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    Mountains May Depart
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Mountains May Depart
    Von Michael Meyns

    Den Goldenen Löwen von Venedig hat Jia Zhang-ke bereits 2006 für sein dokumentarisches Drama „Still Life“ gewonnen und wenn er neun Jahre später auch die Goldene Palme von Cannes in seinen Trophäenschrank stellen dürfte, wäre das wohlverdient, denn der chinesische Ausnahmeregisseur legt mit „Mountains May Depart“ ein weiteres herausragendes Werk vor. In seinem epischen Drama über eine Dreicksbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau verbindet er die persönliche Ebene der Liebesgeschichte brillant mit einer subtilen Reflektion über die Entwicklung Chinas vom Kommunismus zu einer Form des staatlich gelenkten Kapitalismus. In drei großen Blöcken zeigt Jia über einen Zeitraum von über 25 Jahren ganz deutlich die enormen sozialen und menschlichen Kosten dieses Weges, auf dem das Reich der Mitte schon bald zur größten Wirtschaftsmacht der Welt werden wird.

    1999. In Fenyang, einer mit rund 400.000 Einwohner eher kleinen Stadt in Zentralchina, lebt der Bergarbeiter Liangzi (Liang Jin Dong), der in Tao (Zhao Tao, die Ehefrau des Regisseurs) verliebt ist. Diese wird aber auch von Jinsheng (Zhang Yi) umworben, einem eingebildeten Investor, der das musikalische Motto des Films – „Go West“ von den Pet Shop Boys – sehr ernst nimmt. Schließlich entscheidet sich Tao für den wohlhabenden Jinsheng und bekommt einen Sohn, der auf den Namen Dollar getauft wird. 2014 ist der reiche auch ein mächtiger Mann, während Liangzi an Lungenkrebs leidet und nur dank des Geldes der inzwischen geschiedenen Tao eine Operation bezahlen kann. 2025 leben Jinsheng und Dollar in Australien, als Teil der chinesischen Exilgemeinde, doch glücklich sind weder sie noch die von ihrem geliebten Sohn getrennte Tao.

    Seit Jahren ist Jia Zhang-ke ein inoffizieller Chronist des modernen Chinas, der immer wieder in Konflikt mit den staatlichen Zensoren gerät. So radikal wie sein vorheriger Film „A Touch of Sin“ fällt „Mountains May Depart“ allerdings nicht aus, statt Wut ist Melancholie diesmal die vorherrschende Emotion. Doch die Kritik an den einschneidenden, rücksichtslos verfolgten Veränderungen im Land bleibt unmissverständlich. Wenn Jia in seinem ersten Erzählsegment die Dreieckskonstellation etabliert, fühlt man sich deutlich an seine früheren Filme wie „Plattform“ erinnert. Trotz des klassischen Bildformats von 1,33:1 kommt hier jedoch keine Nostalgie auf, sondern eher eine tiefe Traurigkeit über den Verlust von Traditionen und Werten, die der Goldgräberstimmung im neu-kapitalistischen Reich zum Opfer gefallen sind.

    Nach diesem Blick in eine Zeit, die weit länger zurückzuliegen scheint als es der Kalender sagt, erweitert Jia die Perspektive nicht nur optisch (das zweite Segment ist im heutigen Normalformat 1,85:1 gedreht, das dritte in breiten 2,35:1-Scope-Bildern), sondern auch geografisch. Das führt dann erstmals in Jias Karriere zu ausgedehnten Sequenzen in englischer Sprache, wobei die Dialoge etwas holprig wirken. Aber der entscheidende Punkt seiner ziemlich bitteren Zukunftsvision ist ohnehin, dass die wohlhabenden Chinesen ihrer Heimat zunehmend den Rücken kehren. Dabei lassen sie nicht nur ein durch extreme Umweltverschmutzung gebeuteltes Land und Heerscharen von Boomverlierern zurück, sondern geben auch einen Teil ihrer Identität auf. Und wenn die nun allein im Haus ihrer Kindheit wohnende Tao in der letzten Szene des Films noch einmal zu „Go West“ tanzt, bekommt der an sich so euphorische Song eine entsprechend melancholische Note: Die Träume von einem Leben wie im Westen mögen sich für einen Teil der Chinesen erfüllt haben, doch der Preis, der dafür gezahlt wurde, ist enorm.

    Fazit: Mit epischem Atem schildert Jia Zhang-Ke in „Mountains May Depart“ eine Dreiecksgeschichte vor dem Hintergrund des rasanten wirtschaftlichen Umbruchs in China und erzählt dabei berührend von Verlust und Opfern.

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