Schnell-Bewerter
Mein FILMSTARTS
    Der Fall Richard Jewell
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der Fall Richard Jewell

    Clint Eastwood hat’s immer noch drauf!

    Von Michael Meyns
    Seinen letzten Western hat Clint Eastwood mit „Erbarmungslos“ zwar Anfang der Neunziger gedreht, doch in vielerlei Hinsicht bestimmt die Ideologie dieses uramerikanischen Genres auch heute noch das Werk des inzwischen 89-jährigen Regisseurs. Nicht das Setting des Wilden Westens ist dabei das verbindende Element, sondern die Cowboy-Figur, der Einzelgänger, der sich gegen das System stellt, der Recht, Moral und Anstand verkörpert. So eine Figur steht nun auch im Mittelpunkt von „Der Fall Richard Jewell“, der nach wahren Begebenheiten von einem Opfer von Regierungsinstitutionen und Medien erzählt – ein Thema, das inzwischen aufgrund der Lautsprecher-Funktion der sozialen Netzwerke sogar noch gewaltigere Ausmaße angenommen hat.

    Wirklich ernst wurde Richard Jewell (Paul Walter Hauser) noch nie genommen. Dafür sorgt schon seine korpulente Gestalt, die den 33-Jährigen wie einen behäbigen Bären wirken lässt. Dass er noch bei seiner Mutter Bobi (für diese Rolle oscarnominiert: Kathy Bates) lebt, sorgt immer wieder für Gelächter. Vor allem aber ist es die übertriebene Bedeutung, die er seinem Job als Sicherheitsmann beimisst, die ihn für andere zur Witzfigur macht. Auch im Sommer 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta ist Jewell im Sicherheitsdienst dabei: Am Randbereich der Spiele fällt Jewell am 27. Juli ein verlassener Rucksack auf, in dem die Polizei eine Bombe findet. Jewells Wachsamkeit verhindert eine noch viel größere Katastrophe – trotzdem fordert der Anschlag einen Toten und mehr als 100 Verletzte. Jewell wird zunächst als Held gefeiert, doch schon bald dreht sich das Blatt: Das FBI verdächtigt ihn, die Bombe selbst gelegt zu haben, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ein gefundenes Fressen für die Medien, die Jewells Leben in kürzester Zeit zur Hölle machen…

    Nur sein Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell) glaubt ihm noch: Paul Walter Hauser als Richard Jewell.


    Im liberalen Hollywood, das von Wählern der Demokraten geprägt ist, zählt Clint Eastwood zu den wenigen, die offen ihre Vorliebe für die Republikaner zeigen. Eine Unterstützung für Donald Trump und seine Politik sollte man daraus jedoch nicht ableiten. Es geht vielmehr um eine libertäre Weltsicht, die einen zu großen Einfluss von staatlichen Institutionen anprangert und die Rechte des Individuums betont. Nun ist Richard Jewell allerdings alles andere als ein typischer Held – wie es etwa noch der von Tom Hanks gespielte Pilot Chesley Sullenberger war, der sich trotz seiner heldenhaften Taten in Eastwoods „Sully“ mit einem (ahnungslosen) Komitee von Bürokraten herumschlagen musste.

    Jewell ist weniger eine strahlende als eine tragische Gestalt – ein Möchtegern-Polizist, der es nie zu etwas gebracht hat, der an das Gute im System und seinen Vertretern glaubt, selbst wenn dieses System in sein Haus eindringt und ihm seiner Grundrechte beraubt. Gerade diese Gutgläubigkeit macht Jewell zu einem idealen Opfer, zu einem Spielball des FBI, angeführt vom Agenten Tom Shaw (Jon Hamm) und einer Medien-Meute, die in Jewell nicht mehr als eine heiße Story sieht. Viel Aufhebens wurde im Vorfeld des Kinostarts darum gemacht, dass Eastwood andeutet, dass die Lokal-Journalistin Kathy Scruggs (Olivia Wilde) dem FBI-Mann Sex für den entscheidenden Tipp anbietet (was in der Realität so nicht geschehen ist). Ganz so eindeutig ist die betreffende Szene allerdings gar nicht. Stattdessen zeigt sie vor allem zwei Menschen, denen die Folgen ihrer Arbeit – als Agent bzw. Journalistin – ziemlich egal sind.

    David gegen Goliath


    Wovon Eastwood in seiner gewohnten, also formal zurückhaltenden und betont präzisen Art erzählt, ist ein Mann, der vollkommen unbescholten in die Mühlen des Systems gerät. Ein Mann, der ganz objektiv betrachtet als Held bezeichnet werden müsste, der aber aufgrund seiner Art und seines Aussehens nicht in diese Schublade passt. Binnen kürzester Zeit wird Richard Jewell zum Paria, dem schon 1996, also in der Ära vor den Sozialen Medien, das Leben zur Hölle gemacht wurde. Das Jewell sich überhaupt aus dieser Situation befreien konnte, ist nur glücklichen Umständen und seinem Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell) zu verdanken, der Jewell von einem früheren Job kannte und von seiner Unschuld überzeugt ist, selbst wenn er immer wieder an Jewells scheinbarer Naivität verzweifelt.

    Doch diese vermeintliche Naivität erweist sich bei Eastwood nach und nach als stoische Haltung, als felsenfester Glauben an die Gerechtigkeit. Wenn Jewell zum Ende endlich beginnt, für sich selbst geradezustehen, ist Eastwood klug genug, dies nicht als großen Triumph zu inszenieren, sondern als Sieg des kleinen Manns gegen das System. In diesem Fall ist der Held nicht unbedingt ein strahlender Sieger, sondern bleibt nachdenklich und einsam. So wie die klassischen Western-Helden, die nach dem Moment des Triumphs einsam in die Weite der Prärie ritten, von der Gesellschaft unverstanden, mit sich und ihrer Standhaftigkeit allein.

    Fazit: Basierend auf wahren Begebenheiten beschreibt Clint Eastwood in „Der Fall Richard Jewell“, wie ein Mann erst zum Helden, dann zum Paria hochstilisiert wird – und am Ende doch noch den Kampf gegen das System und die Medien gewinnt. Eine ganz und gar nicht typische David-gegen-Goliath-Geschichte, die viele unangenehme Wahrheiten über unsere Zeit offenlegt.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    • Die neuesten FILMSTARTS-Kritiken
    • Die besten Filme aller Zeiten: Usermeinung
    • Die besten Filme aller Zeiten: Pressemeinung
    Das könnte dich auch interessieren

    Kommentare

    • Aristides7877
      Leider vergaloppiert sich Eastwood inhaltlich ein paar Mal und einige Momente sind auch zu dröge, aber Hauser ist einfach mal wieder super.
    • Grimbald Erdmann
      Der politische Seitenhieb in dieser Kritik (eher eine Zusammenfassung des Plots) ist irrelevant und gehört in eine Filmbesprechung, die mit dem derzeitigen us-amerikanischen Präsidenten thematisch nichts zu tun hat, nicht hinein. Stattdessen wären doch ein paar Bemerkungen zur darstellerischen Leistung der Schauspieler angebracht gewesen.
    • DexterMorgan85
      Durfte den Film gerade in der Sneak sehen.Starke Story, tolle Darsteller, Top Film :)
    • ObiWann
      Ist für mich auch so ein Film da muss ich einfach ins Kino rennen ,Thematik ,Regisseur und Schauspieler alles Top . Ich bin gespannt wie das umgesetzt wurde der Man ist durch die Hölle gegangen . Ich finde das Fazit auch nicht passend der Man hat nichts gewonnen sondern eher verloren da das ganze sein Leben so beeinträchtigt hat das es zum besagtem Ende von dir geführt hat .
    • Defence
      Allein der Trailer sorgt bei mir für Gänsehaut, der Film ein definitiver Pflichttermin für mich, was einen Kinobesuch betrifft.Leider muß ich dem Fazit widersprechen, nachdem ich mich im Vorfeld zum Film mit dem Thema beschäftigt habe.Richard Jewell endete zutiefst tragisch, sein Leben war nach der medialen Hetzjagd vorbei und er ein gebrochener, desillionisierter Mensch, der 2007 mit gerade mal 44 Jahren an seiner chronischen Fettleibigkeit samt diverser Folgeerkrankungen verstarb, die sich infolge der 88 Tage andauernden persönlichen Hölle, die er dank Medien und Behörden durchlitt, entwickelte...Zum Ende seines Lebens hin äußerte er sich in einem Interview, das er durch die erlebten Ereignisse paranoid und zynisch geworden ist.Dieser Film sollte Pflichttermin für so manchen werden, um zu begreifen, das es in einem Rechtsstaat eben NICHT legitim ist, durch Medien und soziale Netzwerke wie z.b.Twitter Vorverurteilung zu betreiben, da dadurch u.u. unschuldige Leben zerstört werden...
    • HalJordan
      Schön, dass Clint Eastwood immer noch packende Filme inszenieren kann. Die Kritik ist jedoch eine einzige Enttäuschung. Kein Wort über Paul Walter Hausers Darstellung. Selbst so renomierte Schauspieler, wie Kathy Bates (wurde für diesen Film immerhin für einen Oscar nominiert) oder Sam Rockwell werden nur in der Inhaltsbeschreibung genannt. Sehr schwach!
    • Micox
      Trailer hat mich schon total gepackt..
    • Man Drake
      Wahre Begebenheiten...da ist jeder Wikiartikel ein Spoiler.
    • WhiteNightFalcon
      Und was bei Eastwood auffällt, die meisten seiner Filme der letzten Jahre, basieren auf wahren Begebenheiten.Hammer, was der Mann mit 89 noch abliefert.
    • Vazz
      Dieser Spoiler im Fazit :D
    • Phil
      Dann haste dir ja deine Antwort selbst gegeben. ;-)Rockwell, Bates, Wilde unter der Regie von Eastwood? Das hätte ich mir auf jeden Fall angesehen. Egal, was hier steht.
    • Otacon5
      Mal wieder kein Wort zur darstellerleistung. Schade. Aber Rockwell ist in allem was er spielt super
    Kommentare anzeigen
    Back to Top