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Mary Shelley
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Mary Shelley
Von
Erst im April 2018 öffnete in Saudi-Arabien erstmals wieder ein öffentliches Filmtheater seine Pforten, nachdem Kino dort mehr als 35 Jahre lang als „unislamisch“ verboten war. Auch sonst werden viele Einschränkungen des täglichen Lebens in dem autoritär regierten Königreich vor allem für Frauen ganz allmählich gelockert. Als die einheimische Regisseurin Haifaa Al-Mansour 2012 die Pioniertat des ersten vollständig in Saudi-Arabien realisierten Spielfilms vollbrachte, musste sie noch weitgehend mit versteckter Kamera drehen und ihre Landsleute bekamen das Werk nicht zu sehen. Dafür sorgte die Emanzipationsgeschichte „Das Mädchen Wadjda“ mit ihren seltenen Einblicken in die verschlossene saudische Gesellschaft im Ausland für umso mehr Schlagzeilen. Nun erzählt Al-Mansour in ihrem ersten englischsprachigen Film „Mary Shelley“ wieder von einer Frau, die gegen Widerstände kämpft und verleiht auch dem historischen Biopic über die „Frankenstein“-Autorin einen Hauch zeitloser Dringlichkeit.

London, 1812. Die 16-jährige Mary Godwin (Elle Fanning) ist mit einer lebhaften Fantasie ausgestattet und verbringt ihre Zeit am liebsten auf dem Friedhof am Grab ihrer Mutter Mary Wollstonecraft mit der Lektüre und dem Verfassen von Schauergeschichten. Ihr Vater, der Philosoph und Buchhändler William Godwin (Stephen Dillane), schickt sie zu einem Bekannten nach Schottland. Dort auf dem Land soll sie auf andere Gedanken kommen. Bei einer Soirée auf dem Anwesen ihrer Gastgeber lernt Mary den fünf Jahre älteren Dichter Percy Shelley (Douglas Booth) kennen, der ihr später nach London folgt. Sie verlieben sich ineinander, doch dann erfährt Mary, dass Percy bereits verheiratet ist. Als sie sich auf seine Ideen von freier Liebe einlässt, kommt es zu einem Skandal. Das junge Paar flüchtet gemeinsam mit Marys Stiefschwester Claire Clairmont (Bel Powley) aus dem Rampenlicht…


„Mary Shelley“ ist in vielen Belangen ein typisches Künstler-Biopic und ein typischer Historienfilm, mit allen Stärken und Schwächen, die das mit sich bringt. So dürfen wir einmal mehr in eine vergangene Zeit eintauchen: Schicke Kostüme, geschliffene Konversationen im Kerzenschein und das bedeutungsvolle Kratzen von Schreibfedern, mit denen in verschnörkelter Schönschrift ein literarisches Kunstwerk aufs Papier gebracht wird, gehören zu den Freuden für Genrefans. Zudem entzündet Haifaa Al-Mansour den Funken der Inspiration passend zum „modernen Prometheus“ (so heißt „Frankenstein“ im Untertitel), von dem Mary Shelley schreibt, ganz wörtlich. Mehrere blitzgewaltige Gewitter, ein paar Spielereien mit einer Art Chemiebaukasten des frühen 19. Jahrhunderts und eine vermeintliche Wiederbelebung in einer „Galvanisierungs“-Show führen hier ziemlich direkt zum mit Elektrizität experimentierenden Dr. Frankenstein und seinem Monster.

Die erzählerischen Kurzschlüsse zwischen Biografie und Werk sind hier wie in so vielen Filmen über Künstler oft überdeutlich und wenn Lord Byrons (Tom Sturridge) unglückliche Geliebte Claire Clairmont am Ende erklärt, dass sie sich als unterdrückte und ausgenutzte Frau in Marys geschundenem Monster wiedererkennt, dann ist das auch nicht sehr subtil eingefädelt. Doch trotz einer gerade am Anfang oft ziemlich holprigen und von unnötig verstärkender Musik beeinträchtigten Dramaturgie, in der tragische Schicksalsschläge, euphorische Intermezzi und dramatische Konfrontationen allzu zügig aufeinander folgen, blitzt immer wieder eine tiefe emotionale Dringlichkeit auf – und das ist vor allem einigen der Schauspieler zu verdanken.

Während „Downton Abbey“-Star Joanne Froggatt als böse Stiefmutter Mary Jane Clairmont nur dazu da ist, die Engstirnigkeit ihrer Zeit zu verkörpern, und Tom Sturridge („On the Road - Unterwegs“) sich als Lord Byron mit reichlich Unterstützung der Make-Up-Abteilung immerhin recht unterhaltsam an einer flamboyanten Variante des exzentrischen Künstlergenies versucht, setzt Stephen Dillane („The Hours“) in der Rolle des hin- und hergerissenen Vaters einen willkommenen Kontrapunkt stiller Nachdenklichkeit. Douglas Booth („Noah“) wiederum spielt als Percy Shelley ein narzisstisches, aber leidenschaftliches großes Kind. Wenn er in einer Kirche den Messwein stibitzt und lästerliche Reden schwingt, dann nimmt man ihm die Worte kaum ab - er ist ein Poseur mit fescher Frisur, denn man im Gegensatz zu Mary auch fast nie bei der schöpferischen Arbeit sieht. Heute wäre er vielleicht Reality-TV- oder YouTube-Star.

Shelleys fünf Jahre jüngere Lebensgefährtin und spätere Gattin ist ihm deutlich voraus an Reife und Ernsthaftigkeit. Und so ist die Liebschaft hier auch nicht als zarte Feier romantischer Innigkeit inszeniert wie sie etwa Jane Campion in „Bright Star“ über Shelleys‘ Zeitgenossen John Keats auf die Leinwand zauberte. In der ungleichen Beziehung, den darin zu Tage tretenden Machtverhältnissen und den durch sie hervorgerufenen Konsequenzen liegt der erzählerische Kern von „Mary Shelley“. Hier ist der Film oft weniger ein historisches Drama als ein hochaktuelles Plädoyer für Frauenrechte und Gleichberechtigung. Entsprechend verkörpert Elle Fanning („The Neon Demon“) die um ihr persönliches Glück, ihre künstlerische Stimme und um Respekt kämpfende Jungautorin mit Intensität und Überzeugung als entschieden moderne Frau, die nicht nur ihrer eigenen Zeit voraus ist. Überaus wirkungsvoll sekundiert wird ihr dabei auch von der aus „The Diary Of A Teenage Girl“ bekannten Bel Powley, die als im Schatten stehende Stiefschwester die am stärksten berührende Darstellung beisteuert. Bei diesen Frauenporträts ist auch die Regisseurin spürbar in ihrem Element und sie geben dem ansonsten recht konventionellen Film das gewisse Etwas.

Fazit: „Mary Shelley“ ist ein dramaturgisch nicht sehr ausgewogenes Künstler-Biopic, überzeugt aber als zeitloses Plädoyer für Frauenrechte durchaus.
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