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    Before I Wake
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Before I Wake
    Von Thomas Vorwerk

    Obwohl er für „Raum“ eine Nominierung knapp verpasst hat, werden uns die Auftritte des neunjährigen Jacob Tremblay bei der Oscarverleihung 2016 noch lange in Erinnerung bleiben. Im schnieken Anzug saß er da zwischen den Hollywoodstars und gehörte trotz seines jungen Alters irgendwie einfach dazu. Mit etwas Verspätung kommt nun auch das bereits vor „Raum“ gedrehte Kino-Hauptrollen-Debüt des Nachwuchsstars in die Kinos: Mike Flanagans „Before I Wake“ ist ein psycholgischer Gruselfilm mit Märchenelementen, der zunächst an „Der Babadook“ erinnert, aber dann doch einen ganz anderen erzählerischen Weg einschlägt.

    Der Hinweis der Adoptionsvermittlerin, dass der achtjährige Cody (auch vor „Raum“ schon herausragend: Jacob Tremblay) an Schlafproblemen leidet, ist die Untertreibung des Jahres! Jessie (Kate Bosworth, „Still Alice – mein Leben ohne Gestern“) und Mark (Thomas Jane, „The Punisher“) haben ihren Sohn Sean bei einem Unfall verloren und sind nun überglücklich, noch einmal eine neue Chance zu bekommen. Dass Adoptivsohn Cody nicht schlafen will, weil dann der Kinker Man kommt, der auch schon seine leibliche Mutter verschlungen haben soll, hält das Paar natürlich für fantastischen Unfug. Aber wenn Cody dann doch mal einschläft, passieren seltsame Dinge. Zunächst beschränkt sich der magische Hokuspokus auf wunderschöne Erscheinungen wie farbenfrohe Schmetterlinge, wie sie auch in Codys Lieblingsbuch „Der Lebenszyklus von Schmetterlingen“ vorkommen. Und auch der tote Sohn Sean erwacht in diesen Erscheinungen wieder zum Leben…

    In der ersten Stunde punktet „Before I Wake“ mit einem spannenden Konflikt: Als Zuschauer wissen wir bereits um die Gefahr durch den Kinker Man, der selbst dann schon großen Schaden anrichten kann, wenn Cody auch nur für ein paar Sekunden wegnickt. Pflegemutter Jessie ignoriert hingegen sämtliche Bedenken, weil sie Codys Gabe nutzen will, um ihren verstorbenen Sohn wieder zurückzuholen – dazu zeigt sie ihm sogar alte Videos von Sean und rührt ihm das vom Arzt verschriebene Schlafmittel heimlich in die Milch. Diese Fehleinschätzung führt bald zu einer mittelschweren Katastrophe, bevor sich das letzte Drittel vor allem darum dreht, mit Detektivarbeit herauszubekommen, wo Codys Traumprojektion sowie der gefräßige Kinker Man eigentlich ihren Ursprung haben.

    Passend zur kindlichen Perspektive gestalten Regisseur Mike Flanagan („Oculus“, „Hush“) und sein Stammkameramann Michael Fimognari („The Lazarus Effect“) „Before I Wake“ für einen Horrorfilm überraschend farbenfroh. Die atmosphärischen Nachtszenen haben einen gewissen Grünton, während bei den Schmetterlingen oder einer Weihnachtsszene warme, herausstechende Farben zum Einsatz kommen (wobei die sphärischen Engelsmelodien noch zusätzlich zur Märchenhaftigkeit beitragen). Aber wo eben noch ein leuchtender Falter wie aus einem „Tinkerbell“-Abenteuer durchs Wohnzimmer flatterte, kann jederzeit auch der röchelnd-kreischende Kinker Man auftauchen - und dann ist es ein Wettlauf um Leben und Tod, Cody noch rechtzeitig aus seinem Alptraum aufzuwecken.

    Die finale Auflösung der Geschichte ist zwar gut durchdacht und man gönnt insbesondere Cody die Flucht vor dem Monster, das nicht von seiner Seite weichen will, aber die erste Stunde des Films reißt einen emotional trotzdem noch stärker mit: Ab dem ersten Treffen von Cody und seiner neuen Familie, bei dem die Eltern noch nervöser wirken als der das Prozedere bereits gewöhnte Achtjährige, fiebert man mit der Familie mit. Und wenn sich langsam familiäre Misstöne und schwer erklärbare Phänomene in die Handlung mischen (mit für das Genre überdurchschnittlich nuancierten und kraftvollen Darstellungen), dann ist das viel gruseliger als der allzu ausartende Showdown.

    Fazit: Vater, Mutter, Kind – in „Before I Wake“ schlägt der Traum von der Familie in einen Alptraum um. Das ist lange emotional mitreißend und ästhetisch ambitioniert, nur der die Intimität der Familiensituation hinter sich lassende Showdown fällt im Vergleich zur starken ersten Stunde etwas ab.

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