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    Bernadette
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Bernadette

    Ab in den Antarktis-Urlaub!

    Von Oliver Kube
    Der in Houston geborene Richard Linklater ist seit seinem Debüt „It's Impossible To Learn To Plow By Reading Books“ aus dem Jahr 1988 einer der umtriebigsten Filmemacher der USA. Ähnlich wie Woody Allen gelingt es ihm nahezu jedes Jahr, einen neuen, meist selbstgeschriebenen und -produzierten Streifen in die Kinos zu bringen. Dabei ist Linklater herrlich unberechenbar – und das betrifft nicht nur die Genres, zwischen denen er scheinbar nach Belieben hin und her springt: Von Kult-Komödien wie „Confusion - Sommer der Ausgeflippten“ über Coming-of-Age-Dramen wie dem vielfach preisgekrönten Langzeitprojekt „Boyhood“ und der immens populären „Before Sunrise“-Trilogie bis hin zum animierten Sci-Fi-Thriller „A Scanner Darkly“ ist wirklich alles dabei. Mit der Tragikomödie „Bernadette“ verbindet der Texaner nun viele seiner zuvor erprobten Elemente zu einem aus dem Rahmen fallenden, sympathisch-anrührenden, nur an einem (etwas) schwachen Finale krankenden Film, der dazu klasse aussieht und eine brillant aufspielende Cate Blanchett in der Titelrolle zu bieten hat.

    Ende der 1990er war Bernadette (Cate Blanchett) der aufsteigende Stern am Architekturhimmel von Los Angeles. Doch dann wurde ihr liebstes Gebäude einfach abgerissen und die geniale junge Frau stürzte in eine tiefe Sinn- und Schaffenskrise. Zusammen mit ihrem für einen Softwarekonzern arbeitenden Mann Elgie (Billy Crudup) und der aufgeweckten Teenagertochter Bee (Emma Nelson) lebt sie heute in einer heruntergekommenen, teilweise schon überwucherten alten Villa in Seattle. Längst zu einer höchst eigenwilligen Misanthropin mutiert, führt Bernadette einen Kleinkrieg mit ihrer Nachbarin (Kristen Wiig), der irgendwann komplett aus dem Ruder läuft. Als sich dann noch herausstellt, dass ihre nur als Stimme am Telefon existierende Assistentin in ihrem Namen Betrügereien begeht und deshalb das FBI vor der Tür steht, wächst der überforderten Bernadette endgültig alles über den Kopf. Kurzerhand ergreift sie die Flucht und verschwindet – und zwar in die Antarktis...

    Bernadette (Cate Blanchett) muss einfach mal raus...


    Beim Visuellen, der Atmosphäre und zumindest in Ansätzen auch bei der Story gibt es hier durchaus Ähnlichkeiten zu dem 2014 in die Kinos gekommenen „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ von und mit Ben Stiller. Es geht in beiden Filmen um die Liebe zum Beruf beziehungsweise den Verlust derselben. Es wird viel fabuliert. Es gibt schräge Figuren und Situationen. Und auch optisch ist zumindest eine große Parallele festzustellen: Die Szenen in „Bernadette“ im polaren Eismeer ganz zu Beginn und dann erneut am Ende erinnern an die surrealen Reise-Momente in „Walter Mitty“, als der Titelheld sich auf seiner Odyssee plötzlich auf Grönland wiederfindet – was auch daran liegen dürfte, dass Linklater die Antarktis-Sequenzen tatsächlich auf Grönland gedreht hat. Während sich Stillers Streifen allerdings wie ein modernes Märchen anfühlt und die Hauptfigur verträumt, irgendwie abgehoben daherkommt, wirken Linklaters Arbeit und vor allem seine Protagonistin – aller Exzentrik zum Trotz – dennoch erstaunlich authentisch und geerdet.

    Ein Song zur rechten Zeit


    Recht zu Beginn gibt es eine Szene zwischen der von Cate Blanchett („Babel“) mit offensichtlicher Spielfreude sowie wunderbar sarkastischen Bemerkungen zum Leben erweckten Bernadette und der talentierten Newcomerin Emma Nelson als Bee im Auto: Das sich spürbar nahestehende Mutter-Tochter-Duo fängt spontan mit Inbrunst und Emotion an, das im Radio laufende „Time After Time“ mitzusingen. Den perfekten Song im idealen Moment einzusetzen, ist eine Spezialität des Regisseurs. Linklater weiß einfach, wie er dem Zuschauer so unaufdringlich das Herz wärmen und ihn dabei die beiden Charaktere schon zu einem frühen Punkt ins Herz schließen lassen kann.

    Wer zum Beispiel Linklaters „Everybody Wants Some!!“ gesehen hat, wird sich garantiert an den vom jungen Hauptcast auf so perfekte Weise gerappten Hip-Hop-Klassiker „Rapper’s Delight“ von der Sugar Hill Gang erinnern. Anders, weil viel melancholischer, und doch ähnlich effektiv setzt Linklater nun Cyndi Laupers wunderschöne Ballade ein, um uns seine Figuren nahe zu bringen. Sehr sympathisch (wenn schon ziemlich blauäugig, wie sich herausstellt) und top geschrieben sind zudem Bernadettes Unterhaltungen mit Manjula, ihrer angeblich in Indien ansässigen Assistentin, die einen sofort an Amazons Alexa erinnert.

    ... während ihr Mann und ihre Tochter überall nach der plötzlich verschwundenen Architektin suchen.


    Deutlich schwerer tun sich Linklater und das von ihm mitverfasste, auf dem Bestseller-Roman der ehemaligen Sitcom-Autorin Maria Semple („Verrückt nach Dir“) basierende Skript damit, nach dem exzellent gelungenen Aufbau und einem turbulenten Mittelteil auch noch eine glaubhafte Auflösung zu präsentieren. Bernadette weiß sehr wohl: Sie selbst ist es, die ihre Kreativität an jedem Tag, den sie ihr keinen freien Lauf lässt, weiter und weiter erstickt. Die Angst davor, erneut das Herz herausgerissen zu bekommen, zwingt sie allerdings, sich zurückzuziehen und nichts mehr zu riskieren. Das ist ebenso traurig wie nachvollziehbar.

    Dass ein schöner Urlaub, selbst wenn man für ihn buchstäblich ans Ende der Welt fahren müsste, jedoch das Allheilmittel gegen Depressionen und mentale Blockaden sein soll, ist dann aber doch zu leicht (und seicht!) gedacht, um das Finale wirklich befriedigend wirken zu lassen. Weil uns Linklater und vor allem Blanchett auf dem Weg dorthin so viele berührende, freudige, amüsante und auch zum Nachdenken anregende Momente kredenzen, ist diese Schwäche im Abschluss aber nur halb so schlimm.

    Fazit: Trotz (oder wegen?) ihrer diversen Macken ist es nahezu unmöglich, die von der wie immer wunderbaren Cate Blanchett gespielte Titelfigur nicht zu mögen. Daran ändert auch das allzu weichgespülte Ende nichts.

     

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