amsterdam“ heißt es in dem von Ralf Arnie komponierten Blumenwalzer, der vielen sicher durch die zahlreichen Coverversionen ein Begriff ist. Die Niederländer und ihre Tulpen: Das ist eine interessante historische Verquickung, die im 17. Jahrhundert einer Menge Menschen zum Verhängnis wurde. Während der sogenannten „Tulpenmanie“ avancierte die Tulpenzwiebel zu einem Objekt irrwitziger Spekulationen, das zeitweise wertvoller war als ein Eigenheim in Amsterdams Innenstadt. Viele Händler verdienten sich eine goldene Nase, bis die Blase platzte und die Preise für die Pflanze ins Bodenlose fielen: Der erste waschechte Börsencrash der Geschichte war geboren. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist Justin Chadwicks „Tulpenfieber“ angesiedelt, eine üppig ausgestattete und prominent besetzte, aber holzschnittartig umgesetzte Historien-Romanze nach dem gleichnamigen Roman von Deborah Moggach.

Amsterdam in der Mitte des 17. Jahrhunderts: Der wohlhabende Kaufmann Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) holt die junge Sophia (Alicia Vikander) aus dem Waisenhaus und heiratet sie. Sandvoort möchte eine neue Familie gründen, nachdem seine erste Frau und das Neugeborene bei der Geburt starben. Während die beiden vergeblich versuchen, Kinder zu bekommen, engagiert der Kaufmann den jungen Maler Jan Van Loos (Dane DeHaan), der ein Porträt des Paars anfertigen soll. Jan und Sophia kommen sich näher und beginnen eine Affäre. Mit dem Geld, das Jan bei der Tulpenspekulation verdient, will das junge Paar schließlich fliehen und ein neues Leben beginnen. Die schwangere Hausmagd Maria (Holliday Grainger), die von ihrem Freund verlassen wurde, hilft bei dem riskanten Plan...

Tulpenfieber Trailer DF

Bereits 2004 war die Verfilmung des 1999 veröffentlichten Romans angedacht. Oscar-Preisträger Tom Stoppard („Shakespeare In Love“) hatte ein Drehbuch verfasst, Keira Knightley („Stolz und Vorurteil“) und Jude Law („Unterwegs nach Cold Mountain“) sollten unter der Regie von John Madden die Hauptrollen übernehmen. Probleme bei der Finanzierung sorgten dann allerdings dafür, dass das Skript vorerst wieder in die Schublade wanderte. Erst mehr als zehn Jahre später wurde es wieder hervorgeholt und Justin Chadwick, der bereits mit „Die Schwester der Königin“ Historienfilm-Erfahrungen sammeln konnte, hat sich des Stoffes angenommen. Und sein Film sieht gut aus, keine Frage. Das schmutzige Amsterdam der Handlungszeit mit seinen Grachten, Trachten und Säufern wird eindrucksvoll zum Leben erweckt, die Bilder von Kameramann Eigil Bryld („Brügge sehen… und sterben?“) sind ein Augenschmaus und auch das Produktionsdesign von Simon Elliott („Die Bücherdiebin“) sowie Michael O’Connors (Oscar für „Die Herzogin“) Kostüme sind überaus sehenswert.

Hinter der kunstvoll gestalteten Fassade verbirgt sich jedoch eine innere Leere, denn der Film krankt an oberflächlicher Figurenzeichnung und plumper Handlungsführung. Da kann dann auch ein Christoph Waltz („Inglourious Basterds“) letztlich nicht gegen anspielen. Seine Figur, die zu Beginn noch als rationaler, auch in der Liebe kühl kalkulierender Geschäftsmann daherkommt, entpuppt sich als einfältiger Pinsel, der ziemlich unfein der Lächerlichkeit preisgegeben wird, wenn er sein Geschlechtsteil mehrmals seinen „kleinen Soldaten“ nennt. Auch Alicia Vikander („Ex Machina“) als Sophia bleibt erstaunlich blass und ihre Affäre mit dem gleichaltrigen Jan („Valerian“-Star Dane DeHaan zeigt die Sensibler-Künstler-Routine) arg leidenschaftslos. Dem Film fehlen insgesamt die Emotionen, wodurch die eigentlich dramatischen Ereignisse, die vom Ehebruch über die Tulpenspekulationen bis hin zur Flucht (inklusive falschem Baby und untoten Toten) reichen, zunehmend beliebig und gegen Ende auch absurd erscheinen.

Regisseur Michael Haneke („Das weiße Band“, „Die Klavierspielerin“) hat einmal gesagt, dass eine Literaturverfilmung nur zu einem eigenständigen Werk werden kann, wenn sie sich von ihrer Vorlage emanzipiert. Das trifft das Problem von „Tulpenfieber“ (und vieler anderer Buchadaptionen) ganz gut: Man wird einfach das Gefühl nicht los, dass Chadwick und Stoppard ihr Hauptaugenmerk darauf legen, die Handlung des Romans möglichst vollständig auf die Leinwand zu bringen, mit allen ihren Wendungen und Nebenpfaden. Die Ereignisfülle geht dann natürlich auf Kosten der inhaltlichen Tiefe, denn so kann bei der begrenzten Länge eines Spielfilms das Meiste nur noch grob angerissen werden. Dadurch bleibt auch eine thematische Steilvorlage ungenutzt: Es wäre sicher sehr spannend gewesen, den besagten ersten Börsencrash der Geschichte etwas genauer zu beleuchten und mit unserer immer noch unter gierigen Spekulanten leidenden Gegenwart in Bezug zu setzen.

Fazit: Die schön anzusehende Fassade kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Romanverfilmung „Tulpenfieber“ weder das thematische noch das erzählerische Potential ausgeschöpft wird.
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