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    Eye In The Sky
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Eye In The Sky
    Von Björn Becher
    Das Kriegführen ist in den vergangenen Jahren noch einmal eine Spur perfider geworden. Die Drohnentechnologie macht es möglich, dass ein Pilot aus einem Bunker in seiner Heimat am anderen Ende der Welt Menschenleben auslöscht – mit Joystick und Monitor, als säße er vor einem Videospiel. Die komplexen Abläufe bis hin zum meist tödlichen finalen Knopfdruck sowie die schwierigen Entscheidungen, die von den Ausführenden und ihren Vorgesetzten in kürzester Zeit getroffen werden müssen, thematisieren Drehbuchautor Guy Hibbert („Five Minutes Of Heaven“) und Regisseur Gavin Hood („X-Men Origins: Wolverine“) in „Eye In The Sky“ – und zwar in ihrer ganzen Bandbreite und ohne eine Position von vornherein zu verteufeln. Das erstklassig besetzte und gespielte britische Thriller-Drama ist so nicht nur hochspannend und intensiv, sondern liefert vor allem auch Anstöße zu moralischen Debatten und Diskussionen. Der Film fördert eine offene Auseinandersetzung mit heiklen Fragen – auch wenn Hood mit den eindeutigen Bildern der finalen Szenen am Ende klar Partei ergreift.

    Mit modernster Drohnentechnik gelingt es einem multinationalen Team, eine lang gesuchte Al-Shabaab-Terroristin (Lex King) in Kenia ausfindig zu machen. Das von Pilot Steve (Aaron Paul) und Partnerin Carrie (Phoebe Fox) aus einem Bunker in den USA gesteuerte Auge in der Luft verfolgt die britische Staatsbürgerin in einen von den Fanatikern kontrollierten Wohnbezirk. Aber die geplante Gefangennahme vor Ort, die der lokale Agent Jama (Barkhad Abdi) durchführen sollte, ist nun plötzlich unmöglich. Colonel Katherine Powell (Helen Mirren), die aus Großbritannien die Aktion leitet, will die Raketen der Drohne für einen Luftschlag nutzen, weil sich auch noch zwei weitere hochrangige Terroristen im Haus befinden. In einem Besprechungsraum in London gibt Lieutenant General Frank Benson (Alan Rickman) ihren Vorschlag an die anwesenden Vertreter von Politik und Generalstaatsanwaltschaft weiter. Diese lehnen ab. Doch dann findet Jama unter Einsatz seines Lebens heraus, dass in dem Gebäude gerade zwei Selbstmordattentäter mit Sprengstoffwesten für Attentate vorbereitet werden. Nach langer Debatte wird aufgrund der neuen Faktenlage die Entscheidung gefällt, zu feuern. Doch dann sieht Steve ein kleines Mädchen (Aisha Takow), das in der Todeszone Brot verkauft. Er bittet um eine Neubewertung und die Diskussion beginnt von vorne…


    Darf man ein kleines Mädchen töten, wenn man damit den möglichen Tod vieler anderer unschuldiger Menschen verhindert? Gavin Hood und Guy Hibbert konfrontieren ihre Figuren (und ihr Publikum) mit einem moralischen Dilemma – entsprechend winden sich die einzelnen Entscheidungsträger, drücken sich vor der Antwort und versuchen die Verantwortung weiterzuschieben. Das bekommt zwischendurch fast absurde Züge und es könnte komisch sein, wenn die möglichen Konsequenzen nicht so ernst wären. Aber „Eye In The Sky“ ist extrem nah an der Realität und das gibt diesem filmischen Gedankenspiel eine besondere Dramatik. Die Militärs in Gestalt von Colonel Powell und Lieutenant General Benson drängen darauf zuzuschlagen, aber müssen frustriert mitansehen, wie sich die anwesenden Politiker nach jeder winzigen Veränderung der Lage bei vorgesetzten Stellen rückversichern wollen - schließlich wird sogar der mit einer Magenverstimmung in Asien auf der Toilette sitzende britische Außenminister (Iain Glen) ins Boot geholt. Und als herauskommt, dass eine der Zielpersonen ein Amerikaner ist, versuchen die Briten, die Verantwortung an die US-Kollegen abzugeben, obwohl sie selbst die Federführung innehaben.

    Die Filmemacher machen ganz klar, dass es keine einfache Antwort auf die obige Frage gibt und dass keine Entscheidung eindeutig richtig oder falsch ist. Und so werden Alternativen nicht nur diskutiert, sondern auch ausprobiert, wo das möglich ist – was wiederum dazu führt, dass Agent Jama sein Leben riskiert, um Brot (!) zu kaufen. Wenn ganz ernsthaft diskutiert wird, ob es aus Propagandagründen nicht besser sei, dem Terrornetzwerk öffentlich die Schuld für zwei Anschläge geben zu können, statt zuzulassen dass die Gegenseite den Tod eines unschuldigen Mädchens instrumentalisiert, mag es einem schlecht werden. Auch zu sehen, wie Colonel Powell das Risiko für den Tod des Mädchens immer wieder neu berechnen lässt, um eine niedrigere Zahl zu erreichen, bereitet jedem mitfühlenden Zuschauer extremes Unbehagen. Das ganze Szenario hat zwar etwas von einer etwas theoretischen Versuchsanordnung, zumal jede denkbare Position im Widerstreit der Meinungen fein säuberlich durch mindestens eine Figur repräsentiert wird, zugleich besteht aber kein Zweifel an seiner Wirklichkeitsnähe: Die Dienstwege, Vorschriften, Regeln und Gesetze entsprechen den Tatsachen, selbst für die gesuchte Terroristin gibt es ein reales Vorbild – und so bekommen wir ein getreues Abbild von den politischen und menschlichen Herausforderungen des Anti-Terrorkampfs.

    Am Ende kann sich keiner verstecken, jeder muss eine Entscheidung treffen oder sie mittragen und schließlich mit den Konsequenzen leben – bis zum Piloten, der den von Politikern abgesegneten Befehl seiner militärischen Vorgesetzten umsetzt oder verweigert: Obwohl in „Eye In The Sky“ die Protagonisten die meiste Zeit sitzen oder stehen und diskutieren, ist die Intensität höher als bei vielen Action-Thrillern. Mit der Zuspitzung der Lage steigt die (An-)Spannung, der Druck steht den herausragenden Darstellern ins Gesicht geschrieben.  Aaron Pauls Pilot Steve etwa (das komplette Gegenteil seines hibbeligen Kiffers aus „Breaking Bad“ übrigens) droht unter der Last zu zerbrechen. Am anderen Ende des Spektrums stehen die vom Anfang 2016 verstorbenen Alan Rickman („Harry Potter“, „Stirb langsam“) sowie von Oscarpreisträgerin Helen Mirren („Die Queen“) verkörperten Militärs. Sie sind als einzige klare Befürworter eines Feuerbefehls durchaus keine Sympathieträger, aber die Darsteller machen die Frustration spürbar, die sie angesichts der vertrackten Lage durchleben müssen – denn sie sind von der Notwendigkeit ihres Tuns überzeugt.

    Fazit: Stark gespielter, spannender und intensiver Kriegsthriller.

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    Kommentare

    • Michael M
      Hab den Film gerade zufällig auf one gesehen. Sehr beeindruckend und so nah an den Problemen der Wirklichkeit.Die letzten Worte des Generals bringen das Dilemma für mich auf den Punkt - der Preis des Krieges ist im eigentlichen zu hoch...Finde übrigens nicht, dass im Film Partei ergriffen wird, er treibt den Zuschauer eher ins Grübeln und jeder muss für sich entscheiden oder eben nicht...Das ist Krieg, fragt die Toten von Oradur, Stalingrad, Dresden, Hiroshima, Libanon, Sudan, Ruanda, Bagdad, Syrien...Die größte Perversion der Menschheit ist es Gewalt gegen Artgenossen auszuüben und doch ist dieses Konzept nicht einzigartig.Die Vermutung, der Mensch habe genug Intellekt um dieses zu erkennen und zu ändern scheint ins Leere zu laufen...Siehe Halle an der Saale...
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