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    The Purge 3: Election Year
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    The Purge 3: Election Year
    Von Christoph Petersen
    Der aktuelle US-Wahlkampf ist für sich schon dermaßen absurd und abgehoben, dass die herkömmlichen Stilmittel der Satire kaum noch ausreichen, um ihn und seine Protagonisten angemessen durch den Kakao zu ziehen. Aber wo Late-Night-Komiker praktisch nur noch unkommentierte Mitschnitte der Reden von Donald Trump zeigen müssen, um die Lacher des Publikums auf ihrer Seite zu haben, gibt es sie jetzt doch noch - die ultimative WTF-Wahlkampf-Satire: Nachdem sich die Reihe schon vom simplen Home-Invasion-Thriller („The Purge – Die Säuberung“) zum bleihaltigen Anarchie-Actioner („The Purge 2: Anarchy“) gewandelt hat, präsentiert sich der dritte Teil des Franchises nun als zwar ausgestellt trashiger, aber deshalb keinen Deut weniger bissiger Polit-Horror. James DeMonacos „The Purge 3: Election Year“ ist ein kranker, abgründiger, vollkommen durchgeknallter und in seinem Kern dennoch hochmoralischer Genre-Bastard – ein Film, den dieses Scheißjahr 2016 verdient, und ein Film, den dieses Scheißjahr 2016 bitter nötig hat!

    Seit mehr als 20 Jahren ist die Partei der New Founding Fathers Of America (NFFA) an der Macht, die die kollabierende US-Ökonomie mit der Einführung der Purge-Nacht wieder zum Schnurren gebracht hat: Einmal im Jahr sind für zwölf Stunden alle Verbrechen einschließlich Mord erlaubt – so können die Menschen ihre angestauten Aggressionen legal abreagieren und es hat den „netten“ Nebeneffekt, dass vor allem die Armen und Hilflosen weggemetzelt werden, während sich die Reichen und Mächtigen in ihren abgeriegelten Anwesen verschanzen. Aber es droht Widerstand: Nachdem ihre gesamte Familie vor 18 Jahren, als sie selbst noch ein Kind war, während einer Purge-Nacht gefoltert und getötet wurde, ist die Senatorin Charlie Roan (Elizabeth Mitchell, „Lost“) inzwischen die größte Gegnerin des erlaubten Mordens – und bei der anstehenden Präsidentschaftswahl stehen ihre Chancen gar nicht schlecht. Aber dann kippt die NFFA nur einen Tag vor der Purge-Nacht plötzlich die Ausnahmeregel, dass hochrangige Politiker als einzige nicht ermordet werden dürfen – und damit ist klar, dass es die aktuellen Machthaber ganz offensichtlich auf ihre aufstrebende Herausforderin abgesehen haben…


    Wie im Vorgänger gibt es auch in „The Purge 3“ wieder (Action-)Szenen purer Anarchie, etwa wenn eine Gruppe verzogener Teenie-Gören erst ihre eigenen Eltern ermordet und dann (ausgestattet mit christbaumbeleuchteten Autos, modeschmuckverzierten MGs und goldfarbenen Motorsägen) einen kleinen Supermarkt belagert, um einen verfickten Schokoriegel zu erbeuten. Aber im Zentrum von „Election Year“ steht dennoch eindeutig die politische Komponente: Dass die Befehlshaber kurzerhand die Gesetze ändern, um ihre Macht zu festigen, findet seine Parallele nicht nur im sogenannten Gerrymandering, bei dem die Grenzen einzelner Wahlkreise so verändert werden, dass die Chancen der aktuell herrschenden Partei besonders gut sind, sondern auch in den aktuellen Geschehnissen in der Türkei. Und dass es im Film diesmal Purge-Touristen gibt, der Murder Tourism sogar zu einem wichtigen neuen Wirtschaftszweig für die USA aufsteigt, erinnert an die europäischen IS-Kämpfer, die ins Kriegsgebiet nach Syrien reisen und von denen viele den Islam nur als Vorwand nehmen, weil sei einfach nur Bock auf Töten und Vergewaltigen haben.

    Aber als solch ein Vorwand taugt eben jede Religion und jedes Moralgeschwafel – und so ist Charlie Roans Gegner bei der Präsidentschaftswahl dann auch der christliche Pfarrer Edwidge Owens (Kyle Secor), der in der Purge-Nacht vor seiner Gemeinde aus Superreichen und Geheimbündlern die reinigende Kraft des Mordens predigt, während sich sein Gesicht immer wieder zu ekstatischen Fratzen verzieht, als hätte er dabei einen Orgasmus nach dem anderen. Seine Helfer: eine White-Power-Hakenkreuz-Elitetruppe, die mit kalter Präzision Jagd auf die Senatorin macht. Eine bloße zynische Abrechnung, gerade wenn sie so konsequent abgründig ausfällt wie hier, hätte allein schon für eine gute Satire ausgereicht. Aber bei den ganz Großen des Fachs, von Jon Stewart bis Stephen Colbert, scheint selbst hinter den schärfsten Attacken immer auch eine tiefe Menschlichkeit durch – und das ist, so schwer das nach allem Beschriebenen zu glauben sein mag, auch bei „The Purge 3“ der Fall: Die Protagonisten um Senatorin Roan, ihren Bodyguard Leo Barnes (Frank Grillo), den Widerstandsführer Dante Bishop (Edwin Hodge), den schwarzen Supermarktbesitzer Joe Dixon (Mykelti Williamson) sowie dessen mexikanischem Angestellten Marcos (Joseph Julian Soria) stehen gerade im finalen Drittel im Zentrum einiger spannender moralischer Fragen: Am Ende des Films kann man sich da schon fragen, ob die Reichen wirklich Schutz vor den Armen brauchen oder ob es nicht eigentlich genau andersherum ist.

    Fazit: „The Purge“ ist vermutlich die einzige Horror-Reihe, die von Film zu Film immer besser wird.
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