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Auslöschung
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Auslöschung
Von
Ein Frischling in der Entertainmentbranche ist Alex Garland (Jahrgang 1970) beileibe nicht mehr. Doch nun erreicht der Brite, der seine Karriere als Bestsellerautor von „Der Strand“ (als „The Beach“ mit Leonardo DiCaprio verfilmt) startete und dann eine Handvoll herausragender Drehbücher („28 Days Later“, „Sunshine“, „Alles, was wir geben mussten“) schrieb, ehe er mit dem Low-Budget-Sci-Fi-Thriller „Ex Machina“ sein gefeiertes Regiedebüt gab, bei seinem zweiten Film den vorläufigen Höhepunkt seines Schaffens: Sein ambitioniert-vielschichtiger Schocker „Auslöschung“ ist eine wahre Offenbarung. In seiner Adaption von Jeff VanderMeers gleichnamigem Bestseller findet er auf dem Fundament eines elektrisierenden psychologischen Thrillers die perfekte Balance zwischen Suvival, Horror, Mystery, Science-Fiction und Öko-Terror. Garlands Film ist ein psychedelisch angehauchtes Meisterwerk, das mit seinen Ecken und Kanten den üblichen, stromlinienförmigen Blockbustern so weit überlegen ist, dass man ihm zu seinem surrealen Trip nur gratulieren kann.

Seit drei Jahren tritt in einer Küstenregion im Süden der USA ein rätselhaftes Phänomen auf, das sich immer weiter ausbreitet. Die geheime Regierungsorganisation Southern Reach hat das kontaminierte Gebiet hermetisch abgeriegelt und für die Öffentlichkeit die Legende einer Umweltkatastrophe erfunden. Doch in Wirklichkeit weiß niemand, was in der sogenannten Area X passiert. Denn der Bereich steckt hinter einer durchlässig-wabernden Wand, dem sogenannten Schimmer. Kommunikation ist durch diese Barriere hindurch nicht möglich und keiner der Soldaten, die Southern Reach durch den Schimmer in die abgeschirmte Zone geschickt hat, ist je zurückgekommen. Doch dann taucht Special-Forces-Mitglied Kane (Oscar Issac) ein Jahr nach seiner Entsendung in die Area X plötzlich wieder bei seiner Frau Lena (Natalie Portman) auf - zombiehaft apathisch und todkrank. Die ehrgeizig-verschlossene Biologie-Professorin Lena ist versessen darauf, herauszufinden, was mit ihrem Mann geschehen ist und schließt sich der nächsten Expedition an. Neben der ehemaligen Soldatin Lena gehören dem reinen Frauen-Team die Physikerin Josie Radek (Tessa Thompson), die Rettungssanitäterin Anya Thorensen (Gina Rodriguez), die Landvermesserin und Geologin Cass Shepard (Tuva Novotny) sowie die Psychologin Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh) als Expeditionsleiterin an. In der Sperrzone machen sie schon bald schockierende Entdeckungen…


Spoiler-Warnung: Hier geht es im Detail um die Veränderungen gegenüber dem Buch

Alex Garland gab zu Protokoll, dass er Jeff VanderMeers Roman „Auslöschung“ nur einmal gelesen und seinen Film mehr als einen „Traum von dem Buch“ angegangen ist. Und tatsächlich ist seine Adaption gerade deshalb so genial, weil er die Essenz der in der Urform wohl unverfilmbaren Vorlage nimmt und einen eigenen Weg findet, die Inhalte zu interpretieren und in Filmsprache zu verwandeln. Er verfilmt ausschließlich den ersten Band aus VanderMeers Southern-Reach-Trilogie, zu der auch noch „Autorität“ und „Akzeptanz“ gehören, und nimmt sich dabei alle Freiheiten heraus, die er braucht: Die fünf Teammitglieder (statt vier) haben plötzlich Namen (statt nur in ihren Funktionen aufzutreten), Hypnose spielt im Film keine Rolle, den zentralen Handlungsort des Turms (oder Tunnels) gibt es im Film ebenso wenig wie die Mastermind-Behörde Central – und auch das gruselige Ende ist im Vergleich zum Buch verändert worden, was sich als smarter Schachzug erweist. 

Ende Spoilerwarnung

Selten wurden verschiedene Zeitebenen so geschmeidig verschmolzen wie bei „Auslöschung“, sodass sie gut auseinanderzuhalten sind. Aber Garland gibt dem Zuschauer Orientierung, indem er Natalie Portmans Biologin Lena als Off-Erzählerin aufbietet, über die er auf reizvolle und effektive Weise nach und nach verschiedene Bruchstücke des Rätsels freilegt. Der Regisseur streut dabei gewissermaßen Brotkrumen aus, die wir als Zuschauer begierig aufsammeln, um einen Blick auf das große Ganze zu bekommen. Und auch bei den Flashbacks in die „normale“ Welt außerhalb von Area X versorgt er uns gezielt mit weiteren Informationen zu den Figuren und Handlungen, wobei die Spannung immer weiter steigt. Für zusätzliche konstruktive Irritation sorgt dabei die Tatsache, dass die Lena der Handlung und die Erzählerin Lena sich gelegentlich widersprechen - vollkommene Sicherheit gibt es hier nie.

Der Film eröffnet immer wieder neue Interpretationsspielräume und durchläuft bei all dem gleichsam selbst immer wieder Metamorphosen, die hervorragend zu dem inhaltlichen und gestalterischen Leitmotiv der brüchigen Identitäten passen. Mehrere Sub-Genres fließen harmonisch ineinander: Beginnend als Mystery-Film wandelt sich „Auslöschung“ erst zu einem packenden Survival-Thriller, der mit sehr wenigen, aber umso heftigeren Body-Horror-Nadelstichen durch attackierende mutierte Raubtiere aufgepeitscht wird, und mündet schließlich in ein emotional überwältigendes transzendentales Finale.

Die fünf Frauen, die sich nie richtig über den Weg trauen und doch zusammenhalten müssen, sind alle auf ihre Weise „seelisch beschädigt“ („damaged goods“ im Original), wie es einmal im Film heißt. Sie haben nicht viel zu verlieren auf ihrem Trip ins Ungewisse, in eine unverständliche Welt, die faszinierend zwischen der betörenden Schönheit der mutierten Flora und dem Bedrohungsterror der degenerierten Tierwelt pendelt. „Es zerstört alles“, sagt die Psychologin an einer Stelle. „Nein, es zerstört nicht. Es erschafft etwas Neues“, antwortet ihr die Biologin. Garland wirft ganz nebenbei spannende philosophische Fragen auf, über die Existenz des Menschen, über das Leben und das Universum, über Selbstwahrnehmung, Evolution und ökologische Vergeltung.

Selten war Natalie Portman (Oscar für „Black Swan“) besser als bei diesem sprichwörtlichen Abstieg in den Kaninchenbau. Die nüchterne Lena ist in ihrer Lesart etwas weniger abweisend als im Buch, wodurch ihre Motivation - sie will unbedingt das Schicksal ihres geliebten Mannes aufklären und ihn retten -  umso glaubhafter wirkt. Mit unerschöpflicher Energie begibt sie sich auf ihre selbstzerstörerische Reise ins Herz der Finsternis und ringt zwischen Wahn und Wahrheit um Erlösung und Erkenntnis. Neben der intensiv aufspielenden Portman zeigen aber auch die anderen Darstellerinnen eindringliche Leistungen und geben der Gedankenfülle des Films jederzeit auch eine emotionale Dimension.

Kostete Garlands spartanischer Debütfilm „Ex Machina“ noch magere 15 Millionen Dollar, darf der Brite jetzt 40 Millionen Dollar für „Auslöschung“ ausschöpfen. Das Geld ist sehr gut eingesetzt: Die Spezialeffekte des fluoreszierenden Schimmers sind im Zusammenspiel mit dem tollen Gitarrenscore von Portisheads Geoff Barrow und Ben Salisbury wunderbar atmosphärisch, außerdem fängt der als zentrales Musikstück eingesetzte Songklassiker „Helplessly Hoping“ von Crosby, Stills & Nash auf den Punkt genau die Stimmung des Films ein. Und die großartig suggestiven Bilder von Kameramann Rob Hardy („Mission Impossible: Fallout“) schreien geradezu danach, auf der großen Kinoleinwand bewundert zu werden. Dass uns diese Gelegenheit verwehrt bleibt, ist der einzige Wermutstropfen.

Fazit: Alex Garland ist mit dem verstörenden Sci-Fi-Terror-Kracher „Auslöschung“ ein nervenzerfetzender psychologischer Thriller gelungen, der Einflüsse von Regievisionären wie Stanley Kubrick, David Cronenberg und Darren Aronofsky brillant vereint. Ein atmosphärisches Meisterwerk voller kühner Ideen - nicht nur für Freunde des ambitionierten Science-Fiction-Kinos.
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