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    Land der Wunder
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Land der Wunder
    Von Andreas Günther
    Es gibt Filme, die wirken nach dem Sehen noch lange nach und entfalten ihre ganze Qualität erst beim weiteren Nachdenken. So ein Film ist Alice Rohrwachers „Land der Wunder“, in dem die Regisseurin im Gewand einer melancholisch-poetischen Komödie über den Ausverkauf der Träume in der modernen Welt erzählt. Italiens Diva Monica Bellucci verkörpert dabei eine skrupellose TV-Moderatorin, die das schlechteste des Italiens unter Silvio Berlusconi verkörpert, doch die eigentliche Hauptfigur ist ein kleines Mädchen, das sich ihre Phantasie bewahrt hat. Ein betörender Film, der bei den Filmfestspielen von Cannes 2014 zu Recht den Großen Preis der Jury erhielt.

    Das Leben der zwölfjährigen Gelsomina (Alexandra Maria Lungu) ist hart: Mit ihren drei jüngeren Geschwistern, allesamt Mädchen, schuftet sie von früh bis spät auf dem toskanischen Hof, den ihr Vater Wolfgang (Sam Louwyck), ein deutscher Aussteiger, zusammen mit ihrer Mutter (Alba Rohrwacher) und Cocò (Sabine Timoteo), einer Freundin der Familie, betreibt. Es gibt Schafe, Bienen und einen Gemüsegarten, doch der Ertrag reicht kaum aus, um über die Runden zu kommen, zumal neue EU-Richtlinien Investitionen nötig machen, für die kein Geld da ist. Um etwas dazuzuverdienen, nimmt die Familie im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms den straffällig gewordenen Jugendlichen Martin (Luis Huilcra Logron) bei sich auf. Als auch noch die TV-Moderatorin Milly Centena (Monica Bellucci) in der Gegend auftaucht und in ihrer Sendung „Land der Wunder“ die besten landwirtschaftlichen Produkte der Region mit Geld prämieren will, setzt Gelsomina alles daran, an dem Wettbewerb teilzunehmen.


    Das Leben auf dem Land möglich realistisch zu schildern, das aufreibende Landleben zu beschwören und gleichzeitig doch die Tür zu einem magischen Reich zu öffnen, ist eine schwierige Aufgabe, an der man leicht scheitern kann. Es ist nicht einfach, sich tief genug in die alltägliche Mühsal zu versetzen und nicht nur die pittoreske Kulisse von Äckern und Feldern auszuschlachten. Wenn dann auch noch das Geschehen auf eine übersinnliche Ebene abgehoben wird, kann man sich sehr leicht im Kitsch verlieren. Genau dies passiert Alice Rohrwacher nicht. Dank eines großartigen Schauspielerensembles und ebenso konsequenter wie spielerischer Verschmelzung von Realität und Phantasie entgeht sie diesen Fallstricken.

    „Da steht ja ein Haus“, sagt ein Jäger in der ersten Szene erstaunt, als er das Anwesen von Gelsominas Familie sieht. „Das stand schon immer da“, antwortet sein Kamerad. Was stimmt nun? Gleichzeitig scheint die von Hélène Louvart („Pina - tanzt, tanzt sonst sind wir verloren“) geführte Kamera eine realistische Welt zu zeigen, in der aber doch jederzeit, angedeutet durch lange Schwenks, etwas ungewöhnliches eindringen kann: Eine andere, übersinnliche, magische Welt scheint sich direkt unter der Oberfläche zu befinden. Und in diese Welt wollen Gelsomina und ihre Schwester Marinella (Agnese Graziani) eintauchen, wenn sie spielen und ihrer Fantasie freien Lauf lassen, wenn Marinella etwa das Sonnenlicht, das in die düstere Scheune fällt, wie Gold in ihrer Hand trägt.

    Der Traum vom anderen Leben steckt auch in Wolfgangs idealistischer Vision einer autarken Existenz, doch sie zerrinnt ihm zusehends unter den schwieligen Händen. Auch das Fernsehen bietet trotz verheißungsvoller Wettbewerbe wie dem „Land der Wunder“ keine wirkliche Alternative. Mit Monica Bellucci als artifizielle Milly Centena stellt Alice Rohwacher die Banalität der Berlusconi-Ära bloß, in der nur noch der schnöde Mammon regiert und jede Phantasie verloren scheint. Wer sich da vom Fernsehen „retten“ lassen will, der muss sich zum Affen machen. So wie Wolfgang, der in ein lächerliches historisches Kostüm gekleidet wird und am Ende ohne Würde dasteht. Wenn dagegen Gelsomina Bienen aus ihrem Mund krabbeln lässt und über ihr Gesicht laufen lässt, sind die Fernsehleute entsetzt: So viel Andersartigkeit sind sie nicht mehr gewohnt. Ganz im Gegensatz zu Alice Rohrwacher, die sich bei ihrem Film ganz bewusst gegen die Banalität der modernen Welt entscheidet und eine Lanze für jegliche Form der Kreativität und Phantasie bricht. Selbst die Präsenz eines Kamels auf einem Hof in der Toskana wirkt da ganz natürlich...

    Fazit: In ihrem starken Film „Land der Wunder“ stellt Alice Rohrwacher die in jeder Hinsicht banale Ära Berlusconi gegen eine Welt, in der Phantasie und Kreativität dominieren.
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