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    Nowitzki. Der perfekte Wurf.
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Nowitzki. Der perfekte Wurf.
    Von Thomas Vorwerk
    Im Rahmen der TV-Sportberichterstattung werden des Öfteren kürzere Dokumentationen über angesagte Sportler im direkten Umfeld zu aktuellen Matches und Meisterschaften gezeigt. Dass diese Porträts länger als eine Stunde werden (oft genug reichen wenige Minuten) und in die Kinos kommen, ist seltener. Der deutsche Dokumentarfilmer Sebastian Dehnhardt, lange Zeit Spezialist für die Fernsehaufbereitung historischer Themen („Hitlers Helfer“, „Der Kniefall des Kanzlers“), legt nach „Klitschko“ mit „Nowitzki. Der perfekte Wurf.“ seine zweite Kino-Dokumentation über einen international erfolgreichen Sportler vor, die allerdings frappierend an die anfangs erwähnten TV-Schnipsel-Portraits erinnert: ein unkritischer Werbefilm für die Fans der Sportlegende, der abgesehen von einem sehr interessanten Exkurs über Nowitzkis Querverbindungen bis hin zum Erfinder des Basketballs mit kaum mehr Informationsgehalt als der Wikipedia-Artikel des Stars aufwarten kann.

    Der aus Unterfranken stammende Dirk Nowitzki ist nicht nur der Spross einer Sportlerfamilie (Mutter Helga war in der Basketball-Nationalmannschaft, Vater Jörg war „Bayerns bester Handballer“), sondern hat auch das Glück, von dem ehemaligen Nationalspieler Holger Geschwindner entdeckt zu werden. Dieser greift zudem auf ungewöhnliche Trainingsmethoden zurück, die auf seinem Physik-Studium fußen. Die obsessive Suche des genialen Mentors nach dem „perfekten Wurf“ verbindet sich mit Nowitzkis Ausnahmetalent, seiner stattlichen Körpergröße (2,13 m) und seinem unbändigen Willen, bis an die körperlichen Grenzen zu trainieren. Sebastian Dehnhardt erzählt während des Films das bisherige Leben Nowitzkis nach, mit seltenen Aufnahmen aus der Kindheit und Jugend, Interviews mit Familienmitgliedern, Trainern, Teamkollegen von den Dallas Mavericks und aus der deutschen Basketball-Nationalmannschaft, sowie prominenten Gegenspielern wie Superstar Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers.


    Neben einer erschöpfenden Chronologie sämtlicher Karriereschritte bis hin zu einzelnen Play-off-Spielen von Nowitzkis erfolgreichster Saison in der US-Profi-Liga NBA zeichnet sich der Film dadurch aus, dass Regisseur Dehnhardt auch unerwartete Ansätze zum Bestandteil seiner Geschichte macht. So wie zum Beispiel Geschwindners Computerprogramme, die einem als Strichmännchen nachempfundene Sportler mit detaillierten Angaben von der Spannbreite der Hand bis zur Schuhgröße eine perfekte Wurfparabel schöpfen lassen. Auf Wunsch kann dies auch unter den Schwerkraftbedingungen, die auf Mond oder Mars herrschen, erfolgen. Auf seinen Visitenkarten preist er sich nicht umsonst als Leiter des „Instituts für angewandten Unfug“ an.

    Die ungewöhnlichsten Passagen des Films befassen sich daneben mit der „direkten“ Verbindungslinie Dirk Nowitzkis zum Erfinder des Basketballsports, dem bereits in den 1930ern verstorbenen James Naismith, wozu auch der unorthodoxe Einfluss Ernie Butlers gehört. Butler war einer der ersten US-Basketballer, die nach Deutschland zogen und wurde dort zum Mentor und Freund des jungen Geschwindners (was sich in dessen späterer Beziehung zu Nowitzki spiegelt). Er entdeckte Zusammenhänge zwischen Jazzmusik und seinem Lieblingsballsport, was so weit geht, dass er sogar Trainingseinheiten am Spielfeldrand mit seinem Saxophon begleitete. Die unterschiedlichen, allesamt ungewöhnlichen Ansätze, einen Basketballspieler besser zu machen, vom Jazz bei Butler bis hin zur Physik bei Geschwindner gehören zu den gelungensten Passagen der Dokumentation.

    Solche interessanteren, abseitigen Momente treten aber schnell in den Hintergrund und machen Platz für ein unkritisches Sportlerprofil, das oft wie ein Werbefilm oder ein in der Filmbranche übliches „Making-Of“ wirkt. Die „exklusiven“ Interviews mit NBA-Profisportlern bestehen ausschließlich aus Lobhudeleien, der dauerhafte Musikeinsatz ermüdet schnell, und auf seine Lauflänge kommt der Film nicht zuletzt auch durch reichlich Füllmaterial. So arbeitet Dehnhardt viel mit Schrifteinblendungen über Zeitlupenaufnahmen von Cheerleader-Gruppen (immerhin NBA-Spielatmosphäre) oder nutzt manche Fotografien des noch kleinen Dirk mehrfach. Zum einen werden sie aufwendig animiert, um sie im Vorspann oder anderen Montagesequenzen fast wie Filmbilder erscheinen zu lassen (das Dokument wird zur inszenierten Fiktion), zum anderen wird das virtuelle Fotoalbum zum Leben erweckt, indem man die Fotos gleichzeitig mit den typischen Geräuschen eines Diaprojektors unterlegt, während über nachbearbeitete Verschleißspuren der Eindruck erweckt werden soll, man betrachte altes Filmmaterial. Hauptsache, es sieht hübsch aus.

    Wenn es mal Anflüge kritischer Töne gibt, werden diese sehr schnell sehr freundlich übergebügelt. Holger Geschwindners legale Probleme mit ausbleibenden Steuererklärungen werden nur angeschnitten, um Raum für einen Solidaritätsbeweis Nowitzkis zu machen. Dieser wird auf mehr als absurde Art animiert: Der Basketballer wirft Geldbündel in die Waagschalen Justitias. Stattdessen gibt es Klatsch über eine ungeschickt gewählte Freundin (polizeilich gesucht), hämische Zeitungsschlagzeilen in der Karriere-Talsohle („No-win-ski“) und einen kaum endenden Bilderfluss aus NBA-Spielübertragungen, immer wieder unterlegt mit einer Durchhalte-Musik zwischen Jukebox und US-Volksfest. Sieg und Niederlage während der entscheidenden Playoffs werden jeweils durch ein oder zwei Aufnahmen Nowitzkis bebildert, bei denen er den Korb trifft oder eben nicht. Die Vereinfachung anstelle der Präzisierung scheint eines der Grundprinzipien des Films.

    Fazit: Ein etwas lang geratener Werbefilm für alle Fans des Basketballers.
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