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Marighella
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Marighella

Biopic über den "brasilianischen Che Guevara"

Von Carsten Baumgardt
Zeiten ändern sich: Der zurückgedrängt geglaubte Populismus ist weltweit wieder auf dem Vormarsch und sogar bis an die Spitze der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika vorgedrungen. Auch im fünfgrößten Staat der Erde, Brasilien, regiert seit 2019 mit Staatspräsident Jair Bolsonaro ein Rechtspopulist, der durch seine frauenfeindlichen, schwulenfeindlichen und nicht zuletzt rassistischen Äußerungen negativ aufgefallen ist. Mehr noch: Er verteidigte in seinen Reden sogar die brasilianische Militärdiktatur der Jahre 1964 bis 1985. Der mit der Rolle des legendären Drogenbarons Pablo Escobar in der Netflix-Erfolgsserie „Narcos“ berühmt gewordene brasilianische Schauspielstar Wagner Moura („Tropa De Elite“) bezieht sich in seinem Regiedebüt nun genau auf diese Epoche der Historie seines Landes und erzählt in „Marighella“ die Geschichte des Poeten und Revolutionsführers Carlos Marighella. Der stellte sich der brutalen Diktatur entgegen und organisierte einen erbitterten Widerstand, dessen Mittel sich bald kaum noch von denen seiner Peiniger unterschieden. Mouras Revoluzzer-Drama ist ein kraftvolles und kämpferisches Manifest, das allerdings kaum Grautöne zulässt und trotz einer aufregenden Optik über seine Laufzeit von zweieinhalb Stunden auch erzählerische Unebenheiten aufweist.

1964 formiert sich in Rio de Janeiro der Widerstand gegen die neue Regierung, die durch einen handfesten Militärputsch an die Macht gekommen ist und die Bevölkerung zu unterdrücken beginnt. Die Pressefreiheit wird abgeschafft, wer gegen die Machthaber ist, wird gejagt. Der Poet und Politiker Carlos Marighella (Seu Jorge) ist überzeugter Marxist und versammelt Gleichgesinnte wie den Geschäftsmann Luiz Carlos (Luiz Carlos Vasconcelos), den Heißsporn Humberto (Humberto Carrao), den dreifachen Familienvater Jorge (Jorge Paz) oder die kampfbereiten Clara (Adriana Esteves) und Bella (Bella Camero) um sich. Auf die Unterstützung des einflussreichen Zeitungsmachers Jorge Salles (Herson Capri) kann Marighella ebenfalls zählen. Während die Bevölkerung durch die Pressediktatur und Repressalien ruhig gestellt wird, entwickelt sich der anfangs friedliche Widerstand spätestens 1968 in Sao Paulo zu einem bewaffneten Kampf, der auf beiden Seiten Todesopfer fordert. Marighella steigt zum Staatsfeind Nummer 1 auf und wird vom Polizeioffizier Lúcio (Bruno Gagliasso) und seinen Häschern gnadenlos gejagt…

Mit „Marighella“ verfilmt Wagner Moura das treffend betitelte Sachbuch „Marighella – The Warrior Who Burnt Down The World“ von Mário Magalhaes. Carlos Marighella, der am 4. November 1969 in Sao Paulo von Polizisten in einen Hinterhalt gelockt und getötet wurde, gründete 1967 eine Stadtguerilla, die sich durch Bank- und Zugüberfälle Geld und Waffen beschaffte, um sie im eskalierenden Kampf gegen die Regierung einzusetzen. Sein 1970 in der amerikanischen Zeitschrift Tricontinental erschienenes Minimanuel Of The Urban Guerilla diente unter anderem der Rote Armee Fraktion (RAF) als Blaupause für ihre Anschläge. Interessant ist hier die Wahrnehmung. Während die RAF als Terrororganisation gilt, wird Carlos Marighella in einem Atemzug mit Revolutionären wie Emiliano Zapata und Augusto César Sandino oder Che Guevara genannt. Auch Marighella ließ Blut vergießen und zum Beispiel den US-amerikanischen Botschafter Charles Burke Elbrick entführen.

Während die RAF gegen eine demokratische Bundesregierung kämpfte, richteten sich Marighellas Aktionen allerdings auch gegen das Unterjochen des Volks durch eine rücksichtslose Militärjunta, die selbst mordete und folterte. An dieser Perspektive lässt Regisseur Moura, der auch selbst für das Drehbuch verantwortlich zeichnet und einen Job als Produzent innehat, nie nur den leisesten Zweifel. Er will Carlos Marighella ein Denkmal setzen, weil er sich auflehnte gegen das Unrecht und bereit war, sein Leben dafür zu geben. Und so ist „Marighella“ als moderne Parabel auf das Gegenwarts-Brasilien zu lesen, ein totalitärer Anführer zwingt dem Volk seinen Willen auf. Nun ist es ja bei solchen Konflikten ein häufiges Phänomen, dass alle Seiten für sich beanspruchen, die größten Patrioten zu sein. Das ist eigentlich auch in „Marighella“ nicht anders. Nur löst Moura diesen Widerspruch etwas zu reibungsarm auf.

Dass Moura keinerlei Sympathien für die Köpfe der Militärdiktatur hegt, ist verständlich. Aber seinem Film hätte es trotzdem gutgetan, die ein oder andere erzählerische Schattierung zuzulassen. Stattdessen inszeniert die verschworene Gruppe um Marighella als Nahezu-Heilige, selbst wenn sie Brasilianer und Amerikaner töten, während die Polizisten allesamt sadistische Dreckskerle sind, die lügen, betrügen, foltern und morden, was der Film besonders gegen Ende hin ausführlich ausstellt. Moura schont sein Publikum nicht, es muss mitleiden, wenn Revolutionäre geschlagen und mit Elektroschocks zu Tode gefoltert werden. Kurioserweise erspielt sich gerade Bruno Gagliasso („Tropical Paradise“) als skrupelloser Polizei-Kettenhund Lúcio einiges an Profil – er gibt einen charismatischen und effektiven Bösewicht ab, während Seu Jorge („City Of God“, „Die Tiefseetaucher“) als Titelheld eine lediglich solide Wahl ist. Für die Ecken und Kanten sorgen stattdessen eher Luiz Carlos Vasconcelos („Time And The Wind“) als Co-Strippenzieher und Jorge Paz als emotional verwundbarer, aber standhafter Dreifachvater.

Handwerklich protzt „Marighella“ als klassisches Biopic nur so mit Energie und potenter Bildsprache. Kameramann Adrian Teijido („Narcos“) erzeugt besonders in den Kampf- und Actionszenen mit nervöser Handkamera eine mitreißende Dynamik, selbst wenn man im Geschehen so manchmal die Übersicht verliert. Ein schmaler Grat. Obwohl Moura sich zweieinhalb Stunden für seine Geschichte nimmt, konzentriert er sich ganz auf die Jahre 1968 und 1969. Durch das Fehlen einer aussagekräftigen Einführung in die Figur Marighella muss man als in der brasilianischen Geschichte nicht bewanderter Betrachter den Fakt, dass Marighella Poet war, einfach als Behauptung hinnehmen. Denn außer einigen revolutionären Radioansprachen gibt Marighella nichts Poetisches von sich. Es ist ein Überlebenskampf – den er verliert. Würde und Gerechtigkeit, das waren Marighellas Maxime. Dafür setzte er sich ein, ohne diese Tugenden je selbst von anderen erfahren zu haben. Regisseur Wagner Moura erinnert an diese historische Figur, deren Kampf im Brasilien der Gegenwart wieder brandaktuell wirkt.

Fazit: „Narcos“-Superstar Wagner Moura legt mit Revoluzzer-Biopic „Marighella“ ein zwar kraftvolles und brandaktuelles, aber auch nuancenarmes Regiedebüt vor.

Wir haben „Marighella“ im Rahmen der Berlinale 2019 gesehen, wo er außer Konkurrenz im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.
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