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    The Lady In The Van
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Lady In The Van
    Von Christoph Petersen
    Wir haben „The Lady In The Van“ von „Die History Boys“-Regisseur Nicholas Hytner am Eröffnungswochenende in einer regulären Vorstellung am Londoner Leicester Square gesehen. Das Publikum bestand, wie man es bei dem Poster und dem Trailer kaum anders erwartet hätte, aus einer Reihe von Kaffeekränzchen (sprich: kleinen Gruppen gutbürgerlicher Damen jenseits der 50). Aber bei denen kam der auf einer wahren Geschichte basierende Film überwiegend gar nicht gut an (zumindest den Gesprächen nach zu urteilen, die wir beim Rausgehen belauscht haben). Der wahrscheinliche Grund für die Enttäuschung: Die Story und das Marketing suggerieren harmlos-gradliniges Wohlfühlkino, bei dem sich der Zuschauer gut eineinhalb Stunden lang über Maggie Smith als grantige alte Furie amüsiert. Aber der oscarnominierte Autor Alan Bennett („King George – Ein Königreich für mehr Verstand“), der in „The Lady In The Van“ einen Teil seiner eigenen Lebensgeschichte verarbeitet, denkt gar nicht daran, es dem Publikum zu leicht zu machen. Stattdessen ist der Film – ebenso wie das zugrundeliegende Theaterstück, in dem Maggie Smith schon 1999 dieselbe Rolle verkörperte – überwiegend ernsthaft erzählt und sogar experimentell inszeniert, weshalb für die flotten Resolute-Rentnerin-grantelt-in-der-Gegend-rum-Szenen letztendlich gar nicht mehr so viel Platz bleibt.

    Im vornehmen, aber dennoch alternativen Camden Town leben in den 1970er Jahren überwiegend intellektuelle Alt-Linke, die es zu Geld gebracht haben (und sich noch immer dafür schämen). Es ist also kein Wunder, dass sich Mary Shepherd (Maggie Smith) ausgerechnet diesen Londoner Stadtteil aussucht, um hier ihren Van abzustellen, den sie zwar in lustigem Gelb anpinselt, aus dem es aber trotzdem bestialisch stinkt. Immer wieder bringen die Anwohner ihr Essen und Geschenke, was die obdachlose Seniorin mit einer solch abschätzigen Undankbarkeit quittiert, dass sie aus jedem Viertel davongejagt werden würde – nur eben aus Camden Town nicht, dessen wohlhabende Bewohner sie auch akzeptieren, um ihre eigenen sozialen Schuldgefühle zu lindern. Als Mary von der Stadt verboten wird, ihren inzwischen fahruntüchtigen Van weiterhin auf der Straße zu belassen, bietet der alleinstehende Alan Bennett (Alex Jennings) ihr an, den Wagen für ein paar Tage auf seinem Grundstück abzustellen. Mary stimmt widerwillig zu, um dann für mehr als 15 Jahre in der Auffahrt des Theaterautors stehen zu bleiben – natürlich ohne ein einziges Wort des Dankes…


    Ja, Maggie Smith ist als Lady In The Van ein Ereignis! Wenn die zweifache Oscarpreisträgerin anfängt rumzugranteln, als ob es kein Morgen mehr gäbe, dann ist das trockener britischer Humor, wie wir ihn lieben (dass niemand mehr Verächtlichkeit und Geringschätzung in einen einzigen Blick legen kann als die inzwischen 81-jährige Smith, wissen wir ja spätestens seit ihren Rollen als Professor McGonagall in „Harry Potter“ und als Gräfin Violet Crawley in „Downton Abbey“). Aber die eigentliche Entwicklung macht im Film eine andere Figur durch – und da wird der autobiografische „The Lady In The Van“ regelrecht experimentell: Alex Jennings („Whitechapel“) spielt nämlich als Alan Bennett eine Doppelrolle. Da gibt es zum einen den verunsicherten schwulen Mann, den hilfsbereiten Nachbar und den sich um seine demente Mutter kümmernden Sohn sowie zum anderen den selbstbewussten Autor – und immer wieder kommt es zu Zwiegesprächen zwischen diesen beiden Bennetts.

    Der Autor mit seiner kunstvoll gespaltenen Persönlichkeit reift im Laufe des Films sogar zu einer spannenderen Figur als Smiths Titelheldin, aber manchmal tragen die Macher auch ein wenig zu dick auf, vor allem der Part mit Jim Broadbent („Brooklyn“, „Moulin Rouge“) als Erpresser wirkt fast schon wie aus einem anderen (schlechteren) Film. Im realen Leben hat Bennett nach dem Tod von Shepherd noch eine Menge über das frühere Leben der Frau herausgefunden, die da eineinhalb Jahrzehnte lang in seiner Auffahrt stand – und im Film werden diese biografischen Details nun dazu genutzt, um ihr Verhalten zu „erklären“. Das ist dann letztendlich aber fast schon ein wenig zu rund, gerade für eine so aus jedem Rahmen fallende Persönlichkeit wie diese Lady In The Van.

    Fazit: „The Lady In The Van“ ist ein sehr viel ambitionierterer Film, als man bei der Prämisse erwartet hätte – und das ist auch gut so, selbst wenn – gerade im finalen Drittel - nicht jede Drehbuchidee voll aufgeht.
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