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Der große Diktator
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Der große Diktator
Von Matthias Ball
Was den Menschen auszeichnet, ist nicht, dass er Geschichte hat, sondern dass er etwas von seiner Geschichte begreift. (Carl Friedrich von Weizsäcker)

Ziemlich genau 64 Jahre ist es mittlerweile her, als Charlie Chaplins „Der große Diktator“ im Dezember des Jahres 1940, seine Europapremiere in London hatte. Trotz der scheinbar langen Zeit wirken die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges, insbesondere um die Person Hitler, aktuell, näher und teils umstrittener als je zuvor. Die Frage, wie man Hitler filmisch erleben soll, scheint dabei gar nicht so neu zu sein, wie vielleicht zunächst vermutet. In einer aufwändig restaurierten Fassung kommt der Filmklassiker nun in brillanter Ton- und Bildqualität auf die deutschen Kinoleinwände. Obwohl ein Schwarz/Weiß-Film im Zeitalter des digitalen Animationsabenteuers mitunter recht ungewohnt erscheinen mag, gibt es diesmal keinen Grund an der Kinokasse einen verfrühten Rückzieher zu machen. Zu Recht wurde „The Great Dictator“, (so im Original) 2000, vom American Film Institute in die Liste der 100 besten amerikanischen Komödien aufgenommen.

„Es tut mir leid, aber ich will kein Kaiser sein. Das ist nicht meine Sache. Ich möchte niemanden beherrschen und niemanden bezwingen.“ So spricht der jüdische Barbier in einer Ansprache nach der Eroberung Ostrichs durch Diktator und „Pfuirer“ Tomaniens, Adenoid Hynkel.

Rückblick: Nach einem Flugzeugabsturz gegen Ende des Ersten Weltkriegs 1918 verliert ein namenloser jüdischer Barbier (Charlie Chaplin) sein Gedächtnis und beginnt 20 Jahre später inmitten eines jüdischen Ghettos eine neue Existenz. Anstatt eines friedvollen Lebens in Freiheit erwartet den Friseur jedoch die launischen Wutausbrüche des irren und von Größenwahn geplagten Tyrannen, „Adenoid Hynkel“ (Charlie Chaplin), seines Zeichens „Reichspfuirer“ Tomaniens. Dieser hat die Übernahme des Nachbarlandes „Osterlich“ bereits fest eingeplant und träumt nun von der Herrschaft der ganzen Welt. Hynkel, während einer Runde Entenschießen in Gedanken längst bei der kommenden Invasion, geht wortwörtlich baden. Momente später wird der Diktator mit dem Barbier, den ebenfalls Chaplin verkörpert, verwechselt. Diesem gelang zuvor die Flucht aus einem der neu errichteten Konzentrationslager, ist nicht nur frei, sondern schlüpft kurzerhand in die Rolle des Diktators. Als er auf dem Palastplatz Vanillas, Hauptstadt Osterlichs, landet, formuliert er in einfachen und prägnanten Worten eine Rede die zu den umstrittensten Passagen des gesamten Werkes werden sollte.

Zentrale Frage, die sich dem Zuschauer am Ende unweigerlich stellen wird, ist, inwiefern sich diese äußert ernste Thematik überhaupt parodieren lässt. Die Aufgabe, einen Film zu produzieren, der die Balance zwischen dem Kriterium eines gleichermaßen unterhaltsamen, als auch der politischen Situation entsprechenden, respektvollen Werks wahrt, machte aus „dem großen Diktator“ eine Gratwanderung der öffentlichen Akzeptanz, die Chaplin nahezu perfekt gelang.

Chaplin, dem die Idee der zwei rivalisierenden Diktatoren schon recht früh im Geist umherschwirrte, hatte zunächst die berühmte jüdische Komikerin Fanny Brice als Frau des Diktators eingeplant. Ähnlich wie andere, mitunter sehr weit auseinandergehende Konzepte, wurde allerdings auch diese Rolle wieder gestrichen. Im Gegensatz zu Stummfilmklassiker wie „Modern Times“, die komplett ohne Drehbuch entstanden, beinhaltete der Film wesentlich mehr Aufwand und strukturiertere Planung als je ein Chaplin-Film zuvor. Das finale, mehrfach überarbeitete Skript stellte mit seinen rund 300 Seiten das vom Umfang gewaltigste Drehbuch, dass je für einen Hollywood-Film angefertigt wurde. Doch auch für Chaplin, mit seiner geradezu besessenen, diktatorischen, aber dennoch genialen Art, bedeutete „Der große Diktator“ eine arbeitsmethodische Revolution. Der Figur des „Tramps“, Chaplins jahrelange Identifikationsfigur, lernte zwar erst zwölf Jahre nach dem Einzug des Tons in die Welt des Films das Sprechen, es sollten gleichzeitig jedoch auch seine letzten Worte gewesen sein. Aus der unverwechselbaren Persönlichkeit des kleinen Sympathieträgers mit Frack und Zylinder ist ein großer Redner geworden – nur der Schnurrbart ist der gleiche.

Die Stärke des „großen Diktators“ stellt sich besonders in der weltbekannten Szene, der Tanz mit der Weltkugel, dar. Nicht nur verbildlicht Chaplin den gedanklichen Ausdruck realitätsfremden Wahnsinns, er gewährt zugleich einen bildgewaltigen Einblick in die machtbesessene Persönlichkeit Hynkels. Anders als in seinen bisherigen Filmen, in denen sich Chaplins Humor vor allem auf Pantomime und kleinere Gags konzentrierte, zeichnet sich hier sein Humor besonders in den Dialogen und simpler Situationskomik aus, bei der jede Geste, jede Mimik, perfekt sitzt. Nicht nur verachtete er Hitler, er parodierte ihn zugleich als gnadenlos lächerliche Witzfigur. Dabei findet die so spielerisch anmutende Leichtigkeit Chaplins Darstellung ihren flüssigen Übergang in ein Gefühl beklemmender Nachdenklichkeit, die sich Chaplin wenige Jahre später nach eigenen Worten nicht mehr erlaubt hätte.

„Der große Diktator“ reiht sich somit völlig verdient in die Reihe Charlie Chaplins erfolgreichster Filme ein. Nachdem sich Hollywoods Filmemacher kollektiv um eine Konfrontation mit der Hitler-Thematik erfolgreich gedrückt hatten, war es Chaplin, der mit seiner vernichtenden Hitler-Satire für Aufsehen sorgte. Obwohl die Kritik zunächst zurückhaltend und gespalten ausfiel – ihm wurde vorgeworfen er verharmlose Nationalsozialismus und Faschismus – sorgte sein Meisterwerk noch Jahre später für grenzenlose Begeisterung und erfreute sich weltweit größter Beliebtheit. Besonders hoch anzurechnen ist die Art, wie Chaplin Faschisten wie Hitler und Mussolini den künstlerischen Spiegel vorhält; zeigt er nicht, was verloren wurde, sondern was in seinen Augen noch zu retten war – ein weiteres Indiz für die Größe des universellen und genialen Künstlers Charlie Chaplin.
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