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Der Kreis
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Der Kreis
Von Petra Wille
„Paar seit 43 Jahren – rechtelos“ steht auf einem Schild, das zwei Männer bei einer Demo tragen. Es sind Ernst Ostertag und Röbi Rapp, die später das erste Paar wurden, das sich registrieren ließ, nachdem 2007 die Schweiz die eingetragene Partnerschaft einführte. Zu diesem Zeitpunkt waren sie eben diese 43 Jahre zusammen. Kennengelernt haben sie sich über das Magazin Der Kreis. Dieses hatte dank mutiger und gewitzter Männer die Nazizeit überlebt und war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die einzige Homosexuellenzeitschrift weltweit. Im Umfeld der Zeitschrift gab es in Zürich bis in die 1960er Jahre eine ausgelassene Szene, die die europäische Schwulenbewegung nennenswert beeinflusste. Stefan Haupt („Elisabeth Kübler-Ross“) hat mit „Der Kreis“ nun darüber einen wunderbaren Dokumentarfilm gemacht, in dem die beiden gealterten Protagonisten berichten, wie sie die damalige Zeit erlebt haben. Mit Schauspielern inszenierte Rückblenden lassen erahnen, wie es sich damals für zwei junge schwule Männer, die von zunehmender Repression betroffen waren, angefühlt haben muss.

Zürich, 1956: Ernst (Matthias Hungerbühler) und Röbi (Sven Schelker) lernen sich bei einer der legendären Maskenbälle der Zeitschrift Der Kreis kennen. Röbi tritt als gefeierte Sängerin auf. Lehrer Ernst traut sich erstmals schüchtern herein und wettet, dass die singende Person niemals ein Mann in Frauenkleidern sein kann. Er verliert einen halben Monatslohn und verliebt sich in den jungen Röbi. Als es im sogenannten „Schwulenmilieu“ zu Morden kommt, werden die Methoden der Polizei unerbittlich und die Diffamierungen spürbar. Schließlich muss Der Kreis eingestellt werden. Ernst und Röbi sind aber seitdem ein Paar und berichten in Rückblenden über die aufregende und teilweise gefährliche Zeit.

Bezeichnungen wie „Doku-Drama“, „nachgestellt“, „nachgespielt“ klingen auf den ersten Blick wenig schmeichelhaft und es gibt einige Beispiele, in denen das Ergebnis oder zumindest die inszenierten Szenen nur pathetisch, albern und damit schlicht nicht sehenswert sind. In „Der Kreis“ hingegen funktionieren die langen Sequenzen, die die Vergangenheit aufleben lassen, weil die Darstellung so gut zu den echten Protagonisten passt, die immer wieder dazwischen geschnitten sind. Ernst Ostertag und Röbi Rapp sind hochsympathisch, wie sie da betagt und lebenserfahren auf dem Sofa sitzen und an ihre ersten Annäherungsversuche denken. Auch Eifersucht und sogar Verrat werden nicht ausgespart: Die beiden waren frisch verliebt in einer Zeit, in der die Freizügigkeit in Zürich ein Ende nahm, auch wenn sie zuvor nur heimlich und immer unter der Spannung vor der Entdeckung ausgelebt werden konnte.

Die liebevoll mit hervorragenden Schauspielern, allen voran Matthias Hungerbühler („Robin Hood“) und Newcomer Sven Schelker, nachgespielten Szenen lassen die Zeit lebendig werden, ohne dass es pathetisch wird. Auf alten Fotos ist zu sehen, dass Ausstattung und Kostüm  überzeugend gearbeitet haben: Die üppigen Maskenbälle mit inszenierten Tableaux vivants junger Männer, überbordenden Dekorationen, und wallenden oder wahlweise knappen Kleider sind sehr authentisch wiedergeben. Gleichzeitig ist die Angst vor Entdeckung immer präsent. Dies wird vor allem in der Figur eines Schuldirektors (Peter Jecklin) deutlich, der keinen anderen Ausweg als den Selbstmord sieht, nachdem die Polizei seine Beziehung zu einem Stricher seiner ahnungslosen Familie offenbart hat.

Durch die gelungene Darstellung wird eine Zeit lebendig, die man sich bislang kaum vorstellen konnte, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Einem angehenden Lehrer wird geraten, das Abo der Homosexuellenzeitschrift besser nicht vor der Verbeamtung zu bestellen. Junge Männer bringen die neueste Ausgabe des dreisprachigen Heftes auf dem Motorrad über die grüne Grenze nach Deutschland. Und die Presse stellt homosexuelle Männer unter Generalverdacht, nachdem ein Stricher einen Mord begangen hat. Die schweizerische Staatsmacht und die Zürcher Polizei gehen danach mit einer Brutalität und Schikane gegen Schwule vor, die unvorstellbar ist – die 1960er Jahre sind nur scheinbar lange her.

Thematisiert werden daneben auch die sozialen Unterschiede der Familien von Ernst und Röbi: Bei Röbi wird zwar nicht so viel gelesen, aber es geht herzlich zu und ist überhaupt kein Thema, dass der Sohn schwul lebt. Die Familie von Ernst hingegen sprach von Schwulen als „seelischen Krüppeln“, was für ihn schlimmer war, als ein Rauswurf jemals hätte sein können. Er hat sich zu Lebzeiten seiner Eltern daher nicht geoutet.

Fazit: Zwei faszinierende und liebenswerte Männer erinnern sich an eine der wichtigsten Episoden in ihrem Leben und begeistern mit ihrem Charme und ihrem Mut. Die nachgespielten Szenen überzeugen durch Schauspiel und Emotionalität.

Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2014. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 64. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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