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    Tatort: Das Muli
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Tatort: Das Muli
    Von Lars-Christian Daniels

    Als der rbb im September 2013 überraschend das Ende der „Tatort“-Ära von Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) verkündete, stieß das bei vielen Zuschauern auf Unverständnis: Mit dem starken „Tatort: Gegen den Kopf“ war wenige Tage zuvor ein echter Publikumshit über die Mattscheibe geflimmert und auch der spätere Solo-Abschied von Aljinovic („Tatort: Vielleicht“) erhielt im November 2014 viel Zuspruch für seine originelle Geschichte und das offene Ende. Kein leichtes Erbe also für Mark Waschke („Der Brand“) und Meret Becker („Comedian Harmonists“), die im „Tatort: Das Muli“ von Grimme-Preisträger Stephan Wagner ihren Einstand in der Krimireihe feiern. Die neuen Hauptstadt-Ermittler dürfen dem Publikum deutlich mehr von Berlin zeigen als ihre Vorgänger, denn ab sofort werden die vielen Facetten der Hauptstadt stärker in den Fokus gerückt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: „Tatort: Das Muli“ ist ein spannender Krimi mit einem gehörigen Schuss Lokalkolorit, bei dem die Filmemacher eine überraschend brutale Gangart anschlagen.

    Dem neuen Berliner Hauptkommissar Robert Karow (Mark Waschke) bietet sich an seinem ersten Arbeitstag ein Bild des Grauens: In einer leeren Ferienwohnung untersucht die Spurensicherung ein blutverschmiertes Badezimmer. Von einer Leiche fehlt jede Spur. Was ist geschehen? Auf dem Weg ins Präsidium gerät Karow schnell mit seiner neuen Kollegin Nina Rubin (Meret Becker) aneinander, die schon länger für die Mordkommission arbeitet und dem überheblichen Ex-Drogenfahnder mit Skepsis begegnet. Mithilfe ihrer Hospitantin Anna Feil (Carolyn Genzkow), Assistent Mark Steinke (Tim Kalkhof) und Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza (Maryam Zaree) stößt das Ermittlerduo auf eine Spur: Drogenmogul Mehmet Erdem (Kida Khodr Ramadan) hatte die junge Johanna „Jo“ Michels (Emma Bading) und ihre Schwester in der Wohnung einquartiert. Das Mädchen ist abgetaucht und versteckt sich mit ihrem Bruder Ronny (Theo Trebs) auf den Straßen Berlins. Kurz darauf findet man auf der Müllkippe eine ausgeweidete Leiche: Es handelt sich um Jos Schwester, die in ihrem Magen offenbar Drogen von Mexiko nach Deutschland geschmuggelt hat. Johanna schwebt in höchster Gefahr – denn sie ist ebenfalls ein „Muli“ und trägt die Drogenpäckchen noch in ihrem Körper...

    Trotz deutlich weniger Action ergeben sich zwischen dem „Tatort: Das Muli“ und dem Hamburger „Tatort“ mit Nick Tschiller (Til Schweiger) und Yalcin Gümer (Fahri Yardim) auffällige Parallelen: Die offensichtlichste ist das erneute Mitwirken von Mark Waschke, der im „Tatort: Willkommen in Hamburg“ den Bösewicht mimte. Während Tschiller & Co. bei ihren ersten vier Einsätzen (einschließlich der bereits abgedrehten Doppelfolge „Tatort: Schwarzer Ritter“ und „Tatort: Fegefeuer“) gegen den gefährlichen Astan-Clan kämpfen, geraten Rubin und Karow an die skrupellosen Drogenhändler Andi Berger (Robert Gallinowski) und Mehmet Erdem (Kida Khodr Ramadan), denen ein Menschenleben weniger wert ist als jede Kokainlieferung. Das Ausweiden in der Badewanne – eine der brutalsten Szenen der „Tatort“-Geschichte – erinnert ebenfalls an den harten, leichenreichen Stil von der Waterkant. Und während Til Schweiger („Honig im Kopf“) der Klatschpresse mit seinem nackten Hintern im „Tatort: Kopfgeld“ eine Steilvorlage lieferte, schiebt Rubin in ihrer ersten Szene im Hinterhof der Friedrichshainer Disco Cassiopeia eine schnelle Nummer mit ihrem Kollegen Jahn (Timo Jacobs) und lässt den BH am Morgen danach im Schrank.

    Beide neuen Berliner Ermittler sind interessante, vielschichtige Figuren, doch stünde ihnen noch ein wenig mehr Eigenständigkeit gut zu Gesicht: Hauptkommissar Karow erinnert mit seiner Arschloch-Attitüde an den Dortmunder Publikumsliebling Peter Faber (Jörg Hartmann) und die Familienszenen mit der von ihrem jüdischen Ehemann Viktor (Aleksandar Tesla) getrennt lebenden Rubin sowie ihren Söhnen Tolja (Jonas Hämmerle) und Kaleb (Louie Betton) gibt es in ähnlicher Form bereits im Stuttgarter „Tatort“ mit dem geschiedenen Sebastian Bootz (Felix Klare). Das Lokalkolorit mag man dem 940. „Tatort“ allerdings nicht absprechen:  Drehbuchautor Stefan Kolditz („Nackt unter Wölfen“) und Regisseur Stephan Wagner („Harter Brocken“) präsentieren die Hauptstadt von ihrer heruntergekommenen Seite, zeigen die Schnorrer-Szene der S-Bahnhöfe, die Armenspeisung am Zoo, die Spreepark-Ruinen im Plänterwald und drehen vor vielen graffittiverschmierten Betonkulissen. Mit der im Wedding geborenen Rubin darf eine „Tatort“-Kommissarin zudem Dialekt sprechen: Auch wenn die Musikerin, Synchronsprecherin und Schauspielerin Meret Becker nicht jedes „ich“ zum „icke“ macht, verpasst ihre „Berliner Schnauze light“ dem Krimi doch jenes Hauptstadtfeeling, das der rbb-„Tatort“ mit Raacke und Aljinovic oft vermissen ließ.

    Angesichts der nötigen Einführung der vielen neuen Figuren ist es umso bemerkenswerter, dass der zu lösende Mordfall in „Das Muli“ nicht zu kurz kommt: Statt der gewohnten Whodunit-Konstruktion – wer für das Blutbad im Badezimmer verantwortlich ist, klärt sich früh – kreieren die Filmemacher einen spannenden Wettlauf gegen die Zeit, indem sie „Muli“ Johanna (stark: Emma Bading, „Halbschatten“) als tickende Zeitbombe durch die Hauptstadt streifen lassen, während ihre brutalen Häscher ihren Unterschlupf im halbfertigen Airport-Hotel der BER-Baustelle zu entdecken drohen. Für zusätzlichen Reiz sorgt die Tatsache, dass Karows Vergangenheit als Drogenfahnder in direktem Bezug zum Mordfall steht – die Filmemacher verbinden die Einführung des Neuzugangs hier geschickt mit einem zentralen Aspekt der Ermittlungen, der auch in den nächsten Berliner „Tatort“-Folgen in einer Nebenhandlung weitergeführt werden soll. Über kleinere Schönheitsfehler – die kalkweiße, ausgemergelte „Jo“ wird beispielsweise auf einem Überwachungsfoto aufgrund ihrer angeblichen Urlaubsbräune identifiziert – kann man da leicht hinwegsehen: Allein die köstliche Szene, in der Karow in seinem Büro die eifrige Polizeihospitantin Anna Feil zur Schnecke macht, ist das Einschalten wert.

    Fazit: Mit dem überraschend brutalen „Tatort: Das Muli“ feiern die neuen Berliner Hauptkommissare einen überzeugenden Einstand, der Lust auf die nächsten Folgen aus der Hauptstadt weckt.

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