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A Cure For Wellness
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
A Cure For Wellness
Von
Wenn im Trailer zum zweieinhalbstündigen Gothic-Horrorfilm „A Cure For Wellness“ die Einblendung „Vom visionären Regisseur Gore Verbinski“ auftaucht, denkt man sich zunächst: Wirklich? Der Handwerker hinter Blockbuster-Kost wie „Fluch der Karibik 1 – 3“ und „Lone Ranger“ ein visionärer Regisseur? Aber wer sich die Filmografie des ehemaligen Punkrock-Gitarristen etwas genauer anschaut, muss den Trailer-Textern doch zustimmen – nur hat Verbinski eben nie wie andere herausragende Filmemacher einen eigenen konsistenten Stil etabliert, sondern erfindet sich in fast jedem seiner Filme vollkommen neu: in der für Familienunterhaltung VIEL zu schwarzen und gerade deshalb so brillanten Komödie „Mäusejagd“ ebenso wie im vor allem visuell herausragenden „Ring“-Remake oder im oscarprämierten Experimental-Animationswestern „Rango“. Selbst in seinen Big-Big-Budgetfilmen hat sich Verbinski immer etwas weiter aus dem Fenster gelehnt als andere, man erinnere sich nur an die abstrakt-surreale Sequenz in „Pirates Of The Caribbean - Am Ende der Welt“, in der Johnny Depp vor einem gleißend-weißen Hintergrund plötzlich eine Vielzahl von Jack Sparrows verkörpert. Und es ist genau dieser unbedingte Wille zum Leinwandexperiment, diese zügellose Lust an der schieren visuellen und erzählerischen Dekadenz, die nun auch „A Cure For Wellness“ zu etwas ganz Besonderem macht.

Als die Vorstandsmitglieder eines New Yorker Finanzunternehmens den mysteriösen Brief eines Kollegen erhalten, in dem er ihnen mitteilt, dass er nach seinem zweiwöchigen Aufenthalt in einem luxuriösen Wellness-Resort nicht mehr nach Manhattan zurückkehren wird, entsenden die Wallstreet-Lenker den aufstrebenden Nachwuchs-Broker Lockhart (Dane DeHaan) in die Schweizer Alpen, damit er seinen Chef doch noch umstimmt – immerhin steht eine große Firmenfusion kurz bevor. Der schwer gestresste und genervte Lockhart geht eigentlich davon aus, dass der Job an einem Nachmittag zu erledigen ist – aber als er im Volmer Institute eintrifft, ist die Besuchszeit für den Tag schon vorüber, und auf der Fahrt zurück ins tiefergelegene Dorf kommt es zu einem spektakulären Unfall mit einem Hirsch, in dessen Folge sich Lockhart nach mehreren bewusstlosen Tagen mit gebrochenem Bein selbst als Patient des autoritären Dr. Volmer (Jason Isaacs) in dessen Institut wiederfindet. Dort ist sich der unfreiwillige Gast nach kurzer Zeit sicher, dass mit der speziellen Wasserkur des Hauses etwas ganz und gar nicht stimmt – immerhin hat noch nie einer der wohlhabenden Patienten das Resort wieder verlassen, stattdessen entscheiden sich alle dafür, für immer dort zu bleiben…


Horrorkino hat traditionell bei den Oscars eher schlechte Karten – aber wenn es nur ein bisschen gerecht zugehen würde in Hollywood, wäre „A Cure For Wellness“ der Goldjunge für das Beste Produktionsdesign bei der Verleihung 2018 eigentlich schon sicher: Was die vierfach oscarnominierte Eve Stewart („Les Misérables“) und ihr Ausstattungsteam alles in die imposanten Hallen, die abgelegenen Flügel und die versteckten Gänge der altehrwürdigen Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg hineingestellt haben, wo die Institutsszenen gedreht wurden, raubt einem schlicht den Atem: riesige (Steampunk-)Tanks, in die Spa-Gäste hineinsteigen und die dann mit Wasser vollgepumpt werden; reihenweise kupferne Schwitzkästen, in denen Patienten wie Legehennen stecken und „ausgepresst“ werden; eine geheime Gruft irgendwo zwischen Bond-Bösewicht-Versteck und den gruseligen Gewölben der Hammer-Horrorfilme der 1950er und 60er Jahre; schließlich eine Reihe von Urinproben mit nicht zu identifizierenden Stückchen drin (unser heimlicher Favorit). Dazu passt, dass die prachtvollen Bilder von Kameramann Bojan Bazelli („King Of New York“) neben ihrer herausgestellten Schönheit zugleich auch immer eine gewisse verstörende Note haben: Wes Anderson trifft David Lynch trifft Terence Fisher – und das mit erfreulich wenig CGI-Einsatz.

Aber nicht nur visuell, auch erzählerisch geht Gore Verbinski mit Unterstützung seines Drehbuchautors Justin Haythe („Zeiten des Aufruhrs“) hier so richtig in die Vollen! Was als Kritik am Wallstreet-Turbokapitalismus beginnt, wandelt sich mit der Ankunft im Schweizer Spa zunächst zu einem lynchesken Mystery-Puzzle: Sind die zunehmend selbstgebastelten Kreuzworträtsel einer Patientin der Schlüssel zur Lösung? Oder doch eher die 200 Jahre alten Legenden um einen Burgherrn, der zur Reinhaltung seiner Blutlinie seine eigene Schwester geschwängert hat? Was hat es mit der speziellen Wasserkur auf sich? War der Mini-Wurm in Lockharts Glas nur ein Zufall? Und die punkige Dorfjugend? Und der geheimnisvolle Oberarzt? Während man Verbinskis streng-komponierte Inszenierung genießt, ist es eine wahre Freude, nebenbei auch noch ordentlich mitzurätseln - subtile Hinweise, Anspielungen und Metaphern gibt es schließlich mehr als genug. Nur sollte man keinen fein säuberlich aufgedröselten Schlusstwist erwarten, denn „A Cure For Wellness“ bleibt trotz seiner vielen modernen Elemente im Kern ein klassischer Gothic-Horrorfilm, dessen opulent-feuriges Finale zugleich die halbe Filmgeschichte zitiert und einen würdigen Abschluss für einen zweieinhalbstündigen Leinwandexzess bildet.

Fazit: „Fluch der Karibik“-Regisseur Gore Verbinski gelingt mit seinem konsequent großgedachten (und nur einen Tick zu langen) Arthouse-Horror „A Cure For Wellness“ ein atmosphärisch wie visuell berauschendes Gothic-Gruselfest.
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Kommentare

  • peter p.

    Sehr geil, dass dieser Film auch so überzeugen kann. Nach einem ranzigen Januar kommt bei mir die Hoffnung auf, dass 2017 ein neues 2014 werden könnte - ein Jahr, in dem die Wide Releases überzeugen. Mit John Wick 2, The Lego Batman Movie und jetzt A Cure for Welness wurde auf jeden Fall ordentlich losgelegt. Weiter so, 2017!

  • Zach Braff

    Seehr schön! Freu mich über die gute Bewertung. Habe erst vor kurzem von dem Film gehört und selten hat mich ein Trailer so neugierig gemacht. Bin auch sehr gespannt auf Mia Goth. In "Survivalist" war sie klasse. Hoffe, man sieht in Zukunft mehr von ihr.

  • Jimmy V.

    Mich freut die gute Kritik ebenfalls. Der Film bekam ja hier und da gemischte Kriterien. Aber ich will, dass er gut ist. Und das scheint er wohl auch zu sein! Daher bleibe ich beim geplanten Kinobesuch.

  • Alfred Jodocus Kwak

    Finde die Bewertung deutlich zu positiv und wundere mich fast ein wenig, dass FS nicht wie sonst sich wertungstechnisch an das Gros der (in diesem Fall zurecht eher negativen) englischsprachigen Kritik anpasst. Das Ding war deutlich mehr als nur einen Tick zu lang, der Film nahm ja gar kein Ende mehr. Die letzte halbe Stunde wartete man eigentlich nur noch darauf, dass Verbinski endlich mal nen Schlussstrich zieht, doch anstelle dessen sorgt eine haarsträubende Wendung nach der anderen für unfreiwillige Komik. Ambitionierte, geradezu episch angelegte Horrormär, ja, aber definitiv einer der schlechteren Horrorfilme der letzten Jahre. Da reichen auch der angenehm altmodische Ansatz (Gothic Horror lässt grüßen) und so mancher reizvolle visuelle Einfall einfach nicht aus. 2,5/5 maximal.

    Da guck ich mir lieber noch mal den Lone Ranger an, der auf FS zu Unrecht verrissen wurde. Der war zwar auch schon zu lang (damit scheint Verbinski generell seine Probleme zu haben), wusste aber zumindest noch zu unterhalten.

  • HalJordan

    Also "La La Land" und "Manchester By The Sea" sind alles andere als ranzig.

  • HalJordan

    Das hört sich doch gut an. Habe mir bislang nur einen Trailer angeschaut und der sah sehr vielversprechend aus.
    Überhaupte halte ich Verbinski für einen talentierten Regisseur. Schade, dass es nach dem "Lone Ranger" verdammt ruhig um ihn geworden ist.

    Mit "The Ring" hat er schon sein Händchen für Horror-Streifen unter Beweis gestellt. Ich bin sehr gespannt.

  • Zach Braff

    Warum sollte sich Filmstarts denn bitte nach anderen Kritiken richten?! Das macht doch überhaupt keinen Sinn...

    Die Story ist natürlich verschachtelt aufgebaut und wird erst nach und nach (mit deinen angesprochenen Wendungen) aufgedeckt, jedoch in sich absolut schlüssig. Ein toller Film, der visuell nicht zu übertreffen ist und mich auch story-technisch vollkommen überzeugt hat. Aber bleib du mal lieber bei deinem Lone Ranger.

  • Zach Braff

    Grandioser Film. Kann mich Filmstarts hier voll anschließen. Meiner Meinung nach fallen die angesprochenen Längen noch weniger ins Gewicht. Würde ihm sogar noch einen halben Stern mehr geben.

  • AZ26

    Ich habe ACFW gestern gesehen, und finde ihn gut! Ja die Spieldauer von beinahe zweieinhalb Stunden schockt erstmal, doch ich selbst habe keine Längen empfunden, und es gibt kürzere Filme, bei denen hatte ich lange vor dem Ende schon Ermüdungserscheinungen.
    Die Stimmung wurde durchweg gehalten, und die Auflösung kam für mich halbwegs überraschend.
    Das Ende ... nun, man hätte es auch anders halten können und den Film mit der Parkbank enden lassen können (habe ich in dem Augenblick gedacht), doch auch so bin ich damit zufrieden. Nur jetzt in der Nachbetrachtung hätte mich die Szene, als seine Mutter eine Fernvision hatte und vor Schreck starb, und was dann am Sarg geschah, vorwarnen müssen.
    Diese Fernvision passt leider garnicht zum restlichen Film. Da hatte ich den Film mehr im Paranormalen verortet.
    Kleinere Fehler, wie man ein Hosenbein, und sei es auch abgeschnitten, über ein Gipsbein zieht, sind ärgerlich, tun dem Film als solchen aber keinen Abbruch.
    Neben der eigentlichen Handlung finde ich den Film auch als einen gelungenen Seitenhieb auf die ganze Wellnessbranche.
    "Säfte die uns krank machen, müssen raus" - köstlich!
    Ob man die Sache mit dem Wasser und dem Warum akzeptiert und sich auf den Film auf dieser Basis einlässt, liegt natürlich an jedem Einzelnen. Für micht ist nur wichtig, ob der Film in sich, in seiner geschaffenen Welt logisch und nachvollziehbar ist, und das ist er in meinen Augen.
    ACFW ist ein Film, auf den man sich einlassen (können) muss. Würde ich mir den Film kaufen (BluRay)? Ja.

  • ticorh

    Film fing sehr gut an, aber mit längerer Laufzeit und mit mehr Hinweisen, wie das ganze wohl Enden wird, wurde es leider für mich immer lächerlicher. Das letztendliche Horror-Märchen Ende hat mir rückwirkend den ganzen Film versaut.
    Die Auflösung des ganzen wird sehr früh angedeutet, ich hab dennoch gehofft, dass das Ende doch noch in der Realität geerdet sein wird.
    Auch die CGI am Ende konnte nicht überzeugen. Von den 80er Jahre möchtegern Punks ganz zu schweigen.

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