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Insider
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Insider
Von Carsten Baumgardt
Manchmal ist es selbst für brillante Talente wie Michael Mann nicht leicht. Da schafft der „Heat"-Regisseur mit dem dramatischen Medien-Thriller „The Insider“ eines der spannendsten Werke der Hollywood-Geschichte, heimst sieben Oscar-Nominierungen ein, aber niemand interessiert sich dafür: knapp 125.000 Besucher in Deutschland, mittelmäßige 30 Millionen Dollar Einspiel in den USA. Schade, wer zuhause bleibt, verpasst ein mitreißend gespieltes und inszeniertes Stück Kino.

Der gefeuerte Top-Chemiker Jeffrey Wigand (Russell Crowe) hat brisante Informationen über seinen ehemaligen Arbeitgeber, den Zigarettengiganten Brown & Williamson. Doch eine Verschwiegenheitsklausel verhindert, dass er sein Wissen um kriminelle Machenschaften des Tabak-Multis weitergeben darf. Der TV-Produzent Lowell Bergman (Al Pacino) vom renommierten CBS-Polit-Magazin „ 60 Minutes“ will den Wissenschaftler in seine Sendung bringen, um den Skandal aufzudecken. Als sich Wigand nach einigem Zögern bereit erklärt zu reden, übt der Tabak-Konzern Druck aus: Wigands Familie wird terrorisiert und dem Sender mit einer vernichtenden Millionen-Klage gedroht.

Michael Mann, der mit seinem Thriller>„Heat" bereits einen Meilenstein setzte, präsentiert mit „The Insider“ einen würdigen Nachfolger. Der Regie-Virtuose macht aus dem auf wahren Begebenheiten beruhenden Fall, der nur für den Film ein wenig dramatisiert wurde, ein imposantes Lehrstück über Moral und Medienmanipulation - ohne dabei platt mit dem erhobenen Zeigefinger zu winken. Die Charaktere sind auf das genaueste gezeichnet, Mann nimmt sich viel Zeit, seine Figuren einzuführen, ohne zu langweilen - alles ist wichtig, auch scheinbare Nebensächlichkeiten.

Russell Crowe („L.A. Confidential") schlüpft in die Schlüsselrolle des Jeffrey Wigand. Der Australier wurde äußerlich komplett verändert, sieht zehn Jahre älter aus, mit grauen Haaren, Bauchansatz und gebücktem Gang. Seine Figur ist kein Moralapostel. Es geht Wigand nicht darum, den Skandal aufzudecken. Er ist hochintelligent, er hasst es zu lügen und noch mehr hasst er es, herumgeschuppst zu werden. Als ihn die Konzern-Bosse von Brown & Williamson bedrängen und bedrohen, verliert er die Nerven und will reden. In dem Star-Producer Lowell Bergmann findet er den richtigen Gesprächspartner. Auch der von Al Pacino („Heat") brillant verkörperte Top-Journalist kämpft zwar eisern und unbeirrbar für die Moral, ist aber selbst nicht frei von Makeln. Nachdem ihn seine Vorgesetzten im Stich und den frustrierten Wigand im Regen stehen lassen, greift er selbst linkisch zu unsauberen Mitteln, um alles wieder auf die Reihe zu bringen. Eben diese Charakterzeichnung macht aus „The Insider“ ein enorm packendes Stück Zeitgeschichte, das Glaubwürdigkeit ausstrahlt. Kein Messias läuft Hollywood-like durch die Gegend und will die ganze Welt retten. Alles was die Hauptakteure tun, ergibt sich aus ihrem Charakter.

Um Hochspannung zu erzeugen, braucht Michael Mann keine Actionszenen, auf die er ganz verzichtet. Er schrieb den Darstellern gemeinsam mit Eric Roth messerscharfe Dialoge auf den Leib. Kongenial unterstützt wird das Ganze von Pieter Bourkes teilweise düster-hypnotischem Score, der Stimme von Lisa Gerard („Gladiator“) und phantastischen Bildern von Dante Spinotti („L.A. Confidential", „Heat"). Begleitet durch Manns famose Schnitttechnik, akrobatische Kameraperspektiven, dem typischen kalt-blaustichigen Mann-Look entladen sich die Energien des Films immer wieder in atemberaubenden Rededuellen. Während Crowe den zurückhaltenderen, nuancierteren Part meistert, darf Pacino voll aus sich heraus gehen und die großen Schlachten ausfechten. Aber auch von der exzellenten Nebendarstellercrew von Christopher Plummer und Philip Baker Hall über Diane Venora bis Bruce McGill und Gina Gershon hat fast jeder einen herausragenden Auftritt. Dass Russell Crowe, dem für „The Insider“ zu unrecht der Oscar verwehrt blieb, die Statue ein Jahr später für „Gladiator“ als Ersatz und Entschädigung überreicht wurde, ist in Hollywood übrigens ein offenes Geheimnis. Gar kein Geheimnis ist der Fakt, dass der milliardenschwere Wigand-Prozess den Durchbruch in einer Klagewelle gegen die einflussreichreichen Tabakmultis bedeutete.
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