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    Kreuzweg
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Kreuzweg
    Von Björn Becher
    Der christliche Kreuzweg besteht aus 14 Stationen, in denen die Leiden Jesu  nachgezeichnet werden. An jeder der oft mit Bildern illustrierten Stationen – von „Jesus wird zum Tode verurteilt“ bis „Der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt“ – des meist am Anstieg auf einen Berg oder Hügel gelegenen Wallfahrtsweges soll der Gläubige niederknien und für ein kurzes Gebet innehalten. In seinem neuesten Kinofilm „Kreuzweg“ orientiert sich der bislang eher durch kurzweilig-turbulente Kost bekannte Regisseur Dietrich Brüggemann („Renn, wenn du kannst“, „3 Zimmer/Küche/Bad“) gemeinsam mit seiner Schwester und Co-Autorin Anna an den genannten 14 Stationen, um in 14 entsprechenden Plansequenzen den Leidensweg seiner jugendlichen Protagonistin zu beschreiben. Auch wenn die zuweilen etwas didaktisch anmutende formale Strenge den Inhalt manchmal überlagert und die Filmemacher ihr  offensichtliches Anliegen auf überdeutliche Weise an den Zuschauer bringen,  ist das Religions-Drama „Kreuzweg“ ein intensives Filmerlebnis mit einer herausragenden Hauptdarstellerin.

    Die 14-jährige Maria (Lea van Acken) gehört wie ihre ganze Familie zu einer Gemeinde der strengen Priesterbruderschaft St. Paulus, die die katholische Glaubenslehre besonders traditionalistisch auslegt und viele „Neuerungen“ des Vatikans ablehnt. Maria steht kurz vor ihrer Firmung, durch die sie, wie es der wortgewandte Pater Weber (Florian Stetter) ausdrückt, endgültig zur Soldatin Gottes werden soll. Doch das Mädchen, das unter ihrer gestrengen Mutter (Franziska Weisz) und deren ständigen Vorwürfen leidet, ist eben auch ein Teenager mitten in der Pubertät. Als sich ihr Mitschüler Christian (Moritz Knapp) aus Neugierde für die isolierte Maria interessiert, löst dies bei ihr widersprüchliche Gefühle aus. Dabei ist sie sich doch eigentlich sicher: Sie will Gott dienen und Opfer bringen – und wenn Gott ihren kleinen Bruder Johannes (Linus Fluhr), der mit vier Jahren noch kein Wort gesprochen hat, heilen würde, wäre sie bereit, im Gegenzug ihr Leben zu geben…


    Schon bei seinem Debüt „Neun Szenen“ setzte Dietrich Brüggemann auf  formale Reduktion: Der Episodenfilm besteht aus neun Sequenzen aus jeweils nur einer statisch gefilmten Einstellung. In „Kreuzweg“ sind es nun fünf mehr, aber das Prinzip bleibt das gleiche. In keiner der Szenen gibt es einen Schnitt und in fast allen bleibt die Kamera unbewegt, nur wenigen Tableaus gibt es kurze Kamerafahrten, einmal ist die Kamera zudem auf ein fahrendes Auto montiert, in dem Maria und ihre Mutter in einen Streit geraten. In „Kreuzweg“ hat Brüggemann das Konzept noch um die klare Kapitelüberschrift nach dem katholischen Brauch erweitert. Durch die anschauliche Benennung der jeweiligen Leidensstation (etwa „Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz“ oder „Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen“) bringt der Zuschauer unweigerlich Marias Leidensweg mit dem von Jesus in Verbindung. Diese Verknüpfungen sind natürlich gewollt, das zeigt sich gleich im allerersten Kapitel, das Brüggemann nutzt, um die Lehren der an die reale Pius-Bruderschaft angelehnte Glaubensgemeinschaft und ihre  Abweichungen vom Dogma der katholischen Kirche im Allgemeinen zu erklären.

    Gleich der Auftakt hat dabei eine unglaubliche Wucht, weil das Zusammenspiel von Florian Stetter („Die geliebten Schwestern“) und Hauptdarstellerin Lea van Acken so stark ist. Durch die von jedem unnötigen inszenatorischen Ballast befreite Form des Films kann der Betrachter leicht über einige plakative Zuspitzungen hinwegsehen (wie die unnötig sprechenden biblisch „vorbelasteten“ Namen wie Maria, Thomas, Katharina, Johannes oder Christian) und sich auf die Darbietungen des beeindruckenden Ensembles zu konzentrieren. Es sind die Schauspieler, die mit genau ausgeklügelten Bewegungen im Raum gleichsam Fahrten, Schwenks und Zooms ersetzen. Durch die wechselnde Distanz der Darsteller zur Kamera wird der Blick des Zuschauers gelenkt, sie können auf die Kamera zukommen (zu einer „Nahaufnahme“) oder sich von ihr entfernen (zu einer „Totalen“). Durch diese geschickte Choreographie innerhalb der jeweils minutenlangen starren Einstellungen wirkt der Film nie zu steif oder theaterhaft.  

    Franziska Weisz („Hotel“, „Der Räuber“) überzeugt trotz ihrer eindimensional angelegten Rolle als überstrenge Mutter, der die Tochter so gar nichts recht machen kann. Schon ihre Blicke sind furchteinflößend und machen deutlich, warum Maria, die eigentlich so gut wie immer genau das tut, was man es von ihr verlangt, doch immerzu das Gefühl hat, alles falsch zu machen und nicht von der Mutter geliebt zu werden. An Lucie Aron („Ich und Kaminski“) als französisches Au-Pair-Mädchen Bernadette (der Name weist auf Bernadette Soubirous, die 1858 mit ihrer Schilderung einer Marienerscheinung Lourdes zum Wallfahrtsort machte), wiederum knüpft sich (abgesehen vom smarten Christian) die einzige Hoffnung auf eine Alternative zu Marias Martyrium, sie sieht, wie das Mädchen leidet, fühlt sich letztlich aber machtlos gegenüber dem Glaubensterror von Familie und Gemeinde. Florian Stetter wiederum gibt den unglaublich perfiden Priester, dessen Sermone von bösartiger Logik sind. Er verlangt Unmenschliches von den Nachwuchsgläubigen und hat dafür immer eine auf seine Art schlüssige Erklärung parat. Er pflanzt ihnen nicht nur Vorwürfe für eigene Verfehlungen in den Kopf, sondern auch dafür, dass sie etwa ihre Mitschüler nicht vom Bravo-Lesen abhalten.

    Diese Gehirnwäsche ist im hohen Grade absurd, aber das Lachen bleibt einem im Halse stecken, weil zugleich überdeutlich wird, wie sehr die Kinder sich all das zu Herzen nehmen. Brüggemann schildert – durchaus auch sehr plakativ - eine besonders extreme Form des  religiösen Fanatismus. Für die subtileren Töne sorgt vor allem die fantastische Hauptdarstellerin. Debütantin Lea van Acken leistet eine wahre Tour de Force, sie ist in fast jeder Szene zu sehen, wobei ihre Maria immer zerbrechlicher und bleicher wird. Wichtig sind dabei vor allem Widerhaken in van Ackens Darstellung, die aus Maria eine sehr komplexe Figur machen. Sie ist verwirrt durch ihre widersprüchlichen Gefühle, durch die erste Begegnung mit Christian, die nicht zufällig im Kapitel „Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz“ erfolgt. Sie ist aber vor allem auch fest entschlossen, ihrem Glauben zu folgen, sich nicht vom Stolpern aufhalten zu lassen und ihren Leidensweg bis zum bitteren Ende zu gehen, weil sie überzeugt ist, dem Willen Gottes zu folgen.

    Fazit: Eine formal strenge, aber unglaublich intensive Geschichte über katholischen Fanatismus.

    Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2014. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 64. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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