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Tatort: Auf einen Schlag
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Tatort: Auf einen Schlag
Von Lars-Christian Daniels
Die Autoren und Filmemacher der Krimireihe „Tatort“ haben in den vergangenen Jahren Gefallen am deutschen Schlager und der Welt des Showgeschäfts gefunden: Schon im März 2013 bescherte das Gastspiel von Altstar Roland Kaiser im „Tatort: Summ, summ, summ“ den Münsteraner Publikumslieblingen Frank Thiel (Axel Prahl) und Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) eine Traumquote von über 13 Millionen Zuschauern. Im Hamburger „Tatort: Der große Schmerz“ übernahm Schlagerqueen Helene Fischer an Neujahr 2016 eine Rolle als russische Killerin, und im Wiener „Tatort: Sternschnuppe“ blickten die Wiener Ermittler zuletzt hinter die Kulissen einer populären Castingshow. Nun legen die neuen „Tatort“-Kommissarinnen aus Dresden nach: Das erste rein weibliche Ermittlerteam in der über vierzigjährigen Geschichte der öffentlich-rechtlichen Erfolgsreihe sucht in Richard Hubers „Tatort: Auf einen Schlag“ mitten im schmucken Herzen des „Elbflorenz“ den Mörder eines Schlagersängers. Das Ergebnis ist ein durchaus kurzweiliger Krimi aus Sachsen, dem es zwar nicht an sympathischen Figuren, dafür aber an Spannungsmomenten und Tiefgang mangelt.

Die Schlagerwelt hält den Atem an: In Dresden findet die Unterhaltungsshow „Hier spielt die Musik“ statt, bei der sich das Who-is-Who der Szene auf der Bühne die Klinke in die Hand gibt. Zu den Top-Stars zählt auch Toni Derlinger (Anton Weber), der mit seiner Frau Tina (Alexandra Finder) das Gesangsduo „Toni & Tina“ bildet. Doch zum gemeinsamen Auftritt kommt es nicht: Wenige Tage vor der Show wird Derlinger erschlagen hinter der Bühne aufgefunden. Der Dresdner Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) setzt ein Team auf den Fall an, mit dem er nicht so recht warm wird: Die Oberkommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) ermitteln gemeinsam mit Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr (Jella Haase) im Umfeld des Toten. Derlingers langjähriger, aber zunehmend erfolgloser Manager Rollo Marquardt (Hilmar Eichhorn) ist zutiefst bestürzt, denn „Toni & Tina“ waren seine größte Einnahmequelle. Der aalglatte Musikproduzent Maik Pschorrek (Andreas Guenther) hingegen hat die aufstrebenden Volks-Rock'n'Roller „Herzensbrecher“ und die beliebte Sängerin Laura (Sina Ebell) unter Vertrag - und stand offenbar auch mit Derlinger in Verhandlungen...

Stolze acht Jahre hielt der MDR an seinen umstrittenen Leipziger „Tatort“-Kommissaren Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) fest – doch eine Erfolgsgeschichte haben die beiden in dieser Zeit nicht geschrieben. Das Zuschauerecho war oft enttäuschend, die Kritiken in der Regel schwach: Viele Krimifans begrüßten den Abschied des Duos im „Tatort: Niedere Instinkte“ im April 2015. Mit dem Erfurter Ermittlertrio Henry Funck (Friedrich Mücke), Maik Schaffert (Benjamin Kramme) und Johanna Grewel (Alina Levshin) waren ihre Nachfolger eigentlich schon gefunden – doch nach dem desaströsen „Tatort: Kalter Engel“ und dem kaum stärkeren „Tatort: Der Maulwurf“ warfen die Schauspieler vorzeitig das Handtuch. Einen weiteren Fehlschlag möchte der MDR, der mit den Weimarer „Tatort“-Kollegen Lessing (Christian Ulmen) und Dorn (Nora Tschirner) zumindest noch ein erfolgreiches Zugpferd im Rennen hat, tunlichst vermeiden: Bei der Besetzung ging man daher mit erfahrenen Schauspielern wie Martin Brambach („Barfuß bis zum Hals“) und Alwara Höfels („Keinohrhasen“), der ehemaligen „SOKO Leipzig“-Darstellerin Karin Hanczewski und „Fack Ju Göhte“-Star Jella Haase auf Nummer Sicher.

Auch beim Drehbuch lassen die Verantwortlichen nichts anbrennen: „Stromberg“-Erfinder Ralf Husmann setzt auf das vielfach erprobte Erfolgsprinzip der Krimireihe und entspinnt in der Dresdner Altstadt ein klassisches Whodunit-Konstrukt, bei dem die Auflösung der Täterfrage bis in die Schlussminute offen bleibt. Angereichert wird die Geschichte mit Seitenhieben auf die vermeintlich heile Schlagerwelt und viel Dialogwitz – vor allem die erste Hälfte des Films dominieren verbale Schlagabtäusche und ausufernde Diskurse über die Rolle von Mann und Frau. Die klingen aber oft wie aus einem anderen Jahrzehnt und sind irgendwann ziemlich ermüdend – zumal sie nur bedingt mit einer späten Wendung harmonieren, die die toughe Sieland zu einem Weinkrampf im Auto veranlasst. Die sexistischen Sprüche und die Political Incorrectness von Ekel-Chef Schnabel („Was soll das sein, ein Neger im Kohlenkeller?“) wecken sofort Erinnerungen an Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst), bringen aber nicht immer den erhofften Lacher. Der im Gestern lebende Chauvi („Ich hab dieses verdammte Internet in Verdacht!“) hat dennoch Entwicklungspotenzial – anders als die klischeebeladenen Nebenfiguren.

Auch die beiden Hauptfiguren schlagen sich wacker: Die bissige Oberkommissarin Gorniak („Ich hab ‘ne Arschloch-Allergie, da krieg‘ ich Ausschlag.“) und ihre deutlich entspannter zu Werke gehende Kollegin Sieland präsentieren sich als verschworene Einheit, übertreiben es aber hier und da mit ihren Privatgesprächen. Wie viele andere Erstlingsfolgen leidet auch das Debüt der Dresdner Kommissarinnen an typischen Kinderkrankheiten: Das am Reißbrett entworfene Leben nach Feierabend – Gorniak hat Probleme mit ihrem aufmüpfigen Sohn Aaron (Alessandro Emanuel Schuster), Sieland mit ihrem Freund Ole Herzog (Franz Hartwig) – will ebenso skizziert werden wie die Verhältnisse im Präsidium, was für die Spannung alles andere als förderlich ist. Einige Farbtupfer setzt Jella Haase als junge Polizeianwärterin Mohr, die mit ihrer naiven Art mehrere Szenen stiehlt. An Lokalkolorit mangelt es dem ersten Dresdner „Tatort“ seit der Versetzung der früheren MDR-Kommissare Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd Michael Lade) nach Leipzig allerdings nicht: Der überzeichnete Tatverdächtige Walther Ungerland (Michael Specht) spricht lupenreines Sächsisch, ein Großteil des Krimis wurde im weltberühmten Zwinger gedreht und die obligatorische Verfolgungsjagd führt diesmal über einen Touri-Dampfer auf der Elbe.

Fazit: Richard Hubers „Tatort: Auf einen Schlag“ ist ein solider Debüt-Krimi, der trotz der fehlenden Spannung und der eher dünnen Story durchaus die Lust auf weitere Fälle aus Dresden weckt.
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Kommentare

  • Der Eine vom Dorf
    Ich habe wohl einen anderen Fall aus Dresden gesehen als Herr Daniels. Abgesehen von den irgendwann wirklich ermüdenden Feminismus-Debatten, hat mir der Fall echt gut gefallen. Insbesondere die mutige Wendung verdient Respekt. Hätte auf jeden Fall 7/10 Punkten vergeben.
  • AlfredHitzkopf
    Mutige Wendung? Die war doch fast 1:1 von dem weitaus besseren "Der tiefe Schlaf" abgekupfert...
  • Der Eine vom Dorf
    Das stimmt zwar, aber Der tiefe Schlaf hat für mich so ein Alleinstellungsmerkmal in Puncto Qualität, dass kein "Nachahmungs-Tatort" der Story etwas anhaben kann.
  • Michael S.
    Fun Fact: Walter Ungerland ist als Charakter kein bisschen überzeichnet - es gibt Leute, die wirklich so drauf sind. Ein paar Jahrzehnte in Sachsen leben beweist es. Eher gut beobachtet als amüsant parodiert. Und: zweieinhalb Sterne sind zuwenig! Nicht so originell wie die zwei Weimar-Tatorte mit Ulmen und Tschirner, aber dennoch einer der unspießigsten Tatorte seit langer Zeit.
  • AlfredHitzkopf
    Es geht doch nicht darum, "Der tiefe Schlaf" abzuwerten. Im Gegenteil: Die Wendung in "Auf einen Schlag" hat eben überhaupt nichts Mutiges, weil München es längst gewagt hatte.
  • Ragnar E. R.
    Absolut top - bin begeistert - alles andere als volkstümlich - freuen uns auf mehr !!!!
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