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    Boy7
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Boy7
    Von Ulf Lepelmeier

    Mit Genrefilmen tut sich die deutsche Filmindustrie gemeinhin schwer, sie gelten als schwer zu vermarkten und als finanziell hochriskant. Ermutigt durch die vom Megaerfolg „Die Tribute von Panem“ angeführte Hollywood-Welle von Verfilmungen dystopischer Jugendromane wagt man sich nun dennoch an einen deutschen Ausflug in das auf Teenager zugeschnittene Science-Fiction-Kino mit sozialkritischem Einschlag – mit solidem Ergebnis: Regisseur Özgür Yıldırım („Chiko“, „Blutzbrüdaz“) adaptiert mit „Boy7“ den gleichnamigen Jugendbuchbestseller von Mirjam Mous und legt einen temporeichen Sci-Fi-Thriller vor. Der niederländische Kollege Lourens Blok, dessen weiter in die Zukunft verlegte Version von „Boy 7“ im Februar 2015 in die holländischen Kinos kam, mag Yıldırım zeitlich zuvorgekommen sein, aber vor allem was den visuellen Einfallsreichtum der Inszenierung angeht, hat der Deutsch-Türke die Nase vorn.  

    Nur ein schweres Atmen ist vernehmbar in der alles verhüllenden Dunkelheit: Ein junger Mann (David Kross) wacht ohne Erinnerungsvermögen in einem U-Bahn-Schacht auf und muss bald feststellen, dass nach ihm gefahndet wird. Nachdem er einer Festnahme noch gerade so entkommen konnte, führt ihn eine Karte zu einem Restaurant, wo er ein Tagebuch in seiner Handschrift findet, das er anscheinend vorausschauend für sich selbst angefertigt und dort deponiert hat. Mit jeder Seite erfährt Sam etwas mehr über seine Vergangenheit und in der spielt das Resozialisierungszentrum der „Kooperation X“ eine wichtige Rolle, das ein dunkles Geheimnis zu beherbergen scheint. Dann taucht plötzlich noch die junge Frau Lara (Emilia Schüle) auf, die ebenfalls eine direkte Verbindung zu Sam besitzt. Zusammen versuchen sie den Geheimnissen ihrer verdeckten Vergangenheit auf die Spur zu kommen...

    Regisseur Özgür Yıldırım und seine Co-Drehbuchautoren verlegen die Handlung aus den USA nach Deutschland und führen einige zusätzliche Figuren ein, bleiben den Grundgedanken des Romans aber treu. Dabei zeigt der Filmemacher ein gutes Gespür für die Dynamik zwischen den jugendlichen Figuren, die er durch die Inszenierung unterstreicht. Mit beweglicher Kamera und ungewöhnlichen Blickwinkeln, darunter auch subjektive Einstellungen in der Perspektive der Protagonisten (diese Szenen haben den Anstrich eines Computerspiels), gibt Yıldırım seinem „Boy7“ einen eigenständigen Look. Der Regisseur vermischt Thriller, Science Fiction und Coming-of-Age-Geschichte und siedelt seine Erzählung in einem subtil futuristischen Deutschland an, das abgesehen von einigen Überspitzungen nicht weit von unserer heutigen Realität entfernt ist.

    In den meisten guten Science-Fiction-Storys geht es im Grunde vor allem um die Gegenwart, das ist auch bei „Boy7“ nicht anders.  So schwingt hier zumindest eine Portion Gesellschaftskritik mit, wenn es um die Frage geht, inwieweit die Individualität in Denken und Handeln für die Sicherheit und Funktionstüchtigkeit der Gesellschaft eingeschränkt werden darf. Insgesamt sind aber die Bezüge zu anderen Filmen pointierter als die kritischen Untertöne. Schon die Eröffnungssequenz erinnert an „Die Bourne Identität“, es lassen sich Bezüge zu „Total Recall“ und „Dark City“ erkennen, außerdem hat das herrschaftliche Anwesen der „Kooperation X“ eine starke Ähnlichkeit zu Charles Xaviers Schule für junge Mutanten in „X-Men“. Genrefans werden indes nicht nur die zahlreichen filmischen Vorbilder von „Boy7“ wiedererkennen, sondern auch den Handlungsverlauf mehr als erahnen.

    Die Vorhersehbarkeit hängt auch damit zusammen, dass die Rollen von Gut und Böse (zu) eindeutig verteilt sind. Vereinfachungen und Verkürzungen beeinträchtigen die Überzeugungskraft der Handlung: Dass die straffällig gewordenen, durchnummerierten Jugendlichen sich alle harmonisch in das Institut des nach Fritz Langs „Metropolis“- Herrscher benannten Fredersen (Jörg Hartmann) eingliedern, dass sie die autoritären Züge der Organisation hinnehmen und sich für das sektenartige System sogar zumeist bedenkenlos begeistern, ist einer der logischen Knackpunkte der Story, die in vielen Rückblenden puzzleartig aufgefächert wird. Es sind vor allem die Schauspieler, die dem schematischen Geschehen Profil verleihen und mit glaubwürdigen Darstellungen über die erzählerischen Mängel hinweghelfen.

    David Kross („Der Vorleser“) überzeugt als ruhige Identifikationsfigur auf der Suche nach sich selbst, auch Emilia Schüle („Freche Mädchen“) zeigt in der Rolle der rebellischen Türknackerin Lara eine gute Leistung. Zudem sticht Jens Harzer („Requiem“) mit seiner überdrehten Darstellung des sadistischen Antagonisten Isaak aus dem Schauspielensemble heraus und gibt dem Geschehen mit seiner übertriebenen Performancem, die fast ein wenig an Crispin Glovers Thin Man (das „Klappergestell“) aus „Drei Engel für Charlie“ erinnert, einen willkommenen Widerhaken. Die temporeiche Inszenierung, der gelungene Soundtrack und einige gewitzten Einfälle – etwa wenn die im Tagebuch geschilderte Sexszene „ausgeblendet“ wird, nachdem Lara den vorlesenden Sam darum bittet, die detaillierten Ausführungen zu überspringen – tragen zusätzlich dazu bei, dass aus „Boy7“ trotz aller Schwächen ein durchaus sehenswerter Film wird.

    Fazit: Erzählerisch etwas schwachbrüstiges, aber gut gespieltes und dynamisch inszeniertes Science-Fiction-Jugenddrama.

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