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    Tatort: Schwanensee
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Tatort: Schwanensee
    Von Lars-Christian Daniels

    Ring frei für die nächste Quotenrunde! Bevor Schauspieler und Filmemacher Til Schweiger („Honig im Kopf“) Ende November 2015 mit seinem neuen „Tatort: Der große Schmerz“ und Gaststar Helene Fischer einen neuen Zuschauerrekord einfahren möchte, legen seine härtesten Konkurrenten im Kampf um die TV-Krone vor: Schon 2013 lachte das beliebte Münsteraner Duo Axel Prahl („Berlin 36“) und Jan Josef Liefers („Nacht über Berlin“) zuletzt, als es Schweigers vieldiskutierten ersten „Tatort: Willkommen in Hamburg“  zwei Wochen danach mit dem „Tatort: Summ, summ, summ“ in der Publikumsgunst noch übertraf. Auch André Erkaus „Tatort: Schwanensee“ dürfte wieder rund 13 Millionen Krimi-Fans vor den Fernseher locken – und anders als bei den zuletzt stark klamauklastigen vorigen Folgen aus Westfalen ist die Mischung aus Krimi und Komödie diesmal wieder stimmiger. Die fehlende Spannung und die sehr schemenhafte Figurenzeichnung werden beim 28. gemeinsamen Einsatz des populärsten aller aktuellen „Tatort“-Duos durch einige überraschende Ideen und gelungene Pointen wieder wettgemacht.

    Eigentlich ist Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) gerade auf dem Weg in den Malediven-Urlaub, doch dann erreicht ihn ein Anruf von Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl): Im Münsteraner Therapiezentrum „Schwanensee“ wurde die Leiche der hübschen Mona Lux (Jessica Honz) mit Gewichten beschwert auf dem Grund des hauseigenen Schwimmbads gefunden. Autist Andreas Kullmann (Robert Gwisdek), der dort wie jeden Morgen seine Bahnen geschwommen ist, will die Tote nicht bemerkt haben. Boerne tippt nach einer Schnelldiagnose auf Suizid – doch als im Blut des Opfers ein starkes Narkotikum nachgewiesen wird, wirft er seine Urlaubspläne über den Haufen und mischt sich als vorgeblicher Therapeut unter die psychisch kranken Patienten. Seine heimlichen Ermittlungen sind vor allem dem Leiter der Klinik, Professor Weimar (Hanns Jörg Krumpholz), ein Dorn im Auge, während Therapeutin Lina Westendonk (Sarah Hostettler) ihren Job nach dem Fund der Leiche kurzerhand kündigt. Thiel findet unterdessen heraus, dass die ermordete Mona Lux offenbar weder Angehörige noch eine Adresse hatte...

    Die ersten Minuten der Krimi-Komödie täuschen: Regisseur André Erkau („Das Leben ist nichts für Feiglinge“), der gemeinsam mit den erfahrenen TV-Autoren Thorsten Wettcke („Die Hebamme“) und Christoph Silber („Banklady“) auch das Drehbuch zum „Tatort: Schwanensee“ schrieb, setzt deutlich seltener auf Klamauk und harmlose Altherrenwitzchen als seine Kollegen bei den Münsteraner Vorgängern „Tatort: Mord ist die beste Medizin“ und „Tatort: Erkläre Chimäre“. Thiels Beinahe-Sturz im Schwimmbad, der Erinnerungen an den Silvester-Klassiker „Dinner for One“ weckt, bleibt eine ebenso alberne Ausnahme wie Boernes einleitende Trockenübungen vor dem Wohnzimmerspiegel, mit denen sich der Professor in kompletter Taucher-Montur auf seinen anstehenden Urlaub vorbereitet. Stattdessen entwirft Erkau im malerisch gelegenen Therapiezentrum am Aasee eine für Münsteraner Verhältnisse durchaus bodenständige Whodunit-Konstruktion, bei der die Ermittlungen und die Auflösung der Täterfrage erfreulicherweise nicht komplett hinter Zoten und Slapstick zurückstehen müssen.

    Schon die gemeinsame Taxifahrt von Boerne und Herbert „Vaddern“ Thiel (Claus Dieter Clausnitzer), aus der sich der beste Running Gag des Films ergibt, ist ein Volltreffer – und spätestens als die herbeizitierte Assistentin Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch) die flugs ausgedruckten Testergebnisse vom Straßenrand aus ins vorbeibrausende Taxi reicht, laufen alle Beteiligten zu Hochform auf. Auch die bunte Schar amüsanter Nebenfiguren macht den 961. „Tatort“ zu einer unterhaltsamen Krimi-Komödie, die „Schwanensee“-Patienten sorgen immer wieder für Lacher. Während die an unersättlicher Libido leidende Evi Haberlein (Manuela Alphons) Boerne wenig subtil anflirtet, bringt der köstlich-derbe Heinz Metzger (Matthias Hörnke) keinen Satz ohne Kraftausdruck über die Lippen. Die herausragende Figur aus der sympathischen Patiententruppe ist Autist Andreas Kullmann (brillant: Robert Gwisdek, „Schoßgebete“), der binnen Sekunden komplexeste Rechenaufgaben lösen kann und damit immer wieder für Verblüffung sorgt. Restaurantwirt Alberto Di Sarto (Roberto Guerra) und die schizophrene Isa Storch (Nadja Zwanziger), die keine Folge ihrer Lieblings-Telenovela verpasst, sind als wandelnde Klischees hingegen weniger gut gelungen.

    Knisternde Spannung oder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Krankheitsbildern sind im Münster-„Tatort“ nicht zu erwarten – statt mit fiebriger Ermittlungsarbeit und verblüffenden Wendungen punktet der humorvolle, aber nie zu abgedrehte „Tatort: Schwanensee“ mit originellen Einfällen: Während etwa bei den Einsätzen von Til Schweigers Nick Tschiller atemberaubende Action-Einlagen an der Tagesordnung sind (ab Februar 2016 im „Tatort: Off Duty“ auch im Kino), strampeln Thiel und Boerne dem Mörder lieber gemütlich in einem Tretboot hinterher, wenn dieser in einem ebensolchen Vehikel auf den Aasee flüchtet. Auch die Neckereien zwischen Thiel und der im „Tatort: Erkläre Chimäre“ zur Kommissarin beförderten Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) sorgen für Dialogwitz und stehen den obligatorischen Frotzeleien zwischen Bonvivant Boerne und Alberich diesmal in nichts nach. Wenngleich die Gagdichte gegen Ende etwas nachlässt, wird der „Tatort“ aus Münster die Erwartungen seiner Fans einmal mehr auf ganzer Linie erfüllen.

    Fazit: André Erkaus „Tatort: Schwanensee“ ist eine in Maßen alberne Krimi-Komödie aus Münster, die dank sympathischer Figuren und origineller Drehbucheinfälle ordentlich unterhält.

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