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Cold in July
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Cold in July
Von Lars-Christian Daniels
Einen wirklich attraktiven Schauspieler entstellt so leicht nichts – das bewies zuletzt unter anderem „Hangover“-Star Bradley Cooper, der sich in David O. Russells großartigem „American Hustle“ rosa Lockenwickler ins Haar dreht. Übertroffen wurde dieser skurrile Anblick allenfalls noch von seinem Kollegen Christian Bale, der sich im selben Film sein langes Seitenhaar über die Halbglatze kämmen und dabei eine mittelschwere architektonische Meisterleistung vollbringen musste. Auch „Dexter“-Fans sollten sich nun in Sachen Look-Veränderung anschnallen: Ihr Serienheld Michael C. Hall („Kill Your Darlings – Junge Wilde“) trägt in Jim Mickles Fantasy-Filmfest-Beitrag „Cold In July“ eine Vokuhila-Frisur zum stattlichen 80er-Jahre-Schnauzbart – und gibt natürlich trotzdem eine blendende Erscheinung ab. Es dauert ein paar Minuten, bis man sich an diesen ungewöhnlichen Anblick gewöhnt hat, doch es lohnt sich: In der Folge entpuppt sich der auf einem Roman von Joe R. Lansdale beruhende Film als wendungsreicher Thriller mit hohem Kultpotenzial, der mit knisternder Suspense loslegt und sich später in ein spaßiges Actionfeuerwerk verwandelt. Klingt aufregend? Ist es auch!

Texas, im Jahr 1989: Der Bilderrahmenverkäufer Richard Dane (Michael C. Hall) und seine Frau Ann (Vinessa Shaw) schrecken nachts aus dem Schlaf hoch. Im Erdgeschoss ihres Hauses ist ein Einbrecher unterwegs. Richard schleicht nach unten und bedroht den maskierten Eindringling mit einer Waffe – und als die Wanduhr zur vollen Stunde schlägt, erschreckt sich der Hausbesitzer so sehr, dass er ihm eine tödliche Kugel durchs Auge jagt. Die Recherchen der Polizei ergeben, dass es sich bei dem Dieb um einen zur Fahndung ausgeschriebenen Kriminellen handelt. Das Protokoll wird aufgenommen, und eine baldige Entlastung des von Gewissensbissen geplagten Richard scheint nur Routine. Doch Ex-Knacki Ben Russell (Sam Shepard), der Vater des Getöteten, sinnt auf Rache: Erst stellt er Richard, Ann und deren kleinem Sohn Jordan (Brogan Hall) nach, dann dringt er sogar ins Haus der Familie ein. Als sich der Familienvater erneut an die Polizei wendet, entdeckt er auf dem Präsidium das Fahndungsplakat von Russells Sohn – doch das sieht dem Toten überhaupt nicht ähnlich...


„Cold In July“ ist genauso paradox wie sein Filmtitel: Nach einer Dreiviertelstunde vollzieht Jim Mickle („We Are What We Are“), der die Vorlage von Hardboiled-Krimi-Autor Joe R. Lonsdale gemeinsam mit seinem langjährigen Drehbuchpartner Nick Damici (in einer Nebenrolle als Sheriff zu sehen) für die Leinwand adaptierte, einen radikalen Bruch. Nach der spannungsgeladenen Exposition folgt er zunächst für eine Weile den Spielregeln des Home-Invasion-Horrors – da steht der auf Rache sinnende Vater des Toten schon mal vorm Bett des friedlich schlummernden Kindes und gibt sich dem Zuschauer erst in ganzer Montur zu erkennen, als der Blitz eines Gewitters das nächtliche Kinderzimmer erhellt. Mickle sorgt mit einfachen Mitteln für packenden Nervenkitzel, dessen nervenaufreibendste Momente an John Carpenters Horror-Klassiker „Halloween“ erinnern, und bei dem kaum eine Minute zum Luftholen bleibt. Das ändert sich allerdings mit dem ersten Auftritt von Privatdetektiv Jim Bob (cooler als zu besten „Miami Vice“-Zeiten: Don Johnson), der einen roten Cadillac mit Front-Hörnern und dem Kennzeichen „RED BTCH“ fährt: Bobs Erkenntnisse stellen die Ausgangslage des Films auf den Kopf, und es braucht eine ganze Weile, bis sich alle Beteiligten über das weitere Vorgehen einig sind.

Diesen kleinen Durchhänger im Mittelteil überbrücken die Filmemacher gekonnt mit Humor: Statt gruseliger Gänsehautmomente entsteht nun köstliche Situationskomik, und das neu gegründete Trio Richard, Ben und Jim liefert launige Sprüche im Stile von „In China essen sie Hunde“. Darüber hinaus spickt Mickle seinen Film mit einer ganzen Reihe von popkulturellen Zitaten (die drei besuchen unter anderem eine Autokino-Vorstellung von „Die Nacht der lebenden Toten“), begeht dabei aber nicht den Fehler, den Film mit Anspielungen zu überfrachten. Im Vordergrund steht immer die neue, unausweichliche gemeinsame Mission. Als den drei Erwachsenen klar wird, dass sie die Dinge selbst regeln müssen und sich nicht auf die Polizei verlassen können, ist der Boden für einen actiongeladenen Showdown im Stile eines „GTA V“-Auftrags bereitet: Drei bis an die Zähne bewaffnete, ungleiche Helden, ein Dutzend bis an die Zähne bewaffneter Gegner, und mitten drin eine Zielperson, die es zu finden gilt. Wenn dann im Kugelhagel das Blut auf die Deckenbeleuchtung spritzt und sich die Leinwand rot färbt, ist „Cold In July“ nah dran an Quentin Tarantinos „Kill Bill“, und auch die vielen Verweise wecken Assoziationen an das Gesamtwerk des „Pulp Fiction“-Regisseurs.

Fazit: „RED BTCH“ statt „PUSSY WAGON“ – Jim Mickles humorvoll angehauchter Actionthriller „Cold In July“ erinnert oft an die Filme Tarantinos, ist aber mehr als nur eine Kopie. Ein toller Twist im Mittelteil teilt das Geschehen in zwei gleichermaßen unterhaltsame und dabei doch gänzlich verschiedene Hälften.
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