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    Sleepy Hollow
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Sleepy Hollow
    Von Ulrich Behrens
    „Ich wollte einen Kopflosen gegen einen Kopflastigen anreiten lassen. Das Bewusste gegen das Unbewusste. Den Verstand gegen die Sehnsucht. Eine extrem gerade Metaphorik, wie sie wohl nur im Horrorfilm vorkommt.“ (Tim Burton) (1)

    Das ist Tim Burton in seiner Geistergeschichte, die weit mehr ist als nur das, durchaus gelungen. „Sleepy Hollow“ spielt, wenn man so will, mit den historischen Ursprüngen des Horrorfilms. Und genau in dieser Zeit spielt die Geschichte um den jungen, aufgeklärten Constable Ichabod Crane (Johnny Depp).

    1799. Während seine Vorgesetzten und auch der Richter (Christopher Lee) in New York weiterhin auf Foltermethoden und erzwungene Geständnisse setzen, wenn sie z.B. in einem Mordfall nicht weiterkommen, hat sich Crane ein „modernes“ Besteck an Untersuchungsgeräten zugelegt und setzt auf Verstand und Logik als einzigen Kriterien, um Motive und Täter aufzuspüren. An den Scheidelinien zwischen Aufklärung und Romantik, Wissenschaft und Aberglauben, Religion und Weltlichkeit, Verstand und Gefühl angesiedelt, erzählt Burton eine von teils skurrilem Humor geprägte Kriminalgeschichte, in der menschliche Motivationen und Sehnsüchte grausame Folgen zeitigen, an denen Crane fast – aber nur fast – verzweifelt.

    Crane wird in den zwei Tagesreisen von New York entfernten kleinen Ort Sleepy Hollow geschickt. Er soll dort den Morden an einem angesehenen Bewohner, seinem Sohn und einer weiteren Person nachgehen, denen allen der Kopf abgeschlagen wurde. Die Köpfe der Opfer sind verschwunden, und die Einwohner – allen voran Bürgermeister Philips (Richard Griffiths), der Notar Hardenbrook (Michael Gough), der Arzt Dr. Lancaster (Ian McDiarmid) und Reverend Steenwyck (Jeffrey Jones) – erzählen dem verdutzten Crane eine merkwürdige, für ihn schier unglaubliche Geschichte: Der Mörder sei ein Toter, ein ehemaliger hessischer Söldner (auf Seiten der britischen Armee), der seinen Gegnern vor Jahren während des Unabhängigkeitskrieges die Köpfe abgeschlagen habe, bis man ihn selbst enthauptete und irgendwo in den Wäldern verscharrt habe. Es liege ein Fluch über Sleepy Hollow; der kopflose Reiter sei wohl auf der Suche nach seinem Kopf und würde nicht eher ruhen, bis er ihn gefunden habe. Crane glaubt kein Wort. Er vermutet hinter den Morden ganz banale und weltliche Motive. Der Unbekannte köpft unterdessen weiter.

    Tim Burton (Batman, Batmans Rückkehr, Ed Wood, Mars Attacks, Planet der Affen, Big Fish) und sein Team verwandten sehr viel Mühe auf ein Szenenbild, das den Ort Sleepy Hollow in einem düsteren, finsteren, unheimlichen, oft beängstigenden Licht erscheinen lassen. Oft erscheinen der Ort oder Teile von ihm wie Gemälde aus dieser Zeit (Burton ließ auch Kulissen malen). Ähnliches gilt für die teils finsteren, teils skurrilen Personen, die den Ort bevölkern, besonders für die vier Männer, die den Ort zu beherrschen scheinen. Obwohl Christopher Walken nur zu Beginn und am Schluss des Films als kopfloser Reiter auftaucht, passt auch seine Maske in die Szenerie und Atmosphäre des Films. Burton sparte jedoch auch nicht mit Ironie. So werden teilweise die blutigen Szenen, in denen Crane etwa Leichen obduziert, ironisch gewendet: Das Blut spritzt ihm auf sein eh schon komisch aussehendes, brillenähnliches Untersuchungsgerät, das er sich auf die Nase gesetzt hat, als ob etwas schief gegangen sei. Johnny Depp ist in einer seiner besten Rollen zu sehen, in der eines Kriminalbeamten, bei dem der Glaube an Vernunft erschüttert wird, der sich aber zugleich nicht unterkriegen lässt, bis er die Lösung des Rätsels um die kopflosen Opfer gefunden hat. Christina Ricci spielt eine junge Frau, die mehr zu wissen scheint, als sie zugibt, doch gleichzeitig ihre Gefühle für Crane nicht leugnen kann. Miranda Richardson als Stiefmutter Katrinas sowie Jeffrey Jones, Richard Griffith, Michael Gough und Ian McDiarmid leisten überzeugende Arbeit als örtliche Führungskräfte.

    Die Geschichte selbst ist komplex, verbindet logische Erklärung für menschliches Tun mit Übersinnlichem, verknüpft Sehnsüchte eines Toten, der nicht zur Ruhe gekommen ist, mit handfesten Interessen und verletzten Gefühlen Lebender. Damit thematisiert Burton das Thema vieler Horrorfilme, in denen unter der vernunftbestimmten Oberfläche menschlichen Handelns (Ur-)Ängste zum Ausbruch kommen, die sich in einer Figur personalisieren. Diese Ängste manifestieren sich in einem „Kopflosen“, der ausschließlich aus seinem Instinkt heraus zu handeln scheint, dabei jedoch planmäßig vorgeht, zugleich aber auch instrumentalisiert wird. Auf beängstigende Weise verknüpfen sich so Intrige, planmäßig organisierte Rache, Geldgier, Verbrechen und Verletzungen, die nie überwunden wurden.

    Burton zeigt in Ansätzen eine Art von Kino, in der er den Zuschauer in einen Zustand der Unschuld versetzt, so als sehe er das Schuld-Werden als einen Sprung aus dem paradiesischen, kindlichen Zustand zum ersten Mal. Er zeigt den Menschen als lebenden Zombie. In „Sleepy Hollow“ gibt es keinen, der nicht schuldig wäre oder würde – außer vielleicht Crane? Aber selbst bei Crane spielt ein sich in Albträumen manifestierendes Kindheitstrauma eine entscheidende Rolle: Crane hat aufgrund dieses Erlebnisses nicht nur jeglicher Religion abgeschworen. Für ihn ist alles Logik, Verstand, Vernunft und daher bis zum letzten Rest erklärbar und auflösbar. Crane, das ist sozusagen der Repräsentant einer „unschuldigen“ Aufklärung, die nur an sich selbst als „das Gute“ glaubt.

    Burton löst Gut und Böse als abgeschottete Bereiche, die haarscharf in Gegensatz gebracht und dementsprechend personalisiert werden könnten, auf. „Der Gute“, Crane, bemüht sich redlich, begreift aber, dass „der Böse“ etwas einfordert, was ihm zusteht. Die Rache des Vergangenen erweist sich auf diese Weise auch als ein Weg, der unvermeidlich zu beschreiten ist. Das „Kopflastige“ und das „Kopflose“ sind der Wirklichkeit menschlichen Verhaltens damit näher, als es zunächst erscheinen mag, nur, dass sich in ihrer Vereinseitigung Tragik und Schrecken ankündigt.

    (1) Interview mit Tim Burton in der „Berliner Zeitung“ vom 24.2.2000.
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