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Mercenary
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Mercenary
Von Carsten Baumgardt
Während das Schaulaufen der Stars, Sternchen und Arthouse-Schwergewichte auf den Treppen zum Festivalpalast in Cannes regelmäßig einen jahrmarktähnlichen Ausnahmezustand auslöst, geht es ein paar Hundert Meter weiter die Croisette herunter deutlich beschaulicher zu: Dort werden die Filme der traditionellen Parallelveranstaltung zum offiziellen Programm gezeigt, der Quinzaine des Réalisateurs. Hier gehören die zwei Wochen des Festivals den vielversprechenden Neulingen unter den Regisseuren und jenen Werken bereits etablierter Kräfte, die für den Wettbewerb um die Goldene Palme zu sperrig oder zu ungeschliffen sein mögen. So konnten aufgeschlossene Cannes-Besucher im Laufe der Jahre frühe Werke von großen Namen wie Martin Scorsese, Werner Herzog, Ken Loach, Michael Haneke, Sofia Coppola und den Dardenne-Brüdern entdecken. Ob der Franzose Sacha Wolff eines Tages in einem Atemzug mit diesen Ausnahmekünstlern genannt wird, bleibt abzuwarten, aber sein Erstling „Mercenary“, der 2016 den Hauptpreis als Bester europäischer Film der Quinzaine 2016 gewonnen hat, ist ein beeindruckender Nachweis seiner Klasse. Das dicht inszenierte Sozial-Drama handelt vom jungen polynesischen Rugby-Spieler Soane (Toki Pilioko), der nach dem Transfer in eine unterklassige französische Liga um seinen Platz in der Gesellschaft und für seinen Traum vom finanziell lukrativen Profisport kämpft.


Das Langfilm-Debüt des gebürtigen Straßburgers Sacha Wolff beeindruckt mit einer bereits erstaunlich ausgereiften Bildsprache, die in ihrem dynamisch-expressiven Gestus an die großen Werke von Jacques Audiard („Ein Prophet“, „Der Geschmack von Rost und Knochen“) erinnert. Wolff taucht tief in die Lebenswelt und das schroffe Umfeld seiner realitätsnah gezeichneten Figuren ein, zeigt zugleich aber auch ein ausgeprägtes Gespür für ganz große, ausdrucksstarke Kinobilder. So steht die paradiesische Landschaft der französischen Südseekolonie Neukaledonien in wirkungsvollem Kontrast zu ihrer sozialen Tristesse. Die miefige Provinz des Mutterlands wiederum scheint gar auf einem anderen Planeten zu liegen: Der Maori Soane wird von den Einheimischen nach seiner Übersiedlung größtenteils wie ein Wilder aus dem Taka-Tuka-Land behandelt, obwohl er doch ganz offiziell französischer Staatsbürger ist und auch noch perfekt französisch spricht. Wer aber glaubt, dieser Sportler mit dem massigen Stiernacken sei naiv, wie es nach einem verheerenden Konflikt mit seinem Alkoholikervater zunächst scheint, der irrt ... „Mercenary“ (deutsch: „Söldner“) ist eine Coming-Of-Age-Geschichte, in der ein junger Mann auf die harte Tour erwachsen wird. Muskelberg Soane passt sich den rauen Methoden der Rugby-Branche an und erkämpft sich seinen Platz, er steckt viel ein, ehe er schließlich selbst austeilt. Und Newcomer Toki Pilioko brilliert mit einer wuchtigen Darstellung voller Blut und Tränen.

Fazit: Sacha Wolff liefert mit seinem toughen Rugby-Drama „Mercenaire“ ein mitreißendes Kinodebüt ab.

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