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    Die Wirklichkeit kommt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Die Wirklichkeit kommt
    Von Andreas Günther

    Bauwagenbewohner Harald, ein gepflegter Brillenträger Ende zwanzig, Anfang dreißig, verteilt an einem Berliner Sommertag seine Flugblätter. In ihnen warnt er vor gigantischen Strahlenkanonen, mit denen die Menschheit beschossen wird – so wie er selbst, wie er meint. Harald hat seine liebe Mühe, die Passanten zu überzeugen. Die Kamera des Dokumentarfilms „Die Wirklichkeit kommt“ weiß warum: Die Reize der Großstadt lenken ab. Das Objektiv ruht auf einer attraktiven Blondine in kurzem Rock. Sieht Harald sie oder der ungefähr gleichaltrige Mann, mit dem er debattiert? Reden sie deshalb so aufgeregt miteinander? Indem er dies offen lässt, ist Niels Bolbrinkers Tätigkeit an Kamera und Schneidetisch weitaus vielsagender denn als Autor und Regisseur, der Harald und andere zu den Propheten lückenloser Überwachung und Manipulation ausruft.

    Strahlen durchdringen ihn, versuchen seinen Körper zu lenken. Vielleicht steckt in seinem Kopf sogar ein Mikrochip. Die tatsächlichen oder eingebildeten Leiden des Harald Brems wecken bei Filmemacher Bolbrinker Erinnerungen. In den 1960er und 1970er Jahren wanderte in West-Berlin der so genannte ‚Sendermann’ umher. Auf Transparenten und mit Graffiti machte er auf geheime „Sender“ aufmerksam, deren Funkwellen nicht nur dem Abhören dienten, sondern angeblich gezielt Menschen töteten. Außer Harald Brems hört Bolbrinker auch Frau Bade, dem Wolgadeutschen Waldemar Lotz und dem ostdeutschen Ingenieur Helmut Michael zu, die ähnliches berichten. Was davon zu halten ist und was es für unser aller Leben bedeutet, versucht Bolbrinker mit Blick auf neueste Entwicklungen der Sicherheitstechnologie und Terrorbekämpfung zu ergründen.

    Der Kommentar, gesprochen von Patryciy Ziolkowska, lässt am essayistischen Ansatz keinen Zweifel. Auf den Bahnen der Assoziation gerät Bolbrinker vom Hölzchen aufs Stöckchen, gelangt von Emails von Harald Brems und den so genannten „Mind Control Victims“ zu NATO-Sicherheitsberatern mit Vietnamkriegserfahrung, kommt Pionieren der Mikrowellenherstellung auf die Spur, die plötzlich Technik für Aufstandsbekämpfung erproben. Die subjektive Tönung ist ebenso gewollt wie unvermeidlich. Wer solche filmische Detektivarbeit leistet, muss sich auf seine Intuition verlassen, sowohl beim Nachgehen wichtiger Hinweise wie auch beim Umgang mit schwierigen Biographien, die die interviewten Personen zweifelsohne haben.

    „Die Wirklichkeit kommt“ lehrt Gruseln und Grübeln. Die Möglichkeiten audiovisueller Überwachung scheinen mittlerweile grenzenlos. Spinnenförmig oder als rollende Hanteln schlüpfen Roboter unter Tische und durch Kellerfenster, belauschen und filmen. Weitaus erschreckender sind Untersuchungen zur Funktion und potenziellen Beeinflussbarkeit des Gehirns. Fast harmlos erscheint dagegen das Handy als „Ortungswanze“, wie Constanze Kurz es genannt hat. Die IT-Expertin und Bloggerin vom Chaos Computer Club wird von Bolbrinker wie eine Kronzeugin für den Weg zum Überwachungsstaat behandelt. Obwohl sie weniger von einem orchestrierten Tun im Sinne einer Verschwörung als von vereinzelten Initiativen spricht, die Eigendynamik entwickeln und ein trügerisches Versprechen von „absoluter Sicherheit“ vor sich hertragen.

    Filmemacher Bolbrinker will eben vor allem apokalyptische Töne hören. Diese liefern ihm vor allem die „Mind Control Victims“. Spätestens wenn amerikanische Versuche zur elektronischen Steuerung des Verhaltens von Tieren zur Sprache kommen, erscheinen ihre Aussagen als wahrhaftig, wirken sie wie Vorausahner von Bedrohungen der menschlichen Freiheit. Die Einschätzung von Psychiatern, es könnte sich schlicht um Paranoia handeln, zählt dann nicht, die Popularisierung von Vorstellungen totalitärer Kontrolle durch Fernsehen und Kino – siehe „Akte X“ oder die „Dr. Mabuse“- Filmreihe- wird ausgeblendet. Denn darum geht es Bolbrinker in seinem „Manifest“ nicht.

    Fazit: Warnungen vor totalitärer Kontrolle sind wichtig, aber nicht jedes Zeugnis darüber ist glaubwürdig. In letzterer Hinsicht überreizt „Die Wirklichkeit kommt“ seinen subjektivistischen Ansatz.

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