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Still Alice - Mein Leben ohne Gestern
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Still Alice - Mein Leben ohne Gestern
Von Thomas Vorwerk
Das Vergessen als Krankheitssymptom ist schon seit den Zeiten des klassischen Film noir ein beliebtes filmisches Thema. Oft werden ungewöhnliche Gedächtnisprobleme fernab von medizinischem Realismus als Aufhänger für die Erzählung genutzt wie etwa in Christopher Nolans „Memento“ oder gar in einer romantischen Komödie wie „50 erste Dates“, während es vergleichsweise selten konkret um Altersdemenz geht. Nach Filmen wie Sarah Polleys „An ihrer Seite“, Jake Schreiers „Robot & Frank“ und zuletzt Til Schweigers „Honig im Kopf“, die als Ausnahmen im vom Jugendwahn geprägten Business die Regel bestätigten, widmen sich nun auch Richard Glatzer und Wash Westmoreland in „Still Alice - Mein Leben ohne Gestern“ explizit der Krankheit Alzheimer – allerdings ohne den geriatrischen Aspekt. Dem bereits seit zwanzig Jahren aktiven (seit 2001 gemeinsam), aber in Deutschland noch eher unbekannten Regieduo gelingt dabei ein packendes Familiendrama mit einer herausragenden Hauptdarstellerin Julianne Moore.

Dr. Alice Howland (Julianne Moore) ist eine anerkannte Linguistikprofessorin und Mutter dreier erwachsener Kinder. Als ihr Gedächtnis nachlässt, stellt ein Facharzt fest, dass sie an einer seltenen, vererbbaren Form von Alzheimer leidet, die bereits in jüngeren Jahren auftritt. Durch die Krankheit wird Alices Leben komplett umgekrempelt, auch ihr Mann John (Alec Baldwin), Sohn Tom (Hunter Parrish) sowie die beiden Töchter Anna (Kate Bosworth) und Lydia (Kristen Stewart) leiden darunter. Die letztgenannte kann von ihrer Berufung als Schauspielerin noch nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten und wird daher von Alice immer wieder zu einem „anständigen“ Studium gedrängt, erst durch die Krankheit findet sie nun einen neuen tieferen Zugang zur Mutter.


Von den 1,2 Millionen Alzheimer-Patienten in Deutschland sind die meisten über 65 Jahre alt. Nur zwischen 6000 und 8000 Menschen leiden an der meist von vererbbaren Gendefekten ausgehenden „familiären“ Form der Krankheit, die schon zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr ausbrechen kann. Das unheilbare Leiden (die durchschnittliche „Krankheitsdauer“ beträgt sieben Jahre ab der Diagnose) mag eher selten vorkommen, aber der Wiedererkennungsfaktor ist dennoch hoch und so entwickelte sich das Filmprojekt auch für die beiden Regisseure zu einem sehr persönlichen Vorhaben, weil bei Richard Glatzer fast zeitgleich zu den Vorarbeiten zu „Still Alice“ ALS diagnostiziert wurde. Der auch mit dieser Kranheit einhergehende zunehmende Kontrollverlust, der die Persönlichkeit und die Interaktion mit der Umwelt beeinflusst, eröffnet gewisse Parallelen und so war Glatzer bei der Lektüre der Romanvorlage der Neuro-Wissenschaftlerin Lisa Genova völlig überwältigt.

Es ist „Still Alice“ deutlich anzumerken, dass das Herzblut beider Regisseure in das Projekt eingeflossen ist und so entfaltet das Drama eine ungeheure emotionale Wucht. Diese starke Wirkung hängt in nicht geringem Maße mit der großartigen Darstellung von Julianne Moore zusammen, die dafür bereits einige Preise eingeheimst hat, unter anderem für den Golden Globe nominiert wurde und zu den ganz heißen Oscar-Anwärtern zählt. Die Rolle bietet eine immense Fallhöhe und Moore bringt die gesamte Bandbreite zwischen den Extremen glaubhaft und nuanciert auf die Leinwand. Als Linguistik-Professorin trumpft Alice zu Beginn des Films beim „Nebenbei“-Scrabble-Spielen noch mit einem Wort wie „HADJ“ auf, später wird ihr verschlechterter Zustand durch die mickrigen fünf Punkte für „TONE“ festgemacht.

Dabei ist „Still Alice“ keine deprimierende Schauspielstudie, sondern auch emotional wird ein großes Spektrum abgesteckt. Wenn Alice sich zu Beginn ihres Leidenswegs ganz konkret ein geheimes Anleitungsvideo zum Selbstmord aufnimmt („Wenn du nicht mehr weißt, in welchem Monat du geboren bist, in welcher Straße du wohnst und wie deine älteste Tochter heißt, mach bitte Folgendes...“), wird ein unvermeidlicher, besonders intensiver Moment gegen Ende des Films vorbereitet, aber aus ihrem Zustand ergeben sich auch ganz triviale Dramen (Was tun, wenn man dringend auf Toilette muss und im eigenen Haus nicht mehr das Badezimmer findet?). Und der Humor muss trotzdem nicht zu kurz kommen, denn wenn Alice beschreibt, dass sie bei der Lektüre von Herman Melvilles „Moby Dick“ das Gefühl hat, sie würde immer wieder dieselbe Seite lesen, so ist dies ein Problem, das durchaus auch mit dem Buch zusammenhängen könnte.

Neben Moore zeigt Kristen Stewart wie zuletzt auch in „Die Wolken von Sils Maria“ ein weiteres Mal, dass sie sehr darauf bedacht ist, als ernsthafte Schauspielerin akzeptiert zu werden und in „Still Alice“ zeigt sie wohl ihre bisher überzeugendste Leistung. Jedenfalls porträtiert sie die anfängliche, über Jahre aufgebaute Distanz von Lydia zu ihrer Mutter mit der gleichen Eindringlichkeit und emotionalen Tiefe wie die spätere Annäherung. In ihrem Zusammenspiel mit Moore kommt die ganze Tragweite der Geschichte voll zum Ausdruck. Die hier verhandelten Gedanken und Gefühle stehen klar im Vordergrund, so ist auch die Inszenierung mit der Ausnahme eines visuell sehr auffälligen Besuchs bei „Pinkberry“ nie aufdringlich. Schon der Einstieg in die Handlung - ohne Vorspann geht es mitten in eine Geburtstagsfeier - wirkt, als soll der Zuschauer komplett vergessen, dass er einen Film sieht und sich stattdessen ganz in der Geschichte verlieren. Was dann auch auf vorzügliche Weise gelingt.

Als Alice zu einem zentralen Moment der Geschichte in fortgeschrittenem Krankheitszustand einen selbstverfassten Vortrag vor der Alzheimer-Gesellschaft hält (ein letztes Festhalten an ihrer wissenschaftlichen Karriere), erinnert das zwar ansatzweise an das Hollywood-Klischee der aufrüttelnden und schließlich mit riesigem Applaus belohnten abschließenden Rede (nicht nur aus „Der Club der toten Dichter“ und „Der Duft der Frauen“ bekannt), doch wie hier mit ganz subtilen, aber genialen Mitteln der auf der Vortragenden lastende Druck auch auf das Kinopublikum übergeht, das gab es in dieser Form selten zu sehen, und ausnahmsweise sehnt man sich hier selbst als abgebrühter Kritiker nach dem befreienden Beifall.

Fazit: Ein toller Film über ein gesellschaftlich wichtiges Thema: kein bleiernes Betroffenheitskino, sondern mitreißende Unterhaltung.
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Kommentare

  • sky_erosion

    Für mich war der Film gut, keine Frage, aber 4,5 sterne sehe ich persönlich als zu viel an. Was diesen Film von einer Lifetime Produktion unterscheidet ist nur die herausragende Leistung von Moore. Ansonsten wird hier nichts bahnbrechend neues zu der Thematik beigetragen und würde von mir dann auch nur 3,5 kriegen.

  • Peter H.

    Guter Film, scheiss Krankheit! Ganz ganz furchtbar finde ich das. Und ich ziehe den Hut vor jedem Betroffenen, der es so macht wie Gunther Sachs. Ich würde es auch so machen. J. Moore spielt herausragend !!

  • Jacques S.

    Ihr Comment und der Folgecomment ("schmalz") ist ganz offensichtlich von jemanden, der nicht weiss, was diese Krankheit im realen Leben bedeutet. Und wie es sich für die Angehörigen anfühlt. Der Film gibt dies sensibel und ganz hervorragend wieder. Ich wünsche Ihren Familien nicht, dass Sie die Emotionalität und Schwere in solch einem Krankheitsfall auch lapidar als "Schmalz" abtun. Der Film beobachtet und gibt eine solche Situation sehr realitätsnah wieder. Vielleicht kann man dies, wenn die Empathie dazu nicht reicht, erst verstehen, wenn man vergleichbares selbst einmal erlebt hat.

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